„Man muss alte Leute mögen“

BETREUUNG Ergänzung zu Pflege und Hausarbeit: Seniorenassistenten nehmen sich Zeit für Menschen, die sonst oft allein sind. Das Berufsbild ist nicht geschützt, die Ausbilder bieten unterschiedliche Qualifizierungen an

VON JOACHIM GÖRES

„Ich habe gehört, Sie sind gestern ohne Rollator allein auf der Hildesheimer Straße unterwegs gewesen. Das ist nicht gut, Frau Janek, da können Sie leicht fallen.“ Erna Janek lächelt, als sie diese Worte von Larissa Karassenko hört, und entgegnet: „Aber draußen ist es doch so schön. Und die Polizei hat mich wieder nach Hause gebracht, wie sonst auch, da kann mir nichts passieren.“

Seit fünf Jahren betreut Karassenko die 86-jährige Janek. Sie besucht die rüstige Seniorin mehrfach die Woche in ihrem Heim in Hannover. „Frau Janek isst nicht, wenn sie allein ist. Deswegen versuche ich immer, zu den Mahlzeiten zu kommen“, sagt Karassenko. Danach geht sie mit ihr dann meistens spazieren, macht kleinere Besorgungen oder geht auf ein Eis in ein Café. Frau Janek ist gern unter Leuten und hat einen starken Bewegungsdrang. Das kann zum Problem werden – wegen ihrer Demenz findet sie oft den Weg nicht mehr allein zurück. „Sie braucht Beschäftigung, ist neugierig auf ihre Umwelt und sehr lebensfroh. Wir mögen uns“, sagt Karassenko.

Die gelernte Architektin stammt aus Russland, hat in Deutschland im Hotelgewerbe gearbeitet und nebenher ehrenamtlich Senioren betreut. Die heute 55-Jährige wollte sich gern selbstständig machen – deswegen hat sie 2009 eine Fortbildung besucht. Das Weiterbildungsunternehmen Ute Büchmann bietet in verschiedenen Städten Kurse im Umfang von 120 Stunden an, in denen es unter anderem um Fragen der Ernährung, um Fitnessübungen, die Freizeitgestaltung, den Umgang mit Tod und Trauer, die Psychologie des Alters und Krankheiten oder rechtliche Fragen geht. Rund 1.700 Euro kostet diese Fortbildung, am Ende gibt es ein Zertifikat über die Fortbildung zur Seniorenassistentin. Die Pflege von alten Menschen sowie Hausarbeit gehören ausdrücklich nicht zu ihren Aufgaben.

„Anfangs war es für mich schwierig, mein Angebot überhaupt bekannt zu machen“, sagt Karassenko. „Inzwischen werde ich auf Empfehlung hin angerufen und kann mir auch eine Absage leisten, wenn die gegenseitige Sympathie fehlt.“ Reich könne sie als Seniorenassistentin zwar nicht werden, sagt Karassenko, aber es reiche zum Überleben. Derzeit betreut sie sechs Frauen in Heimen im Großraum Hannover und verdient, bei einem Stundensatz zwischen 20 und 30 Euro, damit etwa 1.200 Euro netto im Monat. Meist wird das Geld von rechtlichen Betreuern aus dem Vermögen der Senioren bezahlt.

Wer Seniorenassistent werden will, sollte laut Karassenko eine Voraussetzung erfüllen: „Man muss alte Leute mögen. Ich habe auch gern Kontakt zu Menschen mit Demenz, denn die sagen, was sie denken, und merken sofort, wenn man sie anlügt.“ Karassenko verschweigt aber auch die Schwierigkeiten nicht, die der Beruf mit sich bringt: „Vor einiger Zeit sind innerhalb von fünf Monaten sechs Personen gestorben, die ich betreut habe. Das war schon sehr schwierig, denn ich hatte ein sehr persönliches Verhältnis zu ihnen und erfuhr in unseren Gesprächen viel über ihre Geschichte.“

Mit der zunehmenden Überalterung Deutschlands wird es einen wachsenden Bedarf an Seniorenassistenten geben, sagt Claudia Kaiser, die gesundheitspolitische Referentin bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen. Dazu wird nach ihrer Einschätzung auch das Pflegestärkungsgesetz beitragen, das ab kommendem Jahr gilt und durch das Personen mit einer Pflegestufe mehr niedrigschwellige Angebote von der Pflegeversicherung finanziert bekommen sollen. „Jedes Bundesland wird dazu eigene Regelungen in Kraft setzen, es wird also regionale Unterschiede geben. Grundsätzlich schreibt das neue Gesetz bestimmte Standards vor, die Anbieter erfüllen müssen. Das ist positiv“, sagt Kaiser.

Sie weiß, dass sich Seniorenbegleiter oder Seniorenassistent jeder nennen darf – umso wichtiger sei es, auf die Qualifikation zu achten. Eine zertifizierte Fortbildung im Umfang von 120 Stunden für professionelle Seniorenassistenten sei ein ernst zu nehmendes Angebot. Daneben gibt es unter anderem auch von kirchlichen Trägern kostenlose Ausbildungen für Ehrenamtliche, die ältere Menschen in ihrer Freizeit unterstützen möchten. „Ich denke, dass der große Bedarf an nichtpflegerischer Hilfe nicht allein durch ehrenamtliche Kräfte gedeckt werden kann“, sagt Kaiser.

Karassenko wird weiterhin für alte Leute Gedächtnistraining und Yoga anbieten, mit ihnen einkaufen und backen, sie ins Theater oder zum Arzt begleiten, ihnen etwas vorlesen oder mit ihnen basteln, sich mit ihnen über Gott und die Welt unterhalten oder sie ganz einfach in den Arm nehmen. Mit Erna Janek, mit der sie schon auf gemeinsamen Ausflügen unterwegs war, möchte sie gern noch viel Zeit verbringen. An der Seniorin soll es nicht liegen: „Meine Eltern sind 102 und 104 geworden, und ich will auch 100 werden.“