Das wird alles einmal dir gehören

WERTE 25 Jahre nach dem Mauerfall läuft eine neue Grenze durchs Land. Die Westkinder erben, im Osten gehen viele leer aus. Die Ungleichheit wächst mit jedem Jahr

VON ANTJE LANG-LENDORFF

An die Tür der neuen Wohnung hat Julia Sander eine Postkarte geklebt. „Heimat“ steht darauf. Als müsste sie sich das Gefühl des Zuhauseseins hier erst verordnen. Heimat, das war für sie und ihren Freund lange die kleine Mietwohnung in einem Altbau in Berlin-Neukölln. Nach Hause kommen hieß, durch das ranzige Treppenhaus hinaufzusteigen bis unters Dach, in die zwei Zimmer, die im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt waren.

Seit einem Jahr leben die beiden nun in einem Neubau in Berlin-Mitte. Die Haustür glänzt golden, ein Aufzug surrt nach oben. „Das fühlt sich schon großbürgerlicher an als früher“, sagt Julia Sander. Die Wohnung liegt im vierten Stock, vier Zimmer auf 114 Quadratmetern. Geöltes Eichenparkett, die Küche geht direkt ins Wohnzimmer über. Beim Kochen blickt man hinaus auf die Terrasse, auf Altbauten und über das grüne Blätterdach eines Baumes in den weiten Himmel. „Dieser Raum war der Grund, warum wir uns für die Wohnung entschieden haben“, erzählt Sander.

Sie ist jetzt nicht mehr Mieterin, sondern Eigentümerin. Ihr Vater hat ihr die Wohnung gekauft. Für 375.000 Euro, das meiste hatte er einfach übrig. Es ist ein Teil ihres Erbes, in dessen Genuss Julia Sander, 31 Jahre alt, jetzt schon kommt.

Noch nie gab es so viele junge Menschen in Deutschland, die erben oder ein vorgezogenes Erbe geschenkt bekommen. Seit fast 70 Jahren leben die Deutschen in Frieden, nicht wenige im Westen haben die Wirtschaftswunderzeit erlebt. Sie haben ein Haus bauen können und es über die Jahrzehnte abbezahlt. Oder sie haben nach und nach ein kleines Vermögen auf Sparkonten, in Aktiendepots oder Bausparbriefen angesammelt – das sie nun an die Kinder und Enkelkinder weitergeben. Studien gehen davon aus, dass in Deutschland jährlich bis zu 260 Milliarden Euro an Privatvermögen vererbt werden.

Jede Kachel sagt etwas über ihren Geschmack

„Es rauscht eine wahre Nachlasswelle auf Deutschland zu“, sagt Steffen Mau, Professor für politische Soziologie an der Universität Bremen. In seinem Buch „Lebenschancen. Wohin driftet die Mittelschicht?“ befasst er sich mit dieser Welle. Eine ganze Generation von Erben erwarte plötzlich sehr viel Geld. Menschen in jungen und mittleren Jahren, oft gut gebildet, mit attraktiven Jobs. „Diese Erben sind meist Kinder der gehobenen Mittelschicht“, sagt Mau – die Nachkommen von Ärzten, Anwälten, Professoren oder Managern. Aber auch manche bescheidenen Kleinbürger hätten viel zur Seite gelegt.

Euro werden in Deutschland durchschnittlich pro Erbschaft weitergegeben

Quelle: Deutsches Institut für Altersvorsorge

Wie gerecht kann so eine Entwicklung sein?

Seit der französische Ökonom Thomas Piketty nachwies, dass sich Vermögen über Jahrhunderte hinweg in bestimmten Familien konzentriert, weil Kapital deutlich mehr Rendite bringt als Arbeit, stellt sich diese Frage noch drängender.

Julia Sander profitiert von der Nachlasswelle, jetzt schon. Anders als Menschen wie der Dokumentarfilmer Knut Beulich, der im nördlichsten Zipfel von Berlin-Prenzlauer Berg lebt, jenseits der Innenstadt, in einem Wohnblock aus den 30er Jahren. Obwohl seine Eltern, zwei Akademiker, jahrzehntelang arbeiteten, hat er wie so viele Ostdeutsche kein Erbe zu erwarten.

