Klingen in schwarzem Schlaglicht

AUSSTELLUNG Die Bremer Galerie K’ zeigt Gemälde von Sibylle Springer. Mit Acryl übermalte Klassiker, denen die Verschleierung ein bisschen ihres alten Schreckens zurückgibt

VON JAN-PAUL KOOPMANN

Unter der Schwärze des Bildes verbirgt sich Ungeheuerliches. Doch das Gemälde „Loser“ der Bremer Malerin Sibylle Springer imponiert auch auf den oberflächlichen Blick: Eine dunkle Fläche, annähernd quadratisch, zwei Meter lang. Schwarze Formen, die abstrakt scheinen. Hier und da schimmert Farbiges durch das Acryl. Man sucht nach Vertrautem, erahnt oben links ein Gesicht und erschrickt dann tatsächlich ein bisschen.

Springer arbeitet seit Jahren so: Sie reproduziert Bilder, früher meist Fotos. Dann trägt sie diese Acrylschichten auf, die fast plastisch wirken. Das hat sie mit Fotos aus New York gemacht: Regenbilder, die einen flüchtigen Moment fixieren und so erst erfahrbar machen. Oder, deutlicher noch, mit Bildern von Graffiti in U-Bahn-Schächten, an denen sie mit dem Zug vorbeiraste.

Doch unter Springers neueren Arbeiten, die zurzeit in der Galerie K’ hängen, verstecken sich keine Fotos. Das von ihr Verfremdete ist selbst schon Malerei. Klassiker, die man irgendwie kennt. Oder: „Alte Schinken“, wie Kurator Radek Krolczyk dazu sagt. Aber gerade weil diese Vorlagen längst in die Kunstgeschichte eingeschrieben sind, müssen sie auf ähnliche Weise neu erschlossen werden wie das kurz aufblitzende Graffito vor dem Fenster der U-Bahn. Nur liegt die Flüchtigkeit hier nicht an Bewegung, sondern an der Gewohnheit, alte Bilder als das wahrzunehmen, was sie nun mal sind: alte Bilder.

Unter den Acrylflecken von „Loser“ etwa verbirgt sich Tizians „Die Schindung des Marsyas“. Der Satyr, ein mythologisches Mischwesen aus Mensch und Tier, hängt kopfüber von einem Baum. Zwei Gestalten schälen ihm mit langen Messern das Fell vom Leib. Und während sich ein dritter mit einem Eimer nähert, wohl um das Blut aufzufangen, wird im Hintergrund fröhlich musiziert.

Von diesen Details ist nach Springers Bearbeitung nicht mehr viel zu erkennen. Erahnen lassen sie sich dann aber doch. Zunächst die Gesichter, die der menschliche Verstand ja immer als erstes erkennt (selbst wenn er sie erfinden muss), dann seltsam kantige Gegenstände, die quer zu den abstrakten Formen stehen: Messer, die in Fleisch schneiden. Diese Abfolge von Hingucken, Suchen und schließlich Erkennen mündet im Schrecken. Beim Grauenhaften des Bildes, das hier trotz und wegen der Verschleierung wieder zum Vorschein kommt: Man sucht nach irgendetwas Vertrautem und findet Gewalt.

Das aber nur als Wiederherstellung eines in der Kulturgeschichte verlorengegangenen Gehalts zu begreifen, wäre ein Missverständnis. Springer hält den Prozess des Sehens selbst fest und macht ihn reflektierbar. Das beinhaltet immer auch die Vorstellungskraft des Betrachters und lässt die Vorlage so hinter sich. Ihr Zugang bietet also keine reaktionäre Sehhilfe, sondern tatsächlich etwas Neues.

Nicht so alt wie Tizians Renaissance-Malerei ist der Surrealismus von René Magritte. Weniger historisiert ist er darum aber nicht. Springer hat auch ihn übermalt. „Das Vergnügen“, auf dem eine junge Frau zu sehen ist, die scheinbar mit Genuss in einen Vogel beißt. Sein Blut läuft ihr über die Hände. Neben „Loser“ wirkt das Bild fast licht – milchig weiß. Doch der Inhalt, der sich hier über die zubeißenden Zähne erschließt, ist nicht weniger düster.

Springer hat an der Bremer Hochschule für Künste bei Karin Kneffel gelernt, ihre Arbeiten waren in New York zu sehen, in der Kunsthalle in Düsseldorf oder in Frankfurt. In Bremen allerdings, wo sie lebt und arbeitet, erst selten. Jetzt werden sie im Viertel von den Polit-Galeristen bei K’ ausgestellt. Und da hängen sie gut, auch wenn sie gar nicht besonders politisch daherkommen. Statt auf eine gesellschaftskritische Ebene abzuheben, spricht die pure Freude am Makabren aus Springers ungewöhnlicher Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte.

Das ist eine sehr persönliche Erfahrung und dazu genauso ein „Vergnügen“, wie es der von Magritte geliehene Ausstellungstitel verspricht.

Bis 7. November, Galerie K’, Alexanderstr. 9b, www.k-strich.de