Allianz der Heuchler

Nach Protesten von Klerus und „Emma“ darf ein schwulesbisches Kulturfestival nicht im Puff stattfinden

Radio Vatikan zitiert wohlig Schwester Lea Ackermann, Gründerin eines Hilfsvereins für Frauen in Not, mit den Worten: „Es ist ein Skandal.“ Und das Zentralorgan des publizierten Feminismus, die Emma, schreibt sogar, der Fall dokumentierte die „galoppierende Enthemmtheit in Sachen Prostitution“.

Die Causa trägt sich aktuell in Köln zu, der sinnenfrohesten Metropole der Republik, dem Mekka von Schwulen, Lesben, Transsexuellen, überhaupt von allen, die mal tüchtig ihre Ideen von Lust ohne religiöse Last in die Tat umsetzen möchten.

Entzündet hat sich dieser Streit um das Kulturfestival „Sommerblut“, ein über die Stadt hinaus anerkannter Reigen an literarischen, musikalischen und sonst wie performativen Darbietungen vor allem aus den Szenen anderssexueller Provenienz. Eröffnet werden sollte dieses Fest in einem Bordell namens „Pascha“. Und das soll nun nicht sein – die Veranstaltung musste an einen genehmeren Ort verlegt werden, ins Kölner Filmhaus, von dem man sich offenkundig verspricht, dass dort die Fantasien der BesucherInnen weniger sexuell stimuliert werden.

Die Verlegung musste sein, denn sonst säßen die Veranstalter bald finanziell vor dem Schuldturm: Der WDR nämlich ist faktisch eine Art Cofinancier des Unternehmens – und auf Druck von Feministinnen musste „Sommerblut“-Prinzipal Rolf Emmerich nun sein Festival aus dem „Pascha“ zurückziehen. Ein bitterer Kotau vor den enthemmten Wünschen der politisch wie gesellschaftlich besinnungslosen Raserei der Neoprüderie: Denn das „Pascha“, größte Einrichtung bezahlter Prostitution in der Domstadt, ist ein besonderes Bordell. Seit Abschaffung des kriminalitätsfördernden Prostitutionsparagrafen gehen dessen Betreiber neue Wege, dem Vernehmen nach will man mit diesem Dienstleistungshaus „in der gesellschaftlichen Mitte akzeptiert“ werden.

Präzise gesagt heißt das, dass jede Prostituierte, die dort eincheckt, Ausweispapiere zu hinterlegen hat. Jeder Kunde muss durch eine Sicherheitsschleuse und selbst sich ausweisen. Zuhälter („Väter“, „Brüder“, „Freunde“ et al.) müssen draußen bleiben. Gemessen an den Bedingungen, unter denen Frauen sonst diesem Job nachgehen, ist das „Pascha“ ein nachgerade linksalternatives Musterunternehmen: immer unter der Prämisse, dass, wenn schon Sex als Ware nachgefragt wird, dieser Warentransfer für alle Beteiligten bürgerlich geregelt wird – sicher und fair.

Die organisierte Antiprostitution argumentierte nun, ins „Pascha“ seien minderjährige Afrikanerinnen geschleust worden – aber dieser Vorwurf ist nicht zu erhärten: Polizei wie Ordnungsamt haben bislang keine Frauen unter 18 Jahren dort festgenommen. Wahr ist aber, heißt es, dass Frauen, die sich illegal in Deutschland aufhalten, bei Kontrollen angaben, erst 14 Jahre jung zu sein – um einer Ausweisung zu entgehen. Einen Beweis jedenfalls für die Unterstellung, im „Pascha“ arbeiteten Minderjährige, ist nie erbracht worden.

In Wahrheit überschreitet der Protest gegen die Eröffnungsveranstaltung von „Sommerblut“ in diesem modernen Bordell die Grenze des politisch Zumutbaren: Die Allianz von vermeintlichem Fundamentalfeminismus mit dem vatikanischen Klerus an dieser Frage ist eine, die nur einen Nenner kennt: Angst vor Sexuellem überhaupt, die auch der Kern jeder Prüderie ist. Ein heuchlerisches Bündnis, weil es wohltätig tut und doch fatal wirkt – gäbe es ein Haus wie das „Pascha“ nicht, müssten Frauen, die als Sexarbeiterinnen ihr Geld verdienen, zurück in ungeschützte Arbeitsverhältnisse.

Am 20. Mai findet in Köln eine Podiumsveranstaltung über diesen Streit statt. Der WDR hat seine Drohung, die „Sommerblut“-Eröffnung nicht zu übertragen, zurückgezogen.

Es gibt offenbar Mentalitäten, die lieber das Bordellhafte im Geheimen verortet sehen möchten – das war aber immer der Platz, an dem Frauen, die mit Sexuellem Geld verdienen, am gefährlichsten lebten.