DIE DREI FRAGEZEICHEN

„Er ist sozial kompetent“

WAS? Für ihr neues Buch „Serienmord und Kannibalismus in Deutschland“ hat Petra Klages den Kannibalen von Rotenburg, Armin Meiwes, interviewt

taz: Frau Klages, für Ihr Buch haben Sie mit Armin Meiwes in einem Raum zusammengearbeitet. War Ihnen dabei nicht mulmig zumute?

Petra Klages: Als Kriminologin arbeite ich oft mit Mördern und Serienmördern. Daher ist mulmig nicht zutreffend, eher außergewöhnlich. Die Geschichte um ihn ist vielschichtig. Die Auseinandersetzung sehe ich als Herausforderung. Kriminelle kannibalistische Delikte kennt man eigentlich nur von Serienmördern und den furchtbarsten Sadisten wie etwa Carl Großmann. Herr Meiwes ist das absolute Gegenteil, er ist kein Serienmörder und kein Sadist – er ist sozial kompetent und lehnt Gewalt ab.

Sie kritisieren, dass Meiwes nicht wegen „Totschlags“ oder „Tötung auf Verlangen“, sondern wegen „Mordes“ und der „Störung der Totenruhe“ verurteilt wurde. Halten Sie das Urteil und die lebenslange Haftstrafe für unangemessen?

Meines Erachtens bezog das erste Urteil – Strafmaß acht Jahre – reale Geschehnisse weit mehr ein und blieb einigermaßen realistisch. Es scheint, als wäre das Strafrecht im zweiten Urteil zu einem „Moralrecht“ deformiert worden, angemessen ist etwas anderes. Meiwes hat niemanden gezwungen, geschweige denn aus sexuellen Motiven gemordet. Er entsprach den Wünschen des Opfers. Der Masochist forderte ihn ebenfalls auf, ihm sein Geschlechtsteil abzubeißen. Dazu war Herr Meiwes nicht in der Lage, wie erwähnt lehnt er gewalttätige Handlungen ab.

Auf Ihrer Internetseite heißt es: „Durch die Einverleibung wollte er [Meiwes] verhindern, erneut – wie vom Vater – verlassen zu werden.“ Aber das rechtfertigt doch nicht die Tat, oder?

Nichts kann diese Tat rechtfertigen oder entschuldigen. Es geht um Erklärungen, darum, Vorgänge und Entwicklungen der Täter deutlicher zu machen. Im Buch wird nichts beschönigt, sondern unterschiedliche Aspekte dargestellt. Außerdem geht es noch um andere Täter, die ebenfalls nicht entschuldigt werden.

INTERVIEW: EVA MÜLLER-FOELL

■  Petra Klages ist Kriminologin und Diplompädagogin