Dunkle Flecken einer Generation

Social Bookmarks, erklärt Wikipedia, „sind Internet-Lesezeichen, die in einem Netz (Internet oder Intranet) mit Hilfe einer Browser-Oberfläche von verschiedenen Benutzern durch gemeinschaftliches Indexieren erschlossen und mittels eines RSS-Feeds bereitgestellt werden“. Einen Eintrag zum Thema Social Books findet man dort hingegen nicht. Kein Problem, Wikipedia ist für neue Vorschläge offen, und so einen unterbreiten wir hier jetzt mal am Beispiel von Severin Winzenburgs Debütroman „Stille Tage in L. A.“. Diesem Buch nach ist das Social Book „ein in gedruckter Form und Online verbreiteter Buchinhalt, der in einem Netz (Internet oder Verlag) mit Hilfe eines Schreibprogrammes von verschiedenen Benutzern durch gemeinschaftliches Indexieren erschlossen und mittels Weblogs und anderen Büchern bereitgestellt wird.“

Es soll ja immer noch Leute geben, denen so etwas nichts sagt. Deswegen noch einmal anders: Der Autor Severin Winzenburg ist sowohl ein Mensch aus Fleisch und Blut als auch eine Figur aus den letzten beiden Romanen Joachim Lottmanns („Die Jugend von heute“ und „Zombie Nation“). „Stille Tage in L. A.“ ist ein eigenständiger Roman, schreibt aber gleichzeitig Lottmanns Bücher fort und nimmt an diversen Stellen direkt oder indirekt Bezug auf ihn. Gleichzeitig betreibt Winzenburg ein Weblog zum Buch (auch wenn es sträflich vernachlässigt wirkt). Es ist wechselseitig verlinkt mit dem Blog von Rainer Langhans, der es auch immer wieder in die Romane Lottmanns schafft. Lottmann wiederum bloggt ja derzeit für die Online-taz und verweist dort immer wieder auf Winzenburg und gelegentlich auch auf Langhans.

Immer noch zu kompliziert? Gut, noch mal anders und neutral formuliert: Da ist also eine Gruppe von Personen, die sich untereinander fördert, indem sie sich gegenseitig Öffentlichkeit verschafft. Früher nannte man so etwas in der Politik oder Wirtschaft eine Seilschaft. In der Kultur sprach man lange von einem Zitationskartell. Heute sind solche Begriffe passé und man nennt es lieber ein Netzwerk.

Genug davon, nun zum Buch selbst. Da ist ein Tim, ein Mittzwanziger, er lebt in München, studiert irgendwas mit Film, hängt gerne ab, kifft und kuschelt gern, pflegt wahlweise seine Kontakte im richtigen Leben oder bei MySpace, bekommt das Angebot eines Freundes, ihn nach Los Angeles zu begleiten, er nimmt an und verbringt ein paar Wochen dort, trinkt viel, cruist seltsam gehetzt durch die Straßen, kontaktiert im richtigen Leben und auf MySpace neue Leute, trifft junge Frauen, verliebt sich, entliebt sich, wird emotional verletzt und reist schließlich zurück nach München.

Das alles ist sehr unspektakulär, doch flott und stellenweise hübsch aufgeschrieben, drei Viertel auf Deutsch, der Rest auf Englisch, und dieser Sprachmix macht beim Lesen sogar richtig Spaß. Man folgt diesem Tim gerne, seine Erzählweise ist streng subjektiv und leuchtet dabei doch so einige dunkle Flecken einer ganzen Generation aus. Man bedauert ihn, hofft mit ihm und fragt sich, warum bei Leuten wie ihm der Sex so wenig und das Kuscheln so viel gilt. Er erklärt es uns, anders als Lottmann, der das ja auch schon erklärt hat, aber es bleibt unbegreiflich. Wie so vieles andere auch. Aber das ist nicht wichtig, irgendwer wird es demnächst wohl so erläutern, dass man es endlich versteht. Denn diese Geschichte wird weitergehen – Netzwerk sei Dank. MAIK SÖHLER

Severin Winzenburg: „Stille Tage in L. A.“. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, 285 Seiten, 8,95 Euro