Die Wohlhabende aus dem Westen, der Arme aus dem Osten. Zwei entgegengesetzte Pole des Vermögensspektrums in der gebildeten Mittelschicht. Wäre es nicht fair, der einen ein bisschen zu nehmen, um es dem anderen zu geben?

Julia Sander lässt sich einen Espresso aus der Maschine und schüttet ein paar Biokekse auf einen Teller. Eine schlanke blonde Frau mit einem offenen Gesicht, die den Rücken sehr gerade hält, während sie hantiert. An diesem Nachmittag trägt sie einen mit Goldfäden durchwirkten Pullover. Sander hat eigentlich einen anderen Nachnamen. Sie möchte nicht, dass in Zukunft jeder, der bei Google nach ihr sucht, sofort über ihre Vermögensverhältnisse Bescheid weiß.

Die Wohnung haben sie und ihr Freund sorgfältig eingerichtet. Die Arbeitsplatte in der Küche ist aus edlem schwarzen Granit. Darüber hängt der obere Teil eines alten Küchenbuffets, den sie einer ihrer Neuköllner Lieblingskneipen abgekauft haben.

Alles, was da ist, hat sie ausgesucht. Jede Kachel, selbst der nackte Putz sagen etwas über ihren Geschmack. Über sie.

Julia Sander kann ihren Lebenslauf vorzeigen: Studium an der Universität der Künste, Praktika bei vielen Medien, bei der HIV-Hilfe in Malaysia. Master in „International Studies“ in Sidney. Schließlich die Hochschule für elektronische Medien in Potsdam. Sie gehört zu jener Altersgruppe, die schon früh unter Leistungsdruck stand. Sie habe sich immer mit vielen auf wenige Plätze beworben: „Ich war schon in der Schule beseelt von der Angst, keinen Studienplatz zu bekommen.“

Seit drei Jahren arbeitet sie als freie Radiojournalistin. Auf rund 1.700 Euro netto im Monat komme sie meistens, sagt sie. Sander kann gut davon leben. Die Eigentumswohnung in Mitte hätte sie sich aber nicht leisten können. Sie hätte von der Bank keinen Kredit bekommen. „Für die bin ich schlechter gestellt als ein Briefträger, der hat wenigstens einen Arbeitsvertrag.“ Da verdiente sie endlich ihr eigenes Geld, aber zahlen musste wieder der Vater.

Wer hart arbeitet, soll es auch zu etwas bringen können, lautete lange das Aufstiegsversprechen der sozialen Marktwirtschaft.

Reinhard Sander, 74 Jahre alt, wohnt in Dreieich Offenthal, einem kleinen Ort südlich von Frankfurt am Main. An der großen Straße stehen noch ein paar Fachwerkhäuser. Ansonsten reiht sich ein Einfamilienhaus an das andere. Die Nähe zu Frankfurt bestimmt das Leben der 5.100-Einwohner-Gemeinde. Offenthal ist ein Ort der Pendler und Ruheständler.

Seit Julias Mutter vor elf Jahren an Krebs starb, lebt Reinhard Sander allein in der Doppelhaushälfte der Familie, einem beige gestrichenen Gebäude mit brauner Gaube. Im Vorgarten wachsen üppige Rhododendren. Innen haben sich die Sanders Marmorboden legen lassen.

Es ist ein warmer Sommertag. Reinhard Sander, ein schmaler Mann mit Glatze, trägt ein kurzärmliges kariertes Hemd. Julia Sander läuft barfuß durchs Haus. Sie arbeitet gerade für ein paar Wochen in Frankfurt und wohnt solange in ihrem alten Zimmer im ersten Stock.

