Ruanda erinnert sich an den Völkermord

Bei den Gedenkfeiern zum 13. Jahrestag der Massaker an über 800.000 Menschen richtet die Regierung in Kigali erneut scharfe Worte gegen Frankreich. Zuvor kommt der inhaftierte ehemalige Präsident Bizimungu frei

KIGALI | taz ■ | Zum 13. Jahrestag des Völkermords ist Ruandas Hauptstadt Kigali totenstill. Die sonst lebhaften Straßen im Zentrum sind leer. Hier und da sind Gruppen festlich gekleideter Menschen unterwegs: Sie kommen von einer der Gedenkfeiern, mit denen sich Ruanda jedes Jahr am 7. April an den Beginn der Massaker an über 800.000 Menschen im Jahr 1994 erinnert.

Radikale Elemente der damaligen Hutu-Regierung wollten damals mit der geplanten Vernichtung der Tutsi-Bevölkerungsgruppe eine Machtteilung verhindern. Der Abschuss des Flugzeuges von Staatschef Juvénal Habyarimana, begangen in einem Gebiet unter Kontrolle von dessen eigener Präsidialgarde, am Abend des 6. April 1994 diente als Startschuss für systematische Massaker durch Armee und Milizen. Das Ausland griff dagegen nicht ein. Nach drei Monaten wurde das für den Genozid verantwortliche Regime von der Tutsi-Guerilla RPF (Ruandische Patriotische Front) gestürzt, die unter Präsident Paul Kagame Ruanda bis heute regiert.

Dieses Jahr fällt der Jahrestag auf einen Termin, der im tief religiösen Ruanda besonders symbolträchtig ist: Ostersamstag, zwischen Kreuzigung und Wiederauferstehung Jesu. Es ist, als zöge das ganze Land kollektiv zur Beerdigung. Den ganzen Tag laufen im Fernsehen Trauerlieder. Draußen auf dem Land drängen sich RPF-Aktivisten mit Halstüchern in der Trauerfarbe Lila auf offenen Lastwagen und fahren über die Hügel zum Gedenkgottesdienst. Ganze Dörfer sind zu Fuß unterwegs, die Männer in dunklen Anzügen, die Frauen in bunter Tracht mit grellen Sonnenschirmen. Im äußersten Nordwesten Ruandas, wo die nahen Vulkane die Grenze zum Kongo markieren, wachen mehr Soldaten als sonst: Wenige Kilometer weiter liefern sich immer noch ruandische Hutu-Milizen Kämpfe mit Kongos Armee.

Am Tag vor dem Gedenktag ist Ruandas prominentester Häftling freigekommen. Pasteur Bizimungu, ein Hutu, 1994 bis 2000 Ruandas erster Präsident nach dem Völkermord und 2002 nach ungenehmigter Gründung einer Oppositionspartei zu 15 Jahren Haft verurteilt, wurde von Präsident Kagame begnadigt. Der Zeitpunkt sei reiner Zufall, behauptet die Regierung. Kein Mensch glaubt das: Vielmehr setze der Staat ein Zeichen für nationale Einheit. Die Mehrheit der einst über 130.000 inhaftierten mutmaßlichen Völkermordtäter ist ohnehin bereits frei.

Die nationale Einheit richtet sich vor allem gegen Frankreich, 1994 engster Verbündeter des Völkermordregimes. Auf der zentralen Gedenkfeier in Murambi erzählen zwei Tutsi-Völkermordüberlebende, wie französische Soldaten die Mordmilizen ausbildeten. Sie hätten Massengräber angelegt und auf diesen Volleyball gespielt. Letzteres ist zumindest historisch fragwürdig, aber es passt in die Zeit. Präsident Paul Kagame hielt seine Gedenkrede als Erwiderung: Frankreich habe alle Ruander beleidigt. Es sei nur schade, dass Frankreich dafür nicht habe büßen müssen.

Dies ist eine erneute Verhärtung der bilateralen Spannungen, die ohnehin hoch sind, seit letztes Jahr ein französischer Untersuchungsrichter auf der Basis von unbelegten Aussagen ruandischer Exilanten Kagame beschuldigte, den Völkermord selbst begonnen zu haben. Ruanda brach die diplomatischen Beziehungen ab und richtete eine Untersuchungskommission ein, die Frankreichs Rolle beim Völkermord beleuchtet. Ihr Mandat wurde soeben um ein halbes Jahr verlängert. Das einst mondäne französische Kulturzentrum in Kigali ist geschlossen und verwaist. Direkt gegenüber lockt stattdessen ein glitzerndes neues Geschäftszentrum mit Einkaufspassage und teuren Cafés.

Ob die Deutschen auch den Völkermordjahrestag begehen, fragt ein Ruander. Die verneinende Antwort enttäuscht ihn sichtlich. Andere Länder auch nicht? Auch nicht. Ruanda fühlt sich allein.