Sieg für die Schattenbanken

G-20-GIPFEL Das Geschäft mit Wertpapieren als Sicherheit für Kredite blüht. Wieder ist Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Finanzlobby eingeknickt

In langen Ketten leihen Banken und Schattenbanken wie Hedgefonds, Private-Equity-Fonds und Geldmarktfonds sich untereinander Geld. Absurde Praktiken befeuern das Treiben: Wertpapiere werden mehrfach als vermeintliche Kreditsicherheit weiterverliehen. So lange alle mitmachen, scheint der Selbstbedienung mit Krediten so gut wie keine Grenze gesetzt.

Produktiven Nutzen hat das – im Gegensatz zu Krediten für reale Investitionen – keinen. Stattdessen pumpen derlei Geschäfte das Finanzsystem mit fiktiver Liquidität auf. Es drohen kreditgetriebene Vermögenspreisblasen, etwa wieder im Immobiliensektor, mit steigender Gefahr für die Finanzstabilität.

Exzessiver Kredithandel

■ ist Finanzmarktreferentin bei der Stiftung World Future Council in Hamburg. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag. Ihr Ziel: Zukunftsfähige Finanzmärkte, die realwirtschaftlich sinnvoll sind.

Gewinner sind die Finanzakteure – auch deshalb, weil Kredithebelungen die Eigenkapitalrendite und damit die Boni erhöhen. In diesem undurchsichtigen Labyrinth gehen erhebliche Steuereinnahmen verloren. Die OECD hatte in ihrem Bericht an die Gruppe der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G 20) auf Schwierigkeiten bei der Besteuerung von Schattenbankgeschäften hingewiesen.

Die G 20 hatte die Regulierung von Schattenbanken zu einer Top-Priorität ihres Gipfeltreffens ernannt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte auf dem Treffen der Wirtschaftsnobelpreisträger im August betont, würden Schattenbanken nicht konsequent unter die Lupe genommen, „dann ist jedenfalls die Gefahr einer nächsten Finanzmarktkrise bereits vorprogrammiert“. Im Brisbane-Aktionsplan, dem Abschluss-Kommuniqué des Gipfels, findet man zu Schattenbanken gleichwohl: nichts.

Dabei wären konsequente Kredithebelbremsen nötig, um Schattenbankaktivitäten wirksam zu regulieren. Denn insbesondere der immer komplexer gewordene und meist extrem kurzfristige Kredithandel schafft unproduktive und unkalkulierbare Risiken. Finanzakteure bedienen sich mit fiktivem Geld: Aus einem Euro, Dollar oder Yuan wird virtuell das Vielfache. Diese Aktivitäten beschleunigen rasant die Geldumlaufgeschwindigkeit – in zwielichtigen Bereichen. Zentralbanken sind außer Stande, den Spuk zu überblicken.

In Kanada ist das mehrfache Verleihen von Wertpapieren als Kreditsicherheit bereits untersagt. Die anderen G-20-Staaten sollten diesem Beispiel folgen. Stattdessen standen in Brisbane lediglich Wertabschläge („Haircuts“) zur Diskussion. Das Tragische ist, dass politisch Verantwortliche trotz Finanzkrise weiterhin das öffentliche Interesse vernachlässigen. Bewährte Modelle und gute Vorschläge werden im einseitigen Interesse der Finanzlobby missachtet oder bis zur Substanzlosigkeit verwässert. Diese Fehlentscheidungen werden von der Politik teils bewusst, teils aus Unwissenheit getroffen.

Von Schwellenländern lernen

Falsch ist auch die von der Finanzlobby lancierte Behauptung, das Kreditverbriefungsgeschäft müsse ausgeweitet werden, um kleine und mittelständische Unternehmen mit Krediten zu versorgen. Denn diese werden oft mit Kreditangeboten überhäuft, die sie aber aufgrund fehlender Konjunktur gar nicht nachfragen.

Entwicklungs- und Schwellenländer wiederum haben gute Erfahrungen mit Kreditvergabevorschriften gemacht. Banken mussten in der Vergangenheit Mindestquoten für günstige Kredite zur Förderung strukturschwacher Regionen reservieren – bis Handelsabkommen die bewährte Praxis als Handelshemmnis verunglimpft und auf Aufweichung gedrängt haben. Bei Private Equity hingegen führt schon der Begriff in die Irre: Die Fonds haben weit mehr mit Schulden zu tun als mit Eigenkapital „Equity“) – auch sie hebeln Letzteres massiv mit Kredit.

Schattenbanken sind seit dem Einbruch durch die Finanzkrise erneut auf Wachstumskurs. Nach Schätzung des Finanzstabilitätsrats, der im Auftrag der G 20 arbeitet, liegen dort weltweit über 75 Billionen Dollar – halb so viel wie die Bilanzsumme aller Banken. Dabei werden Geschäfte, die über Offshore-Finanzzentren wie zum Beispiel Jersey, Luxemburg und die Vereinigten Arabischen Emirate abgewickelt werden, nicht mit eingerechnet. Doch die Größe ist nicht allein entscheidend. Schattenbanken sind ähnlich wie Banken exzessiv im Kredithandel tätig, ohne jedoch wie Banken über Einlagensicherung und Zugang zur Zentralbank zu verfügen. Das macht sie anfällig, wenn bei fallenden Kursen Gelder abgezogen werden und Kredite ausbleiben.

Drei Prozent Kapitalpuffer

Brisant sind zudem die engen Verflechtungen zwischen Schattenbanken und Banken. Die Fonds hängen entweder direkt am Tropf der Bank, die sie aufgelegt hat. Oder sie sind durch vielfältige Kreditgeschäfte ineinander verflochten. Gibt es Stress an einer Stelle im System, kann er sich leicht übertragen und ausbreiten.

Die Abhängigkeiten sind also wechselseitig. Geldmarktfonds etwa sind zur zentralen Geldquelle für Banken geworden, indem sie ihnen Geldmarktpapiere abkaufen. Nach dem Zusammenbruch der Lehman-Bank 2008 waren Geldmarktfonds so schwer in die Bredouille geraten, dass die US-Regierung rettend einsprang, um weiteres Unheil abzuwenden. Europas Banken greifen häufig auf die riesigen US-Geldmarktfonds zurück.

Die Fehlentscheidungen werden von der Politik teils bewusst, teils aus Unwissenheit getroffen

Wachsender Banken- und Schattenbankensektor gehen Hand in Hand. Das hat der IWF in seinem globalen Finanzstabilitätsbericht bestätigt. Sie schaukeln sich im Renditewettbewerb gegenseitig hoch und bilden eine gemeinsame Lobby.

In Europa feilscht die Finanzlobby derzeit mit Europäischer Kommission und Parlament um einen dreiprozentigen Kapitalpuffer für Geldmarktfonds. Der Finanzbranche ist das bereits zu viel. Doch Fonds, die sich das nicht leisten können, haben kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Sie sollten geordnet vom Markt verschwinden. Indien hat zumindest einen festen Kapitalpuffer für Schattenbanken beschlossen: 163.000 Dollar ab 2016 und 20 Millionen Rupien ab 2017.

In den Vorlagen, die der Finanzstabilitätsrat für die G 20 erarbeitet hat, liest man zu oft nur von „beobachten“. Und Vorschläge wie „Haircuts“ sind unangemessen schwach. Das bringt weder Licht noch Ordnung ins Schattenbankuniversum. SULEIKA REINERS