Ein Bild von einer Frau

Karin Stilke war von den 30ern bis in die 50er Jahre ein gefragtes Fotomodell, zeitweise orientierten sich sogar Modezeichnungen an ihr. Ein Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt die Fotografien und dokumentiert damit die Inszenierung einer eisernen Weiblichkeit

Doch, es gibt diese Fotos, da liegt Karin Stilke im Badeanzug auf einem bootsähnlichen Untersatz, halb aufgestützt auf einen Ellbogen. Mit der anderen Hand hält sie einen riesigen Hut fest und lächelt am Betrachter vorbei. Ein bisschen sieht sie auf solchen Fotos aus wie eine Vorläuferin von Romy Schneider, nicht ganz so verletzbar vielleicht, ihr Körper ist in ein weiches, helles Licht getaucht.

Es ist ein Foto von 1937, zwei Jahre vor Kriegsbeginn, aber davon ist noch nichts zu spüren. Es ist Sommer auf diesem Foto, das wirkt, als sei es nicht im Studio, sondern am Mittelmeer aufgenommen, und jetzt im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe hängt. Karin Stilke, die 1937 noch gar nicht Stilke hieß, sondern Lahr, war noch sehr jung und dabei, Germany’s next Topmodel zu werden.

Die alte Dame, die bei der Ausstellungseröffnung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe in der ersten Reihe sitzt, ist ein entzückendes Geschöpf. Ihre Augen blitzen, ein Küsschen rechts, ein Küsschen links, sie muss sich ein wenig strecken dazu, doch die Schlange der Gratulanten will nicht abreißen. Viele ältere Herren sind darunter, denen ein elegantes Tuch aus dem Jackett lugt, Karin Stilke lächelt. „Moment“, sie fasst sich an den Kopf, „Ihren Namen habe ich vergessen.“ Es ist die Vergesslichkeit von jemand, der Hunderten, Tausenden Menschen begegnet ist in einem langen Leben. „Danke“, wird sie am Ende sagen, als die Reden vorüber sind, „ich möchte einfach Dankeschön sagen“, und dabei stellt sie sich auf die Zehenspitzen.

„Karinmäuschen“ nennt sie Museumsdirektor Wilhelm Hornbostel in seiner Rede, in der er sagt, was überall schon zu lesen war: dass das Modeln ihr im Blut liegt, sie immer noch die Beine kreuzt, eine Schulter vorstellt, wenn Kameras auf sie drauf halten. Und Kameras waren viele da in den letzten Tagen. Der Stern brachte eine Bildstrecke mit den alten Fotos von ihr, die Zeitungen berichteten von der Ausstellung und dem Fotoband, der auch ihre Lebenserinnerungen enthält.

Dabei war, seltsam genug, Karin Stilke kein Star, das kam erst später. Models waren zu ihrer Zeit nicht berühmt, berühmt waren die Fotografen, und sie hat sie alle gehabt, zuletzt, in den 50-ern, F. C. Gundlach, den Doyen der deutschen Modefotografie. Er sitzt in der ersten Reihe neben ihr, zur Begrüßung hat er ihr die Hand geküsst.

Der Autor des Fotobandes über Karin Stilke, kolportiert der Museumsdirektor, sei in der Lage, bei einem Foto allein aus dem Ausschnitt der unteren Gesichtshälfte zu beurteilen, ob es Karin Stilke zeigt. „Es sind nicht die Augen, es ist nicht die Nase, es sind Mund und Kinn.“

Das Gesicht von Karin Stilke – charaktervolle, lange Nase, hochgezogene Augenbrauen, ein energischer Mund, selbst wenn er lächelt – ging ein in eine Inszenierung von Weiblichkeit, die sich an den Fotos im Bildband und der Ausstellung verfolgen lässt. Schon früh tauchen Fotos auf, die härter und verschlossener wirken als das Badefoto auf Sizilien. Die Hüte, die Pelze, die eleganten Garderoben halten den Betrachter auf Abstand, der Blick geht irgendwo hin, aber er sieht niemand an.

