„Ich komme und mach das einfach“

PORTRÄT Unter den Stilettos dieser eleganten Frau knackt es stets bedrohlich. Ob mit ihren Rollen an der Berliner Schaubühne oder im Kino – die Schweizer Schauspielerin Ursina Lardi kann sich überall über ihren Erfolg freuen

Birdie ist eine gebrochene Frau. Ihr Sommerkleidchen ist fast so pink wie die Erdbeerbowle in ihrer Hand, derangiert sinkt sie zu Boden und lallt von ihrer „triumphalen Nutzlosigkeit“. „Das ist ja wunderbar! Mich kann man vor keinen einzigen Karren spannen. Ich kann nix.“ Birdie ist eine Figur aus Lillian Hellmans Familiendrama „Die kleinen Füchse“ – und Ursina Lardi spielt sie in Thomas Ostermeiers Schaubühnen-Inszenierung wie ein Vögelchen, das mit geknickten Flügeln irr umherflattert und stets gegen das Fenster knallt. Tragisch ist dieser beschwipste Auftritt, aber auch: grotesk-komisch.

Mit der Rolle der gutherzigen, psychisch kaputten Aristokratentochter Birdie, die nur am Klavier wirklich bei sich ist und in der kalten Welt, in der allein das Geld zählt, nicht zurechtkommt, ist Ursina Lardi aufgefallen. Mit einem langen, von ihr selbst entwickelten Monolog hatte sie in der Aufführung eine zweite Hauptrolle neben Nina Hoss etabliert.

■ Schaubühne: Dort ist Ursina Lardi derzeit in „Die kleinen Füchse“, (8. + 9. 10; 7., 8. + 9. 11.), „For the Disconnected Child“ (11. + 12. 10.; 22. + 23. 11.), „Die Ehe der Maria Braun“ (10. + 11.11.) zu sehen. Mit der Produktion „Die gelbe Tapete“ ist sie im Oktober in Seoul.

■ Kino: Der Film „Traumland“ (Regie: Petra Volpe), für den sie den Schweizer Filmpreis erhielt, kommt am 20. 11. in die deutschen Kinos.

■ Sophiensæle: In der Regie von Thorsten Lensing spielt sie außerdem im Drama „Karamasow“ nach dem Roman „Die Brüder Karamasow“ von Dostojewski, Premiere ist am 4. Dezember in den Berliner Sophiensælen.

Warum ist ihr diese Birdie so gut gelungen? „Wichtig war die Musik“, sagt sie, „Birdie liebt die Musik. Und wenn man weiß, was ein Mensch liebt, hat man viel über ihn verstanden.“ Eigentlich, resümiert sie, „hab ich vor allem Klavier gespielt“.

Ganz anders als ihre Birdie, ist Ursina Lardi eine taffe Frau. Sehr schlank, voller Energie, streng zu sich selbst. „Ich fordere alles von mir. Alles. Von mir und von denen, die mir begegnen.“ Nur so mache es Sinn. Sie wiederholt diesen Satz – das geschieht häufiger, wenn sie einen Ausdruck findet, der für sie stimmt. Nichts ist dahingesagt.

Lardi wurde 1970 in Graubünden geboren, sie wuchs dreisprachig auf, heute beherrscht sie sechs Sprachen. Ihre Mutter hat Klavier und Geige studiert, sie selbst spielt Klavier seit der Kindheit. Das verbindet sich in ihr: der Rhythmus der Sprache und der Rhythmus der Musik. „Ich kann Sprache abstrakt musikalisch behandeln. Ich habe verschiedene Zugänge zu Sprachen und dadurch Zugänge zu verschiedenen Spielweisen.“ Eine Muttersprache aber hat sie nicht. „Bei mir ist halt alles durcheinander.“

In Falk Richters Musiktheaterstück „For the Disconnected Child“, 2013 mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet, spielt sie die einsame Großstädterin Tatjana Winter – und am Flügel wunderschön Schuberts „Winterreise“. Der Abend entstand an der Schaubühne in Koproduktion mit der Staatsoper – die Lardi anschließend für einen Soloabend holte: In Salvatore Sciarrinos „Lohengrin“ führt sie den Zuschauer allein mit ihrem Quietschen und Gurren, ihrem Zwitschern, Gurgeln und Raunen in die seelischen Abgründe der wahnsinnigen Elsa.