Ihr Vater stammt aus Celle. Für das Abitur fehlte das Geld, also machte er eine Lehre zum Industriekaufmann. Er verzieht das Gesicht: „Ich war viel im Lohnbüro und habe mich sehr gelangweilt.“ Nebenbei lernte er Englisch, Französisch, Spanisch, später Portugiesisch. Er spielte Akkordeon und Klavier. Mit Tanzmusik verdiente er sich das Geld für die Dolmetscherschule. Er erzählt das ganz nebenbei.

Der Vater hat sich das Haus noch erarbeitet

Die Sprachen halfen ihm: Nach der Lehre bekam er in Remscheid einen Job bei einem Export-Großhändler, der ihn nach Angola schickte. Später landete er bei einer Firma, die Lastwagen-Kupplungen verkaufte. Dort blieb er 38 Jahre. Er arbeitete sich hoch, bereiste die halbe Welt, zum Schluss war er Exportleiter. Vor der Pensionierung verdiente er mehr als 100.000 Euro pro Jahr, sagt er. Am Esstisch beginnt seine Tochter nervös auf ihrem Stuhl herumzurutschen. Die Höhe seines Einkommens kannte sie nicht.

Die Sanders kauften die Doppelhaushälfte. Sie verreisten viel, an der Bildung ihrer Tochter sparten sie nicht. Sonst gönnten sie sich keinen Luxus. Sie legten Geld zur Seite, erwarben eine Wohnung im Nachbarort. Und vor kurzem die in Berlin. All diese Immobilien gehören Julia jetzt schon oder werden ihr einmal gehören. Schenkungsteuern hat sie bisher keine bezahlt.

Zunächst einmal, sagt der Soziologe Steffen Mau, entschärften Schenkungen den Konflikt zwischen Jungen und Alten. Der Wohlfahrtsstaat verteile zugunsten der jetzigen Rentnergeneration um: „Ohne die vielen privaten Transfers in die andere Richtung würden die Jungen die Alten viel mehr als Last wahrnehmen.“ Im Einzelfall gehe so ein Transfer immer auch mit Erwartungen einher. „Im besten Fall stärken Schenkungen eine Bindung. Sie können aber auch in Übergriffigkeit münden.“

Im September 2013 zog Julia Sander in die neue Wohnung. Als ihr Vater zu Besuch kam, fragte er: „Wie viel Schlüssel habt ihr denn? Könnt ihr einen entbehren?“ Insgeheim hatte er gehofft, sie würde ihm das von sich aus anbieten. Er hatte die Wohnung ja gekauft. Julia Sander war gar nicht auf die Idee gekommen. Aber natürlich gab sie ihm den Schlüssel. „Er ist kein Typ für Überraschungsbesuche, das ist schon okay“, sagt Julia Sander.

Sie versteht sich gut mit ihrem Vater. Trotzdem verändert die Schenkung der Wohnung etwas. „Ich will meinen Vater nicht enttäuschen. Ich will zeigen, dass ich keine Spinnertochter bin, die auf seine Kosten lebt, sondern dass auch ich ordentliche Sachen mache“, sagt sie.

In Offenthal ist es Abend geworden. Die Sanders gehen zum China-Restaurant drei Straßen weiter. Es gibt Ente süß-sauer und Chop Suey. Auf der Karte stehen noch DM-Preise, sie wurden lediglich überklebt.

Reinhard Sander erinnert sich an die 70er Jahre, als der von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard beschworene „Wohlstand für alle“ in Westdeutschland Wirklichkeit zu werden schien. „Meine Chefs fuhren nach Stuttgart und Berlin, um Leute anzuwerben.“ Dass Julia keine Festanstellung hat, trotz ihrer Ausbildung, dass viele sich von Job zu Job hangeln, versteht er immer noch nicht ganz. Wenn seine Tochter sagt, sie sei mit ihrer Selbstständigkeit glücklich, sieht er sie skeptisch an. „Ich bin froh, dass ich nicht mehr jung bin“, sagt Reinhard Sander.

Nicht die Leistung, sondern das Glück der Geburt entscheidet immer häufiger darüber, wie gut jemand leben kann.

