Schiffbau in Krisenzeiten

DOKU In „Wadans Welt – Von der Würde der Arbeit“ werden die Folgen der Finanzkrise aus der Sicht von Schiffbauern in Wismar gezeigt

Stimmungsvolle Bilder des mecklenburgischen Ostseehafens Wismar mit Verladekränen gibt es auch. Aber der Großteil des Dok-Filmes „Wadans Welt“ wurde dort gedreht, wo ein Hafenspaziergang nicht hinkommt: In der großen Halle der Wadan-Werft, wo Deckenkräne tonnenschwere Schiffsbauteile transportieren, grelle Lichtbögen von Schweißgeräten blitzen und Schneidbrenner kreischend Stahlbleche zerteilen. Die Luft ist diesig vom Schweißrauch, dem Metallstaub oder versprühter Farbe.

Eine Knochenmühle ist die Arbeit hier, einige der porträtierten Schiffbauer erzählen dennoch zu Beginn des Filmes stolz über ihre Leistung, große Schiffe zu bauen. „Mein Opa war hier auf der Werft gewesen, mein anderer Opa auch“, ruft der junge Schiffbauer Christian Rathsack ins Mikrophon. Er lächelt und meint: „Wenn man sagt, ich arbeite auf der Werft, dass ist schon was“. Sein Gesicht ist verschwitzt, mit der rechten Hand schützt er die Augen vor dem gleißenden Lichtstrahl der Schweißgeräte der Kollegen. Er wird bei der Arbeit gefilmt.

Aus 120 Stunden Material entstand eine dichte Dokumentation. Während des Drehzeitraumes von 18 Monaten filmte das Team insgesamt 6 Wochen. Der Regisseur Dieter Schumann fuhr sechs Jahre zur See bevor er bei der DEFA Dokumentarfilmer wurde.

Sein Konzept war ursprünglich, den Bau der weltgrößten Passagierfähre zu begleiten. Aber mitten im Dreh, im Oktober 2008, schlugen die Folgen der weltweiten Finanzkrise auf die Schiffsbaufinanzierung durch. Die Wadan-Werft hatte da gerade vor ein paar Monaten die Besitzer gewechselt, an der Halle stand noch groß der Name der Vorbesitzer: Aker Yards. Der damalige Besitzer von Wadan, Andrey Burlakow, produzierte sich gerne vor der Kamera. Nach einem Stapellauf erklärte er: „Wenn wir heute keine Kreditzusage der Banken bekommen hätten, müssten wir morgen Insolvenz anmelden“.

Im Sommer 2009 ließ sich die nicht mehr abwenden. Die Kameras, die vorher die Schiffbauer beim Zusammenschweißen der Schiffssektionen begleitet haben, waren weiter dabei. Das ursprüngliche Filmkonzept war durch die Finanzkrise hinfällig geworden, der Bau der weltgrößten Passagierfähre geplatzt. Stattdessen war das Filmteam dabei, als der Insolvenzverwalter den Werftarbeitern und den wenigen weiblichen Angestellten erklärt, ab August seien sie arbeitslos, wenn sich bis dahin kein Käufer für die Werft finden würde. „Die Werft“ ist in der mecklenburgischen Hansestadt Wismar, 120 km östlich von Hamburg, 45.000 Einwohner, ein feststehender Begriff. Das Einkommen jeder dritten Familie hängt von ihr ab. Andere Großbetriebe gibt es nicht. Im Mai 2011 liegt die Arbeitslosenquote in Wismar bei 16, 7 Prozent.

Bilder zu finden für die Vereinzelung und Verunsicherung durch Insolvenzen, Kündigung und Arbeitslosigkeit ist schwer für Dokumentarfilme. Hier ist “Wadans Welt eine bewegende Ausnahme. Die Schiffbauer werden nun zuhause gezeigt, wie es zum Briefkasten geht, auf einen Brief zur Wiedereinstellung hoffend. Denn im Oktober 2009 ging es wieder los auf der Werft. Die heißt jetzt Nordic Yards, und nur die Hälfte der zuvor 1.300 Schiffbauer wurde wieder eingestellt.

„Schiffbau ist ein aussterbender Beruf, haben sie mir auf dem Amt gesagt. Scheiße!“ resümiert Christian Rathsack. Seine Unbekümmertheit, sein Stolz sind weg. In den anderthalb Jahren des Filmdrehzeitraumes haben die Schiffbauer zwei Besitzerwechsel und eine harte Insolvenz durchlebt. Die Offenheit, mit der die Schiffbauer vor der Kamera arbeiten, reden und Emotionen zeigen macht aus „Wadans Welt ein packendes Drama des Arbeitsleben