Nicht zurückschauen, nur nach vorn

Von Impromusikern wie dem Theaterkomponisten Willi Kellers hat sie gelernt, welche Energie und Spontaneität sie zum Spielen braucht: „Ich hab einen ganz normalen Alltag. Mit Kind und Hausaufgaben und Kochen. Abends komme ich über die Straße und spiele. Ich brauche weder Zeit, mich einzukitschen, noch Zeit, nachher wieder runterzukommen. Ich komme und mach das einfach.“ Ein Spiel auf Risiko, ohne Absicherung. Nicht zurückschauen, nur nach vorn.

Den Birdie-Monolog improvisiert Ursina Lardi jeden Abend neu, denn zum Spielen braucht sie vor allem eines: Freiheit. „Ich muss nicht wissen, wo ich wann stehen soll. Der Regisseur muss mir vertrauen. Ich mach das schon. Ja, ich mach das.“

Ein Regisseur, der ihr seit vielen Jahren vertraut, ist Thorsten Lensing. Die Arbeit mit ihm und seinem Dramaturgen Jan Hein ist für Lardi ein „künstlerisches Zentrum“. Hier spielte sie eine ungemein schroffe wie sanfte Ranjewskaja im „Kirschgarten“, im Dezember folgt „Karamasow“. „Die Inhalte sind genau geklärt, aber kein Gang ist inszeniert. Wie man die Szene spielt, ist allein die Verantwortung des Schauspielers.“ So sei sie zu immer mehr Angstfreiheit und Klarheit gelangt. Welten haben sich geöffnet. Wie in der Zusammenarbeit mit dem Autor und Regisseur Einar Schleef oder Michael Haneke, dem Perfektionisten unter den Filmregisseuren, der sie als Baronin im „Weißen Band“ besetzte. „Auch hohe Präzision kann in die Freiheit führen. Kann!“

Dass sie heute, nach Engagements in Frankfurt und Düsseldorf und über zehn Jahren freiem Arbeiten, zum Schaubühnen-Ensemble zählt, hat für sie eine „innere Logik“: Ostermeier kennt sie schon seit dem Schauspielstudium an der Ernst-Busch-Schule. Dorthin hatte sie der schiere Zufall geführt, denn eigentlich war Lardi Anfang der 90er in der Lehrerausbildung in Chur. Georg-Albrecht Eckle, damals Intendant des Theaters in Chur, sah sie in einer Laienspielgruppe und meldete sie zur Prüfung in Berlin an. „Er sagte: Es ist meine Pflicht, Sie darauf hinzuweisen, dass das ein Beruf für Sie wäre.“ Sie sprach vor und wurde sofort genommen.

Bis zur Atemnot

Ursina Lardi führt das Korsett vor, in dem die Figuren feststecken

Ostermeier hat ihr nun auch die Hauptrolle in der neu besetzten „Ehe der Maria Braun“ nach Fassbinders Film gegeben. Viele Gemeinsamkeiten haben Lardis Rollen an der Schaubühne nicht: die von alten Zeiten träumende Birdie, die kämpferische Maria und die vereinsamte Tatjana. Doch immer knackt das dünne Eis unter den Stilettos dieser eleganten Frauen bedrohlich. Ihre Maria Braun ist nicht der Temperamentsbolzen, den Brigitte Hobmeier in der Münchner Version verkörperte, sondern eine gezeichnete Frau, die lernt, ihre Zerbrechlichkeit hinter eiskalter Fassade zu verstecken. Auch Tatjana versucht, ihr zerrüttetes Nervenkostüm mit der kühl-blonden Diven-Attitüde zu schützen. Birdie dagegen kann die Fasson nicht mehr wahren. Einsam sind sie alle drei.

Ursina Lardi führt das Korsett vor, in dem die Figuren feststecken – bis zur Atemnot. Nicht selten ist sie auch schrecklich komisch, darauf legt sie Wert: „Der Realismus gebietet es, dass man nach der Komik der Situation sucht. Immer. Auch in der größten Tragödie.“

Der Film hat Lardi lange schon für sich entdeckt, im November kommt sie nun mit dem Schweiz-Drama „Traumland“ von der Regisseurin Petra Volte ins Kino. Beim Weihnachtsbaumschmücken konfrontiert sie, hochschwanger, ihren Mann (Devid Striesow) mit der Entdeckung, dass er regelmäßig zu Nutten geht – so ruhig, wie man das nur tut, wenn es richtig ernst wird. Auch wenn die Ehe in Trümmern liegt, hier verliert keiner die Fassung. Zu zweit einsamer kann man kaum sein. Für die Rolle wurde Ursina Lardi mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet.