„Wir wollten es wild und rau“

EMPÖRUNG Die Ordensschwester Lea Ackermann kritisiert den Papst, rettet Prostituierte, lebt mit einem Priester in zölibatärer Gemeinschaft und ist Pflegemutter. Ein freimütiges Gespräch mit einer frommen Frau

INTERVIEW WALTRAUD SCHWAB

taz: Schwester Lea, wann haben Sie zum ersten Mal wahrgenommen: Es gibt Prostitution?

Lea Ackermann: Als ich 21 wurde – das Volljährigkeitsalter damals, 1958 –, wollte ich nicht feiern. In meinem Heimatdorf im Saarland war ich ja unter Beobachtung nach dem Motto „Welche Jungen lädt das Lea denn ein?“. Ich hatte aber schon im Hinterkopf, ins Kloster zu gehen. Eine Freundin hatte einen Tag später Geburtstag und wollte auch nicht feiern. Okay, wir fahren stattdessen nach Holland ans Meer!

Im Februar?

Kein Mensch fährt um diese Zeit nach Holland ans Meer. Aber wir wollten es wild und rau. Als wir ankamen, hatte einzig ein Luxushotel auf. Unser Geld reichte nur für eine Nacht, am nächsten Tag mussten wir zurück. Spätnachts und ohne einen Pfennig waren wir wieder in Saarbrücken. Wie jetzt aufs Dorf kommen? Nur ein Bordell hatte noch auf. Ich bin da rein: Kann ich telefonieren? „Babba, hol uns ab.“ Mein Vater musste uns im Bordell abholen. Er tobte. Ich glaube nicht, dass ich heute in ein Bordell ginge zum Telefonieren. Oder vielleicht erst recht.

Sie sind seit 50 Jahren Nonne und gründeten vor 25 Jahren Solwodi, die internationale Organisation gegen Frauenhandel und Zwangsprostitution. Geht das zusammen?

Ordensgemeinschaften wurden oft gegründet für Menschen, die am Rande stehen. Früher vielleicht mit mehr moralischem Touch. Ich wollte aber nie moralisierend sein. Ich habe gesehen, da sind Frauen in Notsituationen, und die versuchen zu überleben.

Sie gehören zur katholischen Kirche, die kommt aber moralisierend daher.

Ich empfand das vor meinem Eintritt ins Kloster nie so. Anfangs habe ich vielleicht schwarz-weiß gedacht. Im Kloster habe ich Grautöne gelernt.

Grautöne, heißt das Fehler zulassen?

Es heißt: Dinge zu hinterfragen. Aber eigentlich habe ich das auch schon vor meinem Klostereintritt gemacht. In Paris, wo ich nach meiner Banklehre die Banque Franco-Sarroise mit aufbaute und viel Geld verdiente, sind mir die Straßenprostituierten aufgefallen. Ich fand es nicht richtig, dass Frauen keine andere Chance haben, als ihren Körper zu verkaufen. Ich fand das so entwürdigend.

Die Saarländerin: Im Februar 1937 wurde Lea Ackermann geboren. Der Vater war Bauunternehmer. Trotz der Nazis bestand der Vater darauf, seine Tochter muss Lea heißen. Er bezog sich auf die Frauen in der Bibel.

Die Nonne: Mit 23 Jahren trat Lea Ackermann dem Orden der „Weißen Schwestern“ bei. Zuerst war die promovierte Pädagogin in Ruanda, später in Kenia tätig.

Die Aktivistin: 1985 gründete die Kritikerin der Amtskirche in Kenia Solwodi, um Frauen in der Prostitution, die Probleme haben oder aussteigen wollen, zu unterstützen. Mehrere Bücher über die Arbeit von Lea Ackermann sind im Handel.

Haben Sie nach Ursachen gesucht: Mangel an Bildung etwa?

Ich denke mir keine Theorien aus, ich stelle den Menschen in den Mittelpunkt. Sehen Sie, als ich als Ordensschwester in Kenia mit Solwodi anfing, da habe ich auf das reagiert, was ich sah: etwa dass amerikanische Kriegsschiffe in Mombasa einlaufen mit hunderten von Soldaten, die ein halbes Jahr lang auf See waren. Dann kommen die an Land und überschwemmen die Stadt. Natürlich wegen Sex. Ich bin in Mombasa in die Bordelle und habe Frauen gefragt: Wie geht es euch damit? Wenn nur eine gesagt hätte, mir geht es wunderbar, ich verdiene viel Geld, ich habe ein Auskommen, hätte ich Ruhe gegeben. Es steht mir nicht zu, zu beurteilen, wieso jemand in der Prostitution gelandet ist.

Wie haben die Frauen reagiert?

Ich habe mich zu ihnen gesetzt und gesagt, ich bin hier, um Frauen in Not zu helfen. Aber Sie sind jung und hübsch, Sie haben sicher keine Probleme. Die Frauen reagierten sofort: „Meinen Sie, es macht Spaß, mit jedem Trottel abzuziehen? Sich Krankheiten zu holen? Mal Geld zu haben, mal keines?“ Dann habe ich gesagt: Ja, wenn das so schwierig ist, dann müssen wir überlegen. Sie sind doch ’ne tolle Frau, Sie können bestimmt auch was anderes.

Das scheint Sie auszuzeichnen, dass Sie etwas sehen, es analysieren und anpacken.

Ich habe keinen Businessplan gemacht, als ich Solwodi gründete. Ich bin zu einer Frau in einer konkreten Notsituation. Allerdings habe ich gelernt, dass Armut nicht nur eine Notsituation hervorbringt, nein, da sind immer ganz viele. Eine Frau hat Kinder, keine Arbeit, kann die Miete nicht bezahlen, ist schwanger, wurde von ihrem Mann verstoßen. Was kann man da machen?

Wie kommt es, dass Ihr Orden Ihnen so viel Freiheit gibt: Gehen Sie raus in die Welt, suchen Sie ein Problem, lösen Sie es?

Wir sind eine internationale Gemeinschaft, die in Afrika arbeitet. Ich wollte nach Afrika. Vielleicht war früher der gesenkte Blick das Ideal in einem Orden. Aber auf mich und die Frauen, die 1960 mit mir eintraten, traf das nicht zu. Ich denke, ein Orden kann nur bestehen, wenn er sich weiterentwickelt. Wir hatten im Kloster auch Seminare, die uns auf die Ehelosigkeit vorbereiteten. Die Oberin sagte, wir müssen die Sinne beherrschen, was ich richtig finde. Aber ihr Vorschlag, dass wir die Augen schließen sollen, wenn etwas schön ist, oder dass wir nicht an allem riechen sollen – das fand ich blöd. Nach der Stunde bin ich in den Garten und habe an jeder einzelnen Blume gerochen. An wirklich jeder. Es gab so viel, was man im Orden machen sollte, wo ich dachte: ohne mich.

Offenbar konnte sich Ihr Orden modernisieren.

Eine Kirche braucht Leute, die Tradition bewahren, und solche, die Traditionen aufbrechen. Weil ich Glück hatte, haben meine Vorgesetzten das verstanden.

Noch einmal zu Kenia: Nachdem Sie Kontakt mit den Prostituierten hatten, wurde das zu einer Geschichte, die Sie nicht mehr stoppen konnten.

Ich kann die Frauen doch nicht über ihr Elend ausfragen und dann nichts tun. Mich begeistert die Befreiungstheologie, die die Anliegen der Armen annimmt und Lösungen findet. Das zweite Vatikanische Konzil unter Papst Johannes XXIII. hat dafür die Türen geöffnet. Von Papst Johannes Paul II. und Ratzinger wurden sie wieder versperrt.

Sie kritisieren Ratzinger?

