Bundeswehr versteckt Totalverweigerer

Ungewöhnlich hart springt die Armee mit einem 20-jährigen Kriegsdienstgegner aus Minden um. Nach zwei Wochen Arrest wird er ohne Mitteilung an Angehörige in ein anderes Bundesland verlegt. Offenbar störten Unterstützer vorm Kasernentor

Mehr als 24 Stunden lang war der Bundeswehrrekrut Jonas Grote aus Minden verschollen. Erst nach Druck von Familienangehörigen, Friedensaktivisten und Medien ist er gestern wiederaufgetaucht. Der 20-Jährige verweigert den Kriegsdienst total, für diese Haltung sitzt er derzeit in Bundeswehr-Arrest. Ort der Disziplinarmaßnahme war zwei Wochen lang der Luftwaffenstützpunkt in Roth bei Nürnberg, gestern wurde Grote verlegt, ohne Mitteilung an die Eltern. Nachricht vom Verbleib ihres Sohnes bekam Barbara Grote erst gestern Vormittag.

Nicht nur das vorübergehende Verschwinden von Jonas ist ungewöhnlich, sondern auch, dass die Bundeswehr den Wehrpflichtigen überhaupt eingezogen hat. Laut Zentralstelle Kriegsdienstverweigerer (ZKDV) ist Grote seit vielen Jahren der erste Totalverweigerer, der eine solche Einberufung erhalten hat. Das Argument des 20-jährigen Informatikstudenten und evangelischen Christen: „Ich kann keinen Kriegsdienst leisten, da ich Krieg generell ablehne und Kriegsursachen aus Nächsten- und Feindesliebe entgegenarbeite.“ Auch als Zivi will Jonas nicht arbeiten: „Das ist ziviler Kriegsdienst!“

Am Mittwoch früh, da saß Grote bereits seit zwei Wochen im Arrest, war die Aufregung groß bei der Mutter und den unterstützenden Friedensaktivisten: Jonas ist verschwunden. Um 8.49 Uhr gab es als letztes Lebenszeichen eine SMS: „Bin gerade auf dem Weg nach Ulm mit zwei Soldaten, werde da für eine Woche untergebracht, weil die hier Probleme mit der veganen Ernährung haben. Lieben Gruß.“ Danach keine Meldung mehr und keine Information. „Ich habe dann gleich in der Kaserne angerufen“, erzählt Barbara Grote, „am Apparat war der Wachposten, der angeblich von nichts wusste.“ Als es die Mutter eine halbe Stunde später noch einmal probierte, hieß es barsch: keine Auskunft. Der Telefonhörer wurde aufgelegt.

Als die taz am Mittwochabend bei der Bundeswehr anfragte, argumentierte der zuständige Presseoffizier des Heeres in Koblenz mit dem Datenschutz. Niemand dürfe ohne Vollmacht personenbezogene Daten erfahren. Aber man könne unbesorgt sein. „Er ist ja nicht isoliert und wird sich sicher bald melden.“

Aber eine Meldung gab es erst am gestrigen Donnerstag inoffiziell durch Bundeswehr-Angehörige. Am frühen Nachmittag meldet sich schließlich Grote selbst bei seiner Mutter und auch bei der taz. „Die Leute sind überwiegend ganz nett“, sagte Grote gestern Nachmittag der taz. „Und die Zelle ist angenehmer als in Roth, dort gibt es nur undurchsichtige Fenster.“

Grotes Mutter bezweifelt, dass die Verlegung nach Ulm aufgrund von Problemen mit der veganen Ernährung ihres Sohnes nötig war. „In der Kaserne in Roth hat es auch seit zwei Wochen mit dem veganen Essen geklappt, wahrscheinlich haben die Unterstützer genervt.“ Immer wieder hatten sich in Roth lokale Unterstützergruppen vor den Kasernentoren versammelt. Die frühere Familienministerin Renate Schmidt besuchte den Totalverweigerer und intervenierte schriftlich beim Bundesverteidigungsministerium.

Etwa fünf Fälle von Totalverweigerung gibt es nach Auskunft der ZKDV jährlich. Normalerweise werden die betreffenden Wehrdienstpflichtigen dann von der Bundeswehr in Ruhe gelassen. Wieso es bei Jonas anders ist, kann sich der ZKDV-Vorsitzende Stefan Philipp nicht erklären. „Wahrscheinlich hatte der Sachbearbeiter im Kreiswehrersatzamt einen schlechten Tag.“ Am kommenden Dienstag endet Grotes Arrest. Falls er weiterhin den Wehrdienst verweigert, drohen wieder 21 Tage Haft.