Die Frau auf diesen Fotos gehört sich selbst, sie will nichts, aber sie gibt auch nichts, sie zeigt sich bloß. Mit Mutterkreuzen hat sie noch nichts zu schaffen, aber diese Frau ist weit weg, wie eingeschlossen von einer unsichtbaren Glocke. Einmal trägt sie, in dem durchsichtigen, wehenden Kleid eines Pariser Modelabels, einen weißen Pfau, als wäre er aus Porzellan und sie die Hohepriesterin eines Kults.

Es ist diese Abwesenheit, die ihr die Aura der Unverletzlichkeit gibt, während die Männer bald den Schutz der Panzer suchen werden. Und doch sind die Moden von einer überraschenden Eleganz, erst 1942 schleicht sich ein Foto ein, das Ingrid Stilke in einer Art Soldatenmantel zeigt. Der stilistische Bruch erfolgt später, nach dem Krieg, mit dem Einbruch von patenten Kostümen und Tüllorgien von Röcken. Streckenweise wirken die Fotos wie aus amerikanischen Filmen der 50er Jahre.

Gleichzeitig nimmt nach dem Krieg das Moment des Inszenierten zu. Das Lächeln ist nicht mehr nur abwesend, sondern wird zur Distanzwaffe. Die Straffung nimmt zu, analog zum Ichpanzer der männlichen Kriegsheimkehrer-Generation. Es entsteht der Typus einer eisernen Weiblichkeit, wie ihn Rainer Werner Fassbinder in seinen Filmen schildert. In der großbürgerlichen Variante trägt dieser Typus Handschuhe bis zum Ellenbogen, und im Hintergrund wartet die Limousine.

Noch immer ähnelt Karin Stilke der Frau auf den alten Fotos, das Lächeln ist verbindlich, aber siegesgewiss. Das ist verblüffend genug, doch sagt die Bildermaschine, deren Teil sie war, noch nichts über die reale Karin Stilke aus. Zu der Ausstellung und zum Fotoband musste sie jahrelang überredet werden, berichten die Beteiligten. „Eitelkeit liegt ihr fern“, sagt der Museumsdirektor in seiner Rede.

Mehr als die Fotos sagen vielleicht Karin Stilkes Lebenserinnerungen aus, die im Fotoband abgedruckt sind. „Auf dem Standesamt trug ich ein zauberhaftes schwarzes Kostüm von Schulze-Varell – Schulze-Bibernell hieß es da noch“, schreibt sie da über ihre Hochzeit mit Georg Stilke, den Unternehmersohn und Begründer der gleichnamigen Buchhandlungskette. Zwei Jahre habe sie gebraucht, um sich von seinem Tod zu erholen, schreibt sie später, und dass es „einfach Liebe“ gewesen sei, „nein – es war mehr als Liebe“.

Heute lebt Karin Stilke im vornehmen Hamburger Stadtteil Pöseldorf, und wenn sie einmal eines der Schmuckstücke braucht, die sie dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe vermacht hat, kommt der Museumsdirektor höchstpersönlich und übergibt ihr die Schatulle für die Dauer des Anlasses. Ein- oder zweimal im Jahr macht sie eine Kreuzfahrt. Die Augen werden schlechter, wie das eben so ist.

Nein, es ist nicht so, dass Karin Stilke sich beklagen würde. Sie sei ein Sonntagskind, schreibt sie in ihren Erinnerungen. In der Hamburger Gesellschaft ist sie wer, der Spiegelsaal des Museums ist bei der Eröffnung voll. Im Publikum sitzen viele ältere Damen, Perlenketten um den Hals. Wahrscheinlich kennen sie noch die Fotos, mit denen Karin Stilke einer Zeit das Gesicht lieh. Nach der Eröffnung stehen sie jedenfalls lange vor den Fotos, in der Betrachtung versunken.