An dem Tag, als der Papst gewählt wurde, war ich in einer Livetalkshow. Da sagte der Moderator zu mir: Wir sind Papst. Schwester Lea, was sagen Sie dazu? Und ich antwortete: Das ist eine Katastrophe. Der Moderator war baff, das hätte er nicht von mir erwartet. Ich sagte: Ratzinger war der theologische Berater des Vorgängerpapstes, und da war alles schon schlimm. Jetzt ist er selber Papst, und ich glaube nicht, dass er es besser macht.

So was konnten Sie in einer Livesendung sagen? Kriegen Sie da keinen Ärger?

Wir Ordensschwestern, wir haben so wenig zu sagen, dass wir alles sagen können.

Trotz aller Rebellion: Bedient eine Nonne, die mit Prostituierten arbeitet und gegen Menschenhandel kämpft, nicht ein Klischee?

Sie meinen, auf der einen Seite steht die Reine, die Unberührte und auf der anderen die Unreine und Berührte? Aber diese Trennung machen Sie, nicht ich. Ich persönlich schätze Alice Schwarzers Formel: Nein zur Prostitution, ja zur Prostituierten. Ich will und kann mir nicht erlauben, zu beurteilen, warum jemand in die Prostitution gerät. Aber ich finde es immer eine Abwertung der Frau und eigentlich auch des Mannes. Wenn sich Frauen an mich wenden, die da reingeraten sind und die aussteigen wollen oder am Boden sind und keinen Glauben mehr an sich haben, dann versuche ich zu helfen.

Ist helfen nicht bevormunden?

Nein. Ich habe immer gedacht, in den Frauen steckt Kraft, steckt Kreativität. Als religiöse Frau sehe ich das so: In jedem Menschen steckt das Göttliche, das Schöpferische. Ich will Frauen, die in Not sind, den Rücken stärken. Ich habe immer gefragt: Was könnten Sie stattdessen machen? Haben Sie Ideen? Schlimm ist, dass Kinder, die nur ums Überleben kämpfen, keine Träume entwickeln. In Afrika habe ich es nie erlebt, dass eine Frau oder ein Kind, das im Elend lebte, gesagt hat, das und das möchte ich unbedingt machen.

Dann war es umso schwerer für Sie, zu helfen?

Wenn man nachbohrt, kommt trotzdem was. Eine Frau hat gesagt, ich fand es immer so toll, wenn ich mit meiner Oma Plätzchen gebacken habe. Dann habe ich gesagt, okay, wir backen Plätzchen. Wir hatten nichts. Dann besorgten wie irgendwoher einen Ofen. Eine andere hat gesagt, ich kann gut Zöpfe flechten. Okay, dann mach eine Ausbildung als Friseuse, sagte ich. Oder wir haben Eis hergestellt. Das war auch eine wunderbare Sache. Irgendwann haben wir die ganzen Aktivitäten in einem heruntergekommenen Lagerschuppen gebündelt.

Sie haben also, wenn ich es richtig verstanden habe, ein Unternehmen aufgebaut. Sie haben in Kenia die Frauen, die sonst in der Prostitution gearbeitet hätten, dazu gekriegt, das, was sie können, zu ökonomisieren.

Ja, alles musste man vermitteln und entwickeln. Einfache Sachen: Wenn ich für zwei Euro Stoff kaufe, um ein Kleidchen zu schneidern, kann ich das hinterher nicht wieder für zwei Euro verkaufen. Da muss ich den Faden, die Kosten für die Geräte, die Zeit einrechnen. So haben wir das aufgebaut. Leider wurde diese Kooperative nicht fortgeführt, nachdem ich das Land verlassen musste.

Warum mussten Sie das Land verlassen?

Ich war gefährdet, wurde vorgeladen, verhört. Ich denke, es hat damit zu tun, dass Tourismus für Kenia ein wichtiger Wirtschaftszweig ist. Ich zeigte eine andere Seite dieses Wirtschaftszweiges. Außerdem kam die Aidskrise dazu. Meine Arbeit hat da gestört. Nachdem der Bischof wollte, dass ich das Land verlasse, weil er nicht mehr für meine Sicherheit garantieren konnte, habe ich Solwodi anders organisiert.

