Unsere eiskalte Geworfenheit

DASEIN Eisschollen sind wir, treibend im Wind: „Die Untreue der Grönländer“ von Kim Leine

Der deutsche Titel ist natürlich beknackt. „Die Untreue der Grönländer“ – das klingt nach Erotikkomödie. Der Titel der dänischen Originalausgabe lautet schlicht „Tunu“, nach der gleichnamigen Verwaltungsprovinz Ostgrönlands, in der Kim Leines Roman spielt, der zwar mit viel Sex aufwartet, sich darin jedoch keineswegs erschöpft.

Jesper, ein Krankenpfleger aus Kopenhagen, wird für ein Jahr in die Krankenstation einer kleinen grönländischen Siedlung versetzt. Einen Arzt gibt es dort nicht, Notfälle werden mit dem Helikopter ins nächste Krankenhaus gebracht, in die nächste Stadt kommt man nur mit dem Boot. Derart von der Außenwelt abgeschnitten, bleiben die Bewohner der Siedlung meist unter sich – ein bizarres kleines Biotop, dessen alltägliches Leben im Verlauf eines Jahres der Autor ungeschönt erzählt.

Trunksucht, Glücksspiel, Robbenjagd, Bären im Keller und Sex mit so ziemlich jedem außer dem eigenen Partner: Leine skandalisiert nicht, sondern zeigt uns ganz normale Menschen, die ihren Trieben und Süchten so unterworfen sind wie den Winterstürmen, die ihre Häuser einstürzen lassen. Angesichts einer höheren Gewalt sind sie machtlos, etwas an ihrer Situation zu ändern. Auch der Neuling Jesper muss diese Erfahrung machen.

Kim Leine, Jahrgang 1961, lebt in Kopenhagen. Seine drei Romane begeisterten die dänischen Kritiker, in Deutschland ist er bislang unbekannt. Nun gibt er hierzulande sein Debüt mit seinem jüngsten Roman über ein Land, das wir alle kennen: Denn jeder von uns hat sein persönliches Grönland.

Wollte man die existenzialistische Terminologie bemühen, könnte man von der „Geworfenheit“ des Menschen in ein Leben sprechen, das so unwirtlich ist wie diese arktische Insel. Aber trotz dieser Ungastlichkeit schaffen es mache Menschen, ihr Dasein zu gestalten. Andere treiben durchs Leben wie große Eisschollen, die sich nicht von der Stelle bewegen, sondern nur sehr langsam um die eigene Achse kreisen, ein Bild, das in „Die Untreue der Grönländer“ gleich mehrfach auftaucht.

Leines nüchterner, realistischer Blick wirkt jedoch zu keiner Zeit herz- oder humorlos, sondern entdeckt in seinen Charakteren das, was man das „zutiefst Menschliche“ nennen könnte – Selbstzweifel, Feigheit, Überforderung –, ohne sie zu tragischen Helden zu stilisieren.

Dieses Erzählen ermöglicht eine auf den Punkt inszenierte Situationskomik. Jochum beispielsweise will sich in der Krankenstation einen Zahn ziehen lassen. Jesper zögert: „Und du bist dir ganz sicher, dass ich dir diesen Zahn ziehen soll? – Ich kann nicht in die Stadt fahren, sagt Jochum. Dort läuft ein Mann herum, der sagt, dass er mich töten will. – Okay. Mund auf!“ Wenn das mal gutgeht.