Dass Julia keine Festanstellung hat, trotz ihrer Ausbildung, versteht ihr Vater immer noch nicht

„Es ist kaum noch möglich, mit einem durchschnittlichen Arbeitseinkommen ein Vermögen aufzubauen“, sagt der Soziologe Mau. Die Löhne stagnieren seit den 90er Jahren, die Lebenshaltungskosten steigen. Arbeitnehmer zahlen für private Altersvorsorge, für Gesundheit und Pflege. Natürlich gebe es auch heute noch Leute, die all das locker aufbringen, weil sie 160.000 Euro im Jahr verdienen, sagt Mau. Aber für den Durchschnittsverdiener sei das Ansparen von Kapital allein durch Arbeit viel schwieriger geworden. „Die Mehrung des Einkommens durch Vermögensbesitz funktioniert dagegen deutlich besser.“

Das alles ähnelt feudalen Strukturen, die mit dem Selbstverständnis einer Leistungsgesellschaft eigentlich kaum vereinbar sind. Das angehäufte Vermögen wird in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben. Steffen Mau warnt, dass die Situation in Deutschland bald der in Frankreich oder Großbritannien gleichen könnte. Dort seien „wahrhafte Gelddynastien“ entstanden.

Den reichsten 10 Prozent der deutschen Bevölkerung gehören derzeit fast 60 Prozent des Gesamtvermögens. Die einen erben, die anderen kriegen wenig oder nichts. Die Risse gehen quer durchs akademische Milieu. Man studiert gemeinsam, lebt in einer WG oder arbeitet im gleichen Job. Und plötzlich gibt es diese Unterschiede. Der eine kann sich eine schöne Wohnung kaufen und trotz steigender Mieten in der Innenstadt bleiben. Der andere muss sich mit einem WG-Zimmer begnügen oder an den Stadtrand ziehen.

„Ach so eine bist du jetzt“, sagte ein Bekannter, den sie auf der Straße traf, zu Julia Sander. Weil die neue Wohnung in der Nähe des Oranienplatzes liegt, wo lange Flüchtlinge campierten, schob er hinterher: „Und die Flüchtlinge willst du jetzt wohl auch abschieben?“

„Ein Erbe ist nichts, wofür man sich schämen müsste“, verteidigt eine Freundin sie. Um dann doch anzumerken, dass Julia nun auf einem Niveau lebe, das sie aus eigener Kraft frühestens vielleicht in 20 Jahren erreichen könnte. Und dass sie es verstehen würde, wenn Julia das unangenehm sein sollte.

Julia Sander sagt, sie hätte es absurd gefunden, dieses Geschenk abzulehnen. Sie sei doch deswegen nun kein anderer Mensch.

Was den Nachlass betrifft, ist Deutschland nach wie vor geteilt: Im Westen haben 19 Prozent aller Erbschaften einer Untersuchung der Postbank zufolge einen Wert von mehr als 100.000 Euro. Im Osten ist das nur bei knapp 3 Prozent der Fall. Jede zweite Erbschaft enthält im Westen eine Immobilie, hat das Deutsche Institut für Altersvorsorge festgestellt, im Osten nur jede dritte. Ein Häuschen in Bayern ist zudem oft mehr wert als eins in Mecklenburg-Vorpommern.

Knut Beulich hat Holunder gepflückt. Er sah die Beeren auf einer seiner Touren durch Berlin am Wegesrand, also stieg der lange Mann mit den abstehenden Haaren vom Rad und sammelte sie ein. Zu Hause in Prenzlauer Berg kochte er den Holunder mit Wasser und etwas Zucker auf. Beulich stellt ein Glas des lila Safts auf den kleinen Küchentisch, zum Probieren. „Das wächst wie Unkraut.“

Beulich wurde im Ostberliner Stadtteil Pankow groß. Sein Vater war Chemiker, seine Mutter unterrichtete als Lehrerin Russisch und Englisch. Wären sie wie andere in den Westen gegangen, hätten sie vielleicht auch ein kleines Vermögen aufbauen können. Aber das taten sie nicht. So ist Knut Beulich einer von vielen, denen ihre Eltern nichts hinterlassen werden.

