„Das Rauschtrinken hat nachgelassen“

Die aktuelle Aufregung um den Alkoholkonsum von Teenagern ist übertrieben, erklärt der Gesundheitsexperte Wolfgang Settertobulte. Die Entwicklung der letzten Jahre zeige: Exzessive Besäufnisse werden seltener. Neue Altersgrenzen unnötig

INTERVIEW COSIMA SCHMITT

taz: Herr Settertobulte, seit sich in Berlin ein Jugendlicher ins Koma soff, wird diskutiert, ob sich da ein Trend abzeichnet. Greifen Teenager immer häufiger zur Flasche?

Wolfgang Settertobulte: Nein. Ganz im Gegenteil. Nach den neuesten Daten hat der Alkoholkonsum unter Jugendlichen drastisch abgenommen. Gerade das regelmäßige Trinken, etwa in der Kneipe, wird seltener.

Aber gibt es nicht immer mehr Jugendliche, die sich exzessiv besaufen?

Auch das Rauschtrinken hat nachgelassen, wenngleich nicht ganz so stark wie das regelmäßige. Das „Binge Drinking“, wie die Fachwelt es nennt, beschränkt sich mittlerweile auf eine Gruppe besonders gefährdeter Jugendlicher. Meist sind das Teenager, die in der Schule scheitern, die keine Ahnung haben, was sie mit ihrem Leben machen sollen. Angeglichen aber haben sich die Geschlechterunterschiede: Mädchen trinken heute genauso oft wie Jungs.

Was ist denn dran an der oft gehörten Behauptung, dass Teenager immer früher mit dem Trinken beginnen?

WOLFGANG SETTERTOBULTE, geboren 1960, ist Psychologe und Gesundheitswissenschaftler. Von 1998 bis 2002 war er Koordinator der deutschen Teilstudien des Jugendgesundheitssurveys der WHO. Zurzeit arbeitet Settertobulte bei der Gesellschaft für Angewandte Sozialforschung in Gütersloh.

Über Jahre stellten wir fest, dass das Einstiegsalter sinkt. Dieser Trend ist nun gestoppt. Aber die Jugendlichen fangen immer noch sehr früh an zu trinken – so etwa mit 13 Jahren. Und genau das ist das Problem. Es ist ja nicht bedenklich, wenn Jugendliche sich mal besaufen. Alkohol ist Teil unserer Kultur, Jugendliche müssen den Umgang mit ihm erlernen. Doch sie sollten damit wenigstens bis 16 warten.

Wem ist es denn zu verdanken, dass die Jugendlichen heute weniger trinken?

Die klassische Prävention, etwa in Schulen, hat am wenigstens dazu beigetragen. Sehr hilfreich aber war die Diskussion über Alkopops. Vorher hat das Thema „Jugendliche und Alkohol“ kaum jemanden interessiert. Die Jugendschutzvorschriften hingen unbeachtet an den Tanken. Seither aber sind die Leute sensibilisiert. Jeder weiß, dass ein 14-Jähriger keinen Alkohol trinken sollte. Die Vorschriften werden eher eingehalten. Das bringt viel mehr als die Steuer auf Alkopops. Die hat nur dazu geführt, dass die Industrie sich neue Produkte ausgedacht hat – etwa die Biermixgetränke, die nicht unter das Gesetz fallen.

Solange die Jugendlichen Alkohol trinken wollen, helfen schärfere Gesetze nicht?

Genau. Es gibt aber Hinweise, dass die Jugendlichen gar nicht mehr so wild darauf sind, sich zu betrinken. Die Teenager heute sind sehr leistungsorientiert. Sie möchten gut sein im Sport, in der Schule, in der Lehre – schon weil sie ahnen, dass sie es oft nicht leicht haben werden. Sich hemmungslos zu besaufen passt nicht in dieses Lebenskonzept.

Dennoch steht derzeit das „Flatrate-“Trinken – also das Besäufnis zum Pauschalpreis – im Zentrum der Debatte. Ist die Aufregung berechtigt? Oder wird hier nur das alte All-you-can-drink-Konzept zeitgemäß benannt?

Lockangebote gab es auch früher. Das ist nur ein neuer Begriff, den sich Werbestrategen ausgedacht haben. Die Branche merkt ja auch, dass der Konsum unter Jugendlichen einbricht, und will ihre Pfründe retten.

Wäre es da nicht hilfreich, wenn Politiker gegensteuern – indem sie die Alkoholabgabe an Minderjährige verbieten?

Mit solchen Vorschlägen wollen sich gerade einzelne Politiker profilieren. Der Sache dient das nicht. Unser Jugendschutzgesetz ist gut, denn es entspricht unserer Gesellschaft. Alkohol erst ab 18 auszugeben, ginge völlig an der Realität vorbei. Dann trinken die Jugendlichen eben heimlich. Das zeigen die Erfahrungen aus den USA. Wir beobachten hierzulande derzeit einige positive Trends. Da brauchen wir keinen übereilten Aktionismus.