Der Preis des Erfolgs ist käuflich

Der „Stern“ soll Murat Kurnaz 18.000 Euro für ein preisgekröntes Interview bezahlt haben – ein Schnäppchen, gemessen an den sonst üblichen Summen in der Branche. Eine gute Geschichte hat eben ihren Preis. Seltsam nur, dass neuerdings offenbar auch Scheckbuchjournalismus für preiswürdig erachtet und entsprechend ausgezeichnet wird – und sei’s auch nur mit dem „Lead Award“

VON OLIVER GEHRS

„Liebe Stern-Leser!“

So gewohnt schwungvoll begann Chefredakteur Thomas Osterkorn sein Editorial am 8. März dieses Jahres und berichtete stolz von einem Erfolg der besonderen Art. Der Stern habe nämlich bei den Lead Awards, laut Osterkorn so etwas wie die „deutschen Medien-Oscars“, Gold gewonnen – unter anderem für das Exklusiv-Interview mit Murat Kurnaz am 5. Oktober vergangenen Jahres.

Damals hatte Kurnaz auf vielen Seiten seine Leidenszeit in Guantánamo beschrieben und dem Stern so mal wieder einen schönen Aufmacher beschert. „Sie sagten, du bist von Al Qaeda, und wenn ich Nein sagte, schlugen sie zu“, lautete die Überschrift, dazu wurden viele Fotos aus dem amerikanischen Gefangenenlager auf Kuba vom Könner Paolo Pellegrin veröffentlicht. Für den Lead-Award-Juror und Welt-am-Sonntag-Chefredakteur Christoph Keese „eine