Gerechter Zorn

Ältere Kulturschaffende am Werk: Die neue Fehlfarben-CD „Handbuch für die Welt“ ist erfrischend pessimistisch

Was für ein Glück, dass ältere Kulturschaffende immer weitermachen müssen, weil sie auf dem Arbeitsmarkt so schwer vermittelbar sind! Denn diesem Umstand ist, laut Fehlfarben-Sänger Peter Hein, die Entstehung der neuen Fehlfarben-CD „Handbuch für die Welt“ zu verdanken. Die klingt zuerst einmal schwer verdaulich, aber dann doch erfrischend pessimistisch: Die Welt ist scheiße, das Leben ist schwer, Liebe wäre ein kleiner Ausweg, aber da ist man auch zu blöd, ums hinzukriegen.

So wird in einem der stärksten Songs „Es gibt immer ein Morgen“ zwei Strophen lang eine zwar gebrochene, aber doch funktionierende Pärchenidylle beschrieben: „Gemeinsam haben wir so viel gefunden, haben die Leben aneinander gebunden“, um in der dritten Strophe archetypisch zu zeigen, wie man alles versauen kann. Die Musik feiert durch schroffe Riffs, harte und scharfe Gitarren eine stoisch-wütende Abgewracktheit. Dann schleift wieder etwas gefährlich neben der Spur, dazu Maschinengeräusche und nervöses Keyboardgeklimper. Die Texte werden allerdings deutlich schwächer, wenn sie Tagespolitik kommentieren wie in „Anders geblieben“: „Wir haben uns über Deutschland beschwert, für uns war Privatisierung verkehrt.“

Aber Heins knorrig-gequälter Gesang ist dann immer wieder so unfassbar seltsam, dass man auch die textlichen Schwächen ignorieren kann. Und so bewegt sich die ganze CD zwischen grandiosen Momenten und einigen Längen. Mit „Das schöne Herz“ überzeugt Hein als Heinrich-Heine-Interpret, aber wenn da gleich drei Heinegedichte kommentarlos zu einem zusammengestoppelt werden, tut das den Heineverehrern nicht nur wegen der fehlenden Quellenangaben weh. Aber all das ist verziehen, wenn es wirklich zu so großartigen Refrains wie in „Morgengrauen“ kommt: „Wie vielen Tropfen widersteht ein Stein, wie lange schaff ich’s noch allein?“ Das ist dann so wahr und so anrührend, wie 1980 beim Indieabend in der Dorfdisco „Paul ist tot, kein Freispiel drin.“ Keiner wusste, was das bedeuten sollte, aber alle spürten, wie ihre ganze eigene jugendliche Verzweiflung in diese Zeile gepackt war.

Das Schöne und Überraschende am Fehlfarben-Comeback war ja, dass sich die Band viel weniger räudig präsentierte, als man es man von einer Formation in diesem Alter gemeinhin gewohnt ist. Das lag auch an der neuen Schlagzeugerin Saskia von Kitzig, da bestätigte sich die schöne alte These (siehe Goethe, „Iphigenie auf Tauris“), dass schon eine Frau in einer Männergruppe der Barbarisierung Einhalt gebieten kann.

Und so verkehrt sich bei „Handbuch für die Welt“ das Schimpfwort vom „Adult Oriented Rock“ ins Gegenteil. Während die deutschen Indiejungs in ihrem Gründerstolz, ihren mühsam hochgezüchteten kleinen Gefühlchen und einem dummen Zukunftsoptimismus immer unerträglicher werden, sind es die Fehlfarben, die nicht altersmilden Überlebenden der Generation 50+, die eine angebrachte Bitterkeit und den gerechten Zorn in die deutsche Popmusik bringen.