Altaktivist Alfons Kujat

„Empörung über brutale Polizei“

„Der Revolutionäre 1. Mai in Kreuzberg hatte ja seinen Ausgangspunkt 1987 auf dem Lausitzer Platz. Damals fand dort ein Fest statt, auf dem sich mehr als 3.000 Menschen aufhielten. Es war ein friedliches Fest, und nichts deutete darauf hin, dass es Probleme geben würde. Zur gleichen Zeit hatten Autonome am Halleschen Ufer einen Bulli umgekippt. Die Autonomen flüchteten dann auf den Lausitzer Platz, woraufhin eine Polizeieinheit das Fest stürmte und auch sofort losknüppelte. Dort war auch ich dabei.

Und dann setzte die Polizei auch noch Tränengas ein. Auf dem Fest waren ja jede Menge Kinder und Eltern dabei, Türken, Deutsche, die alle nicht mitbekommen hatten, was passiert ist, sondern nur feststellten, dass unter anderem ihre Kinder mit Gas beschossen wurden. Das führte dazu, dass die Leute sich dementsprechend wehrten. Das ging so weit, dass die Polizei sich kurzzeitig zurückziehen musste, später aber mit Verstärkung wieder anrückte. Daraufhin eskalierte die Situation völlig. Zugleich herrschte eine ungeheure Solidarität unter den Leuten, wie ich sie nie mehr erlebt habe. Anwohner schmierten uns Butterbrote, man sah türkische Väter wütend auf die Polizei losgehen – wir alle waren empört über diesen brutalen Polizeieinsatz.

Zugleich muss man berücksichtigen, dass der Unmut im Kiez damals ohnehin groß war. Denn der Senat hatte zuvor sozialen Projekten viel Geld gestrichen. Es gab zahlreiche Jugendliche, die keine Lehrstelle fanden, die Armut wuchs und damit auch die allgemeine Unzufriedenheit. Der revolutionäre 1. Mai, wie man ihn später genannt hat, resultierte aus diesem „Volksaufstand“. Und plötzlich flossen die Gelder wieder.

Die darauf folgenden Jahre lebten von dieser Aufbruchsstimmung: Hey, da war was, da gibt es eine berechtigte Auseinandersetzung um soziale Themen – dafür war der 1. Mai in den folgenden Jahren ein Symbol.

Bereits im dritten Jahr merkte man, dass sich der 1. Mai verselbstständigt hatte. Und das war auf keinen Fall im Sinne der Macher. Was sich dann auf der Straße abspielte, war nur noch Krawalltourismus.

Der Standort Mariannenplatz ist am 1. Mai auch heute noch ein politischer Standort, an dem die unterschiedlichen Kulturen zusammenkommen und politische Forderungen verdeutlicht werden. Da gehe ich nach wie vor hin. Was drumherum läuft, ist für mich reine Beruhigungspolitik. Denn einmal im Jahr ist man bereit, Geld nach Kreuzberg reinzupumpen, damit sich Jugendliche vergnügen können. Der politische Charakter ist komplett verloren gegangen. Was mich traurig stimmt: Obwohl immer wieder Versuche gestartet wurden, gibt es keine Demonstration mehr, wo man sagen kann: ‚Ja, die knüpft wirklich an das Symbol an, wofür der Kreuzberger 1. Mai viele Jahre stand.‘

Vielleicht sollte man die ganzen Veranstaltungen in den Grunewald verlagern. Denn so wie der 1. Mai in Kreuzberg heute abläuft, dient er nur noch der Selbstbeweihräucherung.“

Alfons Kujat, 53, war Boxer, Gewerkschafter, Soldat, Koch, Hausbesetzer und lebt heute als Schauspieler, Regisseur und Autor in Berlin.