Wie?

Wir haben jetzt in Kenia Solwodi, das Frauen in der Prostitution unterstützt, die aussteigen wollen. Es werden Ausbildungen angeboten, Alphabetisierung, Arbeitsvermittlung. Dann habe ich aber gesehen, dass die Kinder von Prostituierten auch Unterstützung brauchen. Das ist ja Elendsprostitution. Frauen und Kinder wohnen in einem Raum, dann kommen die Freier und vergreifen sich auch an den Mädchen. Oder die Kinder werden vor die Tür geschickt, nachts. Die Kinder gehen mal in die Schule, mal nicht. Wenn sie dort ankommen, dann heißt es „Hurentöchter“. Da muss ich doch was machen. So ist Solgidi, solidarity with girls in distress, entstanden. Wir sorgen dafür, dass die Kinder zur Schule gehen. Letztes Jahr hatten wir 19 Abiturientinnen.

Solgidi unterstützt nur Mädchen. Wie erklären Sie das?

Es gibt so selten nur was für Mädchen allein. Ein Bruder aus unserer Kongregation kümmert sich um Jungen und gründete die Udungu-Gesellschaft.

Wie ging es in Deutschland weiter, als sie zurück waren?

In Kenia geht es um die direkte Hilfe für die Frauen. In Deutschland muss ich aufklären. Es gibt hier Männer, die denken, sie tun als Sextouristen was Gutes. Die betrachten das als eine Art Entwicklungshilfe. Ich will klarmachen, was es wirklich bedeutet.

In Deutschland unterstützt Solwodi aber auch Opfer von Menschenhandel konkret.

Irgendwann riefen mich Frauen aus Düsseldorf an, und fragten, was wir für Frauen machen, die schon hier sind. Sie hatten eine sechzehnjährige Afrikanerin, die sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Mit dreizehn war sie von Afrika aus von einem Händlerring in europäische Edelbordelle verkauft worden. Diese junge Frau nahmen wir auf, und so entwickelte sich auch hier langsam Solwodi.

„Ich habe immer politisch gearbeitet. Aber wenn was leise zu regeln war, habe ich es leise geregelt“

Nach bewährtem Schwester-Lea-Prinzip: „Sehen, erkennen, handeln“?

Ich war allein, hatte hier nichts. Wenn ich Geld bekam, habe ich es nach Kenia geschickt. Plötzlich war diese junge Frau da. Ich habe sie dann in einer Ausbildungsstätte von Ordensschwestern untergebracht. Dort hat sie einen Beruf gelernt, und wir setzten durch, dass sie Papiere bekam und bleiben konnte. Durch sie habe ich gesehen: Wenn Frauen hier sind, die ich noch betreuen muss, dann brauche ich eine Organisation, Mitarbeiterinnen, einen Verein. Heute beraten und unterstützen wir ungefähr 1.500 Frauen aus über hundert Ländern jährlich.

Welcher Aspekt Ihrer Arbeit bietet den meisten politischen Zündstoff?

Alle. Solwodi sagt ganz klar: Frauen brauchen eine Chance in der Gesellschaft, und Prostitution ist keine. Als ich von diesen Flatrate-Bordellen hörte, dachte ich: Jetzt muss doch der letzte Depp kapieren, dass Prostitution keine Chance für Frauen ist. 70 Euro am Tag, 90 Euro in der Nacht, so die Werbung. Man kann fressen und saufen, so viel man will, und man kann mit den Frauen machen, was man will, alles zum Einheitspreis. Gangbang inbegriffen. Deutlicher kann man doch nicht machen, dass die Frau nur als Ware gesehen wird. Da war ich so schockiert, dass ich gemerkt habe, Empörung reicht nicht. Wir brauchen eine Ethik der Empörung.

Was meinen Sie?

Normalerweise ist Empörung nur ein Strohfeuer. Es ist was Schreckliches passiert, wir sind empört, aber die Empörung führt nicht dazu, dass gehandelt wird, dass der Missstand öffentlich angeprangert wird, dass Politiker zur Rechenschaft gezogen werden. Die Leute bleiben nicht dran, ändern nichts.

Was kann man in Bezug auf Prostitution ändern?

Prostitution ist ja ein sehr umstrittenes Thema. Am liebsten möchte man wohl gern alle überzeugen, dass es die letzte Freiheit der Frau ist: Sie kann sich verkaufen, an wen sie will. So ein Schwachsinn.

Hat sich das Prostitutionsgesetz, das vor zehn Jahren verabschiedet wurde, nicht positiv ausgewirkt?

Im Gegenteil. Die Initiative hatte natürlich einen guten Grund. Man hat gesagt: Die Freier werden nicht zur Verantwortung gezogen, aber die Frauen können sich noch nicht einmal sozial-, renten- und krankenversichern. Da haben wir auch mitgezogen. Aber jetzt zu sagen: Prostitution ist ein Beruf wie jeder andere, das geht für mich zu weit. Man hätte ein anderes Modell finden können, das Frauen in der Prostitution Zugang zu Versicherungen garantiert hätte. Sehen Sie, was passiert ist: Überall machen Riesenbordelle auf, mitunter verkauft als Wellness. Artemis in Berlin, Pascha in Köln, in Duisburg. Duisburg, wenn Sie da hingehen, ein ganzes Stadtviertel nur Bordelle. Die einen von den Hells Angels, die anderen von den Banditos. Durch das Prostitutionsgesetz ist es für die Polizei viel schwieriger geworden, Razzien in Bordellen zu machen und Frauen, die Opfer von Menschenhandel sind, rauszuholen.

Warum?

Ist ja alles legal. Bordelle sind legal. Vorher hat die Polizei den winzigsten Anlass nehmen können, um Frauen rauszuholen und sie außerhalb des Bordells zu befragen. Wir waren oft dabei. Aber jetzt, wo Prostitution ein Beruf sein soll wie jeder andere, kann die Polizei nur die Pässe kontrollieren. Wenn die in Ordnung sind, kann die Polizei nichts machen. Und im Bordell zu fragen: Bist du freiwillig hier?, ist ziemlich sinnlos.

Was halten Sie von Freierbestrafung?

Das war nicht durchzusetzen. Dabei finde ich, dass Freier, die über die Frau verfügen, obwohl sie wissen, dass die das nicht freiwillig tut, bestraft werden müssten. Das ist Vergewaltigung.

Ihre Arbeit wird von vielen Feministinnen geschätzt, obwohl Sie der katholischen Kirche angehören, die Frauen nicht gleichberechtigt behandelt.

Die Amtskirche ist ja sehr ins Zwielicht geraten durch Affären. Und ich finde sogar, die Amtskirche ist zu Recht in die Kritik geraten. Sie hat den Menschen aus dem Blick verloren und auf Selbsterhalt und Macht gesetzt.

Der Mensch ist die Hauptsache?

Ja, und zwar Männer und Frauen gleich. Gucken Sie mal, wie Jesus mit Männern und Frauen umgegangen ist. Er hat sie absolut gleich behandelt. Die Gleichnisse gelten meist für beide Geschlechter. Ein Mann hat ein Schaf verloren, er lässt alle anderen allein und geht dem verlorenen Schaf nach. Die Frau hat eine Drachme verloren. Sie kehrt das ganze Haus um, um sie zu finden. Das sind Geschichten, die vom selben erzählen. Jesus hat den Lazarus vom Tod erweckt und die Tochter eines Synagogenvorstehers. „Mädchen, steh auf“ – es sind immer Parallelgeschichten.

Das sagt aber nichts aus über die Hierarchie. Es ist ein Mann, der handelt und spricht. Jesus eben.

Jesus ist in eine patriarchale Gesellschaft hineingeboren. In der hätte eine Frau nichts ausrichten können. Jesus war ein Mann, aber er hat Frauen gleichberechtigt zugelassen und ernst genommen.

Versuchen Sie gerade, eine Erklärung zu finden, warum es einfach nicht mehr geht, dass die Kirche den Männern zugesteht, über Frauen zu bestimmen?

Genau. Ich finde, Jesus hat eine Revolution angefangen, und die wurde von der Kirche in Bezug auf die Frauen verraten.

Warum erlaubt die Kirche Ihnen, das alles zu sagen und diese Arbeit zu machen?

Solwodi, die 1985 in Kenia gegründete Frauenrechtsorganisation, heißt „Solidarity with women in distress“ (Solidarität mit Frauen in Notsituationen).

In Kenia gibt es seit 2002 zudem Solgidi – ein Bildungsprojekt für Töchter von Prostituierten und eines für HIV-infizierte Frauen. Zwei Frauenfußballvereine hat Solwodi auch. Sie sind so erfolgreich, dass zwei Tuk Tuks, Minitaxis, gespendet wurden. So können die Spielerinnen Geld verdienen, um zu den auswärtigen Spielen zu fahren.

In Deutschland unterstützt Solwodi seit 1988 Opfer von Gewalt und Menschenhandel. Es gibt fünfzehn Beratungsstellen, sieben Schutzwohnungen und eine Stiftung. Der Verein hat 52 Angestellte, darunter 16 Ordensschwestern aus zwölf Kongregationen. Mehr unter: www.solwodi. de

Was heißt „erlauben“? Ich bin hier. Ich hatte ungeheures Glück, weil ich Vorgesetzte hatte, die über den Tellerrand gucken konnten. Schauen Sie, ich deute meine Arbeit ja religiös.

Sie entsprechen auch in anderer Hinsicht nicht einer Nonne. Sie sind zivil gekleidet.

Das wurde uns nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil freigestellt. Damals galt: Türen und Fenster öffnen, Welt entwickelt sich weiter. Unser Orden war vielleicht schneller im Ablegen der Nonnenkleidung als andere.

Bei Ihnen ist es sogar so, dass Sie seit 25 Jahren mit einem Pater in einer zölibatären Gemeinschaft in einer alten Probstei am Rhein leben und Pflegekinder großgezogen haben.

Sehen Sie, das hat sich ergeben. das war eine Notsituation. Die Frauen waren hier, hatten Männer, die sie rausgesetzt haben, schwanger, illegal – die ganzen Geschichten. Wenn Kinder da waren, haben wir versucht, Lösungen bei Nachbarinnen, Freundinnen, Pflegefamilien, in befreundeten Klöstern zu finden. Für vier Kinder haben wir keinen Platz gefunden. Gut, dann müssen wir das anders organisieren, hab ich gesagt. So kommt es, dass vier Kinder hier in der Probstei bei Pater Köster und mir aufgewachsen sind. Zwei bis ins Erwachsenenalter.

So sind Sie Mutter geworden.

Das war ein Geschenk. Aber ohne die Unterstützung von Freunden und den benachbarten Klöstern wäre diese ganze Arbeit von Solwodi nie möglich gewesen.

Ich vermute, dass Sie das Ordensnetz auch gern nutzen, wenn Sie Frauen verstecken müssen, damit diese nicht abgeschoben werden.

Ja, aber das Illegale, das ist auch eine Definitionsfrage. Man vergisst: Die Frauen sind von deutschen Männern ausgebeutet worden oder von deutschen Männern schwanger. Die Kinder haben deutsche Väter. Ich habe immer alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass die Kinder einen deutschen Pass bekommen. Dann können auch die Mütter bleiben. Ich habe immer politisch gearbeitet. Ich habe das aber nie an die große Glocke gehängt. Wenn was leise zu regeln war, habe ich es leise geregelt.

Waltraud Schwab verehrte Schwester Leontia, die Nonne, die ihre frühere Kinderschule leitete