Tausche: Wahrheit gegen Freiheit

KONSEQUENZEN Unerbittlich verfolgen die Vereinigten Staaten Whistleblower, die Geheimnisse ihrer Dienste enthüllen. Die Dokumentation „Schweig, Verräter!“ (20.15 Uhr, Arte) erzählt drei dieser Fälle nach

Sie sind nicht so bekannt geworden wie Edward Snowden. Doch es gab sie, nach den Anschlägen vom 11. September und vor Snowden: andere Whistleblower in den US-Geheimdiensten und Regierungsbehörden, deren Gewissen ihnen keine Ruhe gelassen hat. Männer und Frauen, die offensichtliche, gravierende Rechtsbrüche publik machen mussten. Die via Crowdfunding finanzierte Dokumentation von James Spione porträtiert drei von ihnen.

John Kiriakou hat für die CIA gearbeitet, Thomas Drake für die NSA, Jesselyn Radack für das Justizministerium. Radack vertritt inzwischen Kiriakou, Drake und andere Whistleblower juristisch. Ihren Job beim Ministerium kündigte sie, als sie feststellen musste, dass die von ihr über den mutmaßlichen US-Talib John Walker Lindh angelegte Akte frisiert worden war. Aus der vollständigen Akte wäre hervorgegangen, dass Lindh bei seiner Befragung ein Rechtsbeistand bewusst vorenthalten worden war. Thomas Drake, der dieses Jahr auch vor dem NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags ausgesagt hat, war mit seinen intern geäußerten datenschutzrechtlichen Bedenken gegen Spähwerkzeuge des US-Geheimdienstes übergangen worden.

„In der Geschichte der USA sind erst zehn Menschen wegen Geheimnisverrats verurteilt worden, sieben davon unter Obama“

WHISTLEBLOWER-ANWÄLTIN JESSELYN RADACK

Das Zentrum des Films aber ist John Kiriakou. Nach dem 11. September 2001 wurde er Chef der CIA-Terrorabwehr in Pakistan – und als solcher an der Festnahme eines angeblichen islamistischen Topterroristen beteiligt. Die CIA hielt Abu Subaida für die Nummer drei in der Al-Qaida-Hierarchie und hat inzwischen eingeräumt, ihn 83-mal Waterboarding, also simulierter Ertränkung, unterzogen zu haben. Kiriakou machte publik, dass die CIA Waterboarding und andere Foltermethoden anwendete. Von alldem erzählt James Spione in seinem Film – auch mithilfe von kurzen, in Schwarz-Weiß gedrehten Reenactment-Sequenzen. Vor allem aber lässt Spione die drei Whistleblower selbst erzählen. Nicht zu Wort kommt hingegen die andere, die „offizielle“ Seite. Was die Frage aufwirft, ob James Spione tatsächlich keinen einzigen Advocatus Diaboli gefunden haben soll – oder ob er einen solchen lieber einfach nicht in seinem Film haben wollte.

Seine drei Whistleblower erzählen also von den Konsequenzen ihrer Enthüllungen. Von Verfahrenskosten in Millionenhöhe. Vom Zwang, aus dem Familienheim ausziehen zu müssen. Von der Unmöglichkeit, einen neuen Job zu finden – sei es auch nur im Supermarkt oder bei Starbucks. (Thomas Drake immerhin wird bei Apple eingestellt – für ein Viertel seiner früheren Bezüge.)

Um einer langen Haftstrafe zu entgehen, lässt sich Kiriakou auf einen Deal ein, der ihn „nur“ 30 Monate hinter Gitter bringt. Aufnahmen von Kiriakous Abschied von der Familie erzeugt so viel Intimität, wie gerade noch erträglich ist. Der Zuschauer hätte es auch anhand von Jesselyn Radacks Zusammenfassung begriffen: „In der Geschichte Amerikas sind erst zehn Menschen wegen Geheimnisverrats verurteilt worden, sieben davon unter Barack Obama. Die Folgen dieses Urteils für sein Leben – als Verräter zu gelten, Familie und Freunde zu verlieren, horrende Anwaltsschulden – sind Teil des Plans, einen Whistleblower in den persönlichen Ruin zu treiben. Ihn zu zermürben, bis er sich schuldig bekennt und alles tut, damit die Sache ein Ende hat.“

Vergangene Woche hat der CIA-Folterbericht des US-Senats die Welt kurz aufgeregt, doch die Folterer haben nichts zu befürchten. Das Bundesverfassungsgericht will nicht zuständig sein für die Frage, ob Edward Snowden in Deutschland vor dem NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestages gehört werden muss. James Spiones kleiner Film wird an alldem nichts ändern. Erhellend ist er trotzdem.