Bomben und Blütenträume

UNTERGRUND Urbanes Gärtnern ist hip – Guerilla Gardening schon zu hip. Die neuen Wörter stehen für die alte Idee der Selbstversorgung. Ein Ausflug zu Hamburger Stadtgärtnern

VON ANNA WATTLER

Im Schutz der Dunkelheit schleichen drei Gestalten mit schwarzen Kapuzen durch die Hamburger Innenstadt. Gegen das diffuse Licht der Straßenlaternen zeichnen sich ihre Konturen ab. Die Waffen: Schaufel, Harke und Saatgut. Das Ziel: die Verkehrsinsel. Am Morgen danach ist sie umgepflügt, besät und mit ein bisschen Glück recken sich in ein paar Wochen die ersten Pflanzen der Sonne entgegen.

Aktionen wie diese gibt es seit den 60er Jahren. Gehyped werden sie unter dem Namen „Guerilla Gardening“ seit etwa fünf Jahren. So sehr gehyped sogar, dass es den ersten Aktivisten wieder zu kommerziell wird.

„Guerilla Gardening ist Kunst“, sagt der 21-jährige Philipp Baumgärtel. „Es fühlt sich cool an, irgendwie illegal.“ Baumgärtel ist in Hamburg wohl einer der engagiertesten Stadtgärtner. Egal mit wem man über Guerilla Gardening spricht, sein Name fällt. Dabei versteht gerade er sich nicht als anarchistischer Gärtner. „Die Aktionen machen punktuell aufmerksam“, sagt er. „Wenn sich aber niemand drum kümmert, bringt es nichts. Mit urbanem Gärtnern hat das nicht viel zu tun.“

„Wenn einer die Gucci-Kapuze überwirft und Seed-Bombs wirft – viel passiert da nicht“

Jochen Abeling

Daher hat sich Baumgärtel etwas anderes ausgedacht: die Plattform Grünanteil. Ihr Slogan: „Für mehr Grün in der Stadt.“ Die Plattform soll Menschen mit Garten und wenig Zeit und solche mit Zeit und wenig Garten zusammenbringen. Noch dieses Jahr soll dazu der „Grünstandsmelder“ online gehen – eine virtuelle Karte, in der alle Aktivitäten von Gärtnern in Hamburg eingezeichnet werden. Mit ihrer Hilfe können die Nutzer Kontakt zu Gartenbesitzern oder gärtnernden Mitstreitern aufbauen.

Auch Jochen Abeling von der freien Kunstschule Hamburg, Gründer des Projekts Blütenträume, steht dem Guerilla Gardening kritisch gegenüber: „Wenn man etwas verändern will, reicht eine Nacht nicht aus. Wenn da einer nachts seine Gucci-Kapuze überwirft und eine Seed-Bomb auf den Grünstreifen wirft – viel passiert da nicht.“

Zusammen mit Studenten und Gasthörern entwickelte Abeling vor etwa drei Jahren im Rahmen eines Seminars zum Thema direkte Demokratie und soziale Gestaltungsfragen das Projekt „Blütenträume“. Die Teilnehmer des Projekts wollen öffentliche Flächen in Hamburg zu Wildblumenwiesen umwandeln. Dazu gehen sie anders als Guerilla Gärtner den offiziellen Weg: „Wir waren verblüfft wie positiv die Gartenbauämter reagieren.“ Auch Baumgärtel von Grünanteil geht sofern möglich den Weg über die offiziellen Stellen: „Wir wollen so öffentlich wie möglich agieren. Die Leute sollen sehen, dass sie den öffentlichen Raum mitgestalten können.“

Es steckt also mehr hinter urbanem Gärtnern als die Liebe zum Grünen. Soziale Gestaltungsmöglichkeiten stehen im Mittelpunkt. „Man kann den Menschen zeigen, dass man in den öffentlichen Raum eingreifen kann. Man sät, es wächst eine Blume. Man muss Geduld haben und sich verantwortlich fühlen“, sagt Abeling. Ein bisschen erinnert das an den kleinen Prinzen von de Saint-Exupéry.

„Nichts kann man mehr essen.“ Diesen Satz hört Stephan Suen in Zeiten von Ehec täglich. „Selbst Bio-Produkte sind nicht mehr sicher und gehören einem Konsummonopol an“, sagt er. Suen ist Guerilla Gärtner und hat zusammen mit seiner Freundin Sarah Volk die Firma Greenisfaction gegründet. Greenisfaction vertreibt im Online-Shop Seed-Bombs und entwickelt Produkte zum urbanen Gärtnern.

Für ihn ist ein anderer Aspekt das Herz des urbanen Gärtnerns. „Wenn man der Lebensmittelindustrie nicht mehr trauen kann, muss die logische Konsequenz Selbstversorgung heißen. So kann man das Essen wieder wertschätzen“, erklärt Suen. „Das in großen Städten der Masse zu ermöglichen, ist unser Ziel.“ Ein gewisser Kommerzialisierungsgrad muss dazu erreicht werden, als „nötiges Übel“, wie Suen es bezeichnet. „Die meisten Leute wollen sich nicht die Hände schmutzig machen. Trotzdem wollen sie mit dem Trend gehen.“

Ein Paket Seed-Bombs kostet an die 8 Euro. Kein billiges Vergnügen. Wer sich das nicht leisten kann oder möchte, kann sich Saatgut und Schaufel besorgen und sich über das Internet mit anderen Interessenten vernetzen. Das ist dann vielleicht weniger hip, hat aber den selben Effekt. Auf ein grünes Hamburg.

Mit anderen Gärtnern in Kontakt treten kann man über das Forum „Grünanteil“: http://gruenanteil.wordpress.com/. Wildblumenwiesen mit Soziologie und Kunst verknüpft die Gruppe „Blütenträume“: http://bienenstaat.net/. Seed-Bombs und andere clevere Accessoires für urbane Gärtner gibt es bei Greenisfaction, bisher nur bei Facebook.