Eigentlich hat er in dieser Geschichte die Opferrolle. Der bedauernswerte Ostdeutsche, der nicht mit so vielen Reichtümern gesegnet wurde wie viele Westdeutsche. So würde er das aber nicht sehen.

Beulich wohnt wie Sander im vierten Stock, wie sie hat er einen schönen Blick, über die Gärten hinterm Haus. Nach wie vor zahlt er für die 65 Quadratmeter nur etwas mehr als 300 Euro kalt. „Ich habe, als ich vor zwölf Jahren eingezogen bin, die Heizung und das Bad selbst modernisiert und deshalb jetzt die billigste Miete im Viertel.“

Anders als Julia Sander interessiert ihn die Einrichtung seiner Wohnung nicht besonders. Klar, die Styroporplatten an der Decke seien etwas speziell. Er findet das nicht so schlimm.

Beulich arbeitet als selbstständiger Dokumentarfilmer fürs Fernsehen. Er hat zwei erwachsene Töchter und lebt allein. Mit seinen Einnahmen komme er aus, sagt er. Er fährt viel Fahrrad, nutzt öffentliche Verkehrsmittel und hat keine teuren Hobbys. Mit befreundeten Autoren spielt er Fußball.

Beulich würde nicht bestreiten, dass Geld das Leben erleichtern kann. Einmal war er pleite. Da bot ihm ein Freund, dessen schwäbische Familie nach dem Krieg zu Wohlstand gekommen war, Unterstützung an. Die Summe sollte Beulich selbst bestimmen, zurückzahlen brauchte er nichts. „Mir war in der Situation unheimlich geholfen“, erzählt er.

Trotzdem ist sich Beulich sicher, dass Ersparnisse und Immobilien die „Essenz des Lebens“ nicht berühren. Gesundheit, Familie und Freunde, die Teilnahme an der Welt, Bücher und Musik. Und eben der Fußball. Wenn sich andere wie Julia Sander eine Wohnung kaufen oder schenken lassen, nimmt er das achselzuckend zur Kenntnis. Man hat dann gleich so viel Verantwortung. „Wenn man stirbt, hilft einem die Eigentumswohnung auch nicht mehr. Letztlich sind wir doch alle nur Mieter.“

In der DDR entschied sich Beulich trotz seines guten Abiturschnitts, in der Fabrik zu arbeiten statt zu studieren. „Als Arbeiter war ich nicht mehr zu degradieren“, sagt er. Keiner konnte ihm reinreden. Genau darum geht es ihm bis heute.

Was ist größer: die Freiheit, nichts zu besitzen, also keinerlei Verpflichtungen zu haben? Oder die Freiheit der Möglichkeiten, die der Besitz einem bietet?

■ Geschichte: Die erste nachweisbare Erbschaftsteuer wurde 117 v. Chr. in Ägypten eingeführt. Sie betrug etwa zehn Prozent. 6 n. Chr. bestimmte Kaiser Augustus eine fünfprozentige Abgabe auf Erbschaften für römische Bürger. Ausgenommen waren geringe Vermögen und Vererbungen in der Familie – vor allem Aristokraten und Ritter sollten so ihren Reichtum sichern können. 1873 wurde in Preußen die erste Erbschaftsteuer im Deutschen Reich eingeführt. 1906 folgte eine erste reichseinheitliche Erbschaftsteuer mit einem Spitzensatz von 25 Prozent.

■ Gesetz: Die letzte größere Reform der Erbschaftsteuer fand im Jahr 2008 statt: Die damalige schwarz-rote Koalition beschloss, Unternehmenserben weitgehend von der Steuer zu verschonen. Wer eine Firma mindestens fünf Jahre fortführt, muss nur 15 Prozent der anfallenden Erbschaftsteuer zahlen, ab sieben Jahren bleibt man steuerfrei. Bei Unternehmen mit über 20 Arbeitnehmern müssen dabei die Jobs erhalten bleiben. Derzeit überprüft das Bundesverfassungsgericht diese Bevorzugung. Ein Urteil könnte noch im Herbst fallen.

Je teurer die Mieten in Städten wie Berlin, München oder Hamburg werden, desto mehr verschiebt sich die Bedeutung von Eigentum. Eine Wohnung zu haben heißt inzwischen eben auch, selbst über den Lebensmittelpunkt entscheiden zu können.

Vielleicht wird auch Beulich seine Miete irgendwann nicht mehr zahlen können. Vielleicht muss er dann noch weiter rausziehen, weg von seinen Freunden und Bekannten rund um den Prenzlauer Berg. „Man wird wahrscheinlich feststellen: Da ist Leben auch möglich“, sagt er.

Dann springt er plötzlich auf: „Ich habe doch was geerbt.“ Im Flur zeigt er vergnügt auf zwei schwarze Stiefel mit kaputtem Reißverschluss, die er als Türstopper verwendet. „Die hat mir ein Freund meines Vaters hinterlassen. Ich halte sie in Ehren.“

Schon John Stuart Mill sah das Erben kritisch

Viele, die ähnlich wenig Vermögen in der Familie haben wie Beulich, spüren schon jetzt die Konsequenzen. In Großstädten passiert es häufiger, dass Erwachsene wieder bei den Eltern einziehen, weil sie die eigene Wohnung nicht mehr zahlen können. Arbeitslose sammeln sich in Siedlungen am Stadtrand.

Wäre es also nicht gerechter, die Sanders dieses Landes müssten ein bisschen mehr abgeben? Und die Beulichs bekämen davon ab?

Erst im Sommer hat SPD-Vize Ralf Stegner wieder eine Anhebung der Erbschaftsteuer gefordert. Man könnte meinen, dass so eine Forderung populär ist. Zum liberalen Denken passt sie: Schon der Ökonom John Stuart Mill stand Erbschaften kritisch gegenüber, weil sie Chancen ungleich verteilen und den Anreiz zum eigenen Wirtschaften nehmen. In den USA kassierte der Staat teils mehr als die Hälfte einer Erbschaft.

In Deutschland muss nur ein kleiner Teil der Erbschaften abgegeben werden, wegen der hohen Freibeträge für Verwandte. Für Kinder wie Julia Sander werden bis zu 400.000 Euro nicht besteuert. Die Einnahmen des Staates aus der Erbschaft- und Schenkungsteuer stiegen von 3 Milliarden im Jahr 2002 zwar auf 4,6 Milliarden im vergangenen Jahr – das sind lediglich 1,8 Prozent des gesamten Erbvolumens.

In Umfragen allerdings lehnt die Mehrheit eine Erhöhung der Erbschaftsteuer ab. „Bei einer Erbschaft handelt es sich nicht um eine Transaktion zwischen Wirtschaftssubjekten, sondern zwischen Familienangehörigen“, versucht der Soziologe Steffen Mau die Vorbehalte zu erklären.

Im Sommer 2012 wurde Julia Sander für einen Radiobeitrag auf einen Termin der „Umfairteilen“-Kampagne von Gewerkschaften und Sozialverbänden am Kanzleramt geschickt. Zwei Monate zuvor hatte sie den Kaufvertrag für ihre Wohnung abgeschlossen. Da stand sie nun, vor einem Dagobert, der zwischen Goldbarren ein öffentliches Geldbad nahm. Und kam ins Grübeln. „Meinen die mich?“

Auf einer abstrakten Ebene ist Julia Sander durchaus für eine Umverteilung des Vermögens. Andererseits ist da so ein Gefühl, dass es ungerecht wäre, für die Schenkung der Berliner Wohnung Steuern zu zahlen. „Das ist schließlich kein ‚old money‘, das seit Generationen weitervererbt wird. Mein Vater hat hart für sein Geld gearbeitet“, sagt sie. „Dann soll er es doch seiner Tochter geben können.“

Auch die Angst vor Verarmung spielt in der Diskussion eine Rolle. Viele wollen ihr Familienvermögen halten, es sichert sie ab.

Neulich überquerte Knut Beulich mit dem Fahrrad eine Straße. Plötzlich hörte er hinter sich einen dumpfen Schlag. Zwei Sekunden später klirrte Glas. „Glück gehabt“, dachte er noch. Am nächsten Tag stand in der Zeitung, dass Unbekannte einen Glascontainer gesprengt hatten.

Wäre er wenige Meter näher dran gewesen, er hätte auch schwer verletzt werden können, vielleicht berufsunfähig.

Geld zu verschenken bringt schöne Geschichten hervor. Eine Auswahl:

■ Für den Kampf: Der grüne Bundestagsabgeordnete Tom Koenigs spendete 1973 „irgendwas zwischen 500.000 und fünf Millionen Mark“ an den Vietkong. Das Geld hatte er vom Großvater geerbt. Koenigs sagt: „Mich beschäftigte die Frage der Gerechtigkeit und Gleichheit mehr als Geld.“

■ Für die Bewegungen: Ulf Mann, Apotheker, gründete 1986 mit seinem Erbe von 18 Millionen Euro die Stiftung „Umverteilen“. Die bezahlte Flugblätter, Bücher und Kongresse zu globaler Gerechtigkeit. Auch die taz profitierte von dem Geld. „Ich war 20 Jahre lang Millionär“, sagte Mann. „Das hält man als normaler Mensch nicht aus.“

■ Für den Kommunismus: Michael May spendete von 2005 bis 2008 der MLPD 3.059.167 Euro. Das Geld stammte aus Wertpapieren und Immobilien seiner Eltern. „Ich denke, wir brauchen eine gesellschaftliche Alternative. Die MLPD ist eine Partei, die sich in sozialen Kämpfen an die Seite der Arbeiter stellt“, sagte er der taz.

„Natürlich gibt es jede Menge Möglichkeiten abzustürzen. Das ist das Lebensrisiko“, sagt Beulich. Und klar, ohne Vermögen müsse man mit seiner Rente klarkommen. Aber auch daran könne man sich gewöhnen. Er deutet aus dem Küchenfenster. „Die Minze, der Holunder, das ist doch alles weiter da.“

Julia Sander muss sich keine Gedanken machen, ob sie die Miete bezahlen kann. Ihr Bauchgefühl sagt ihr trotzdem, dass sie sich nicht darauf ausruhen sollte. Sie sorgt vor, wo sie kann: Berufsunfähigkeitsversicherung, Rentenzusatzversicherung.

Die Erbin macht sich mehr Sorgen als der Nicht-Erbe.

Seit einem Jahr lebt Julia Sander nun in ihrer eigenen Immobilie. Es gab Partys mit Tanzen bis in die Morgenstunden. Und Weinflecken. Gerade schläft eine Freundin bei ihnen, die ihre eigene Wohnung untervermietet, um sich etwas dazuzuverdienen. Julia Sander sagt: „Der Kauf hat sich absolut bewährt.“

Knut Beulichs Töchter werden sich keine Eigentumswohnung leisten können, jedenfalls nicht von seinem Geld. „Ihnen viel zu vererben, da habe ich keine Ambitionen“, sagt er. Im besten Fall habe er sie befähigt, selbst in der Welt klarzukommen.

Julia Sander geht davon aus, dass sie einen Teil ihres Erbes aufbrauchen wird. Es sei denn, sie verdient irgendwann deutlich mehr. Sie sagt: „Falls ich mal Kinder haben sollte, würde ich denen aber schon gerne eine finanzielle Sicherheit vermachen. Weil ich erlebe, mit welchen Freiheiten das verbunden ist.“

Die Ungleichheit, sie setzt sich fort.

Antje Lang-Lendorff, 36, ist Vizechefin der taz.berlin. Sie lebt in einer Wohnung, die sie nur vom taz-Gehalt nicht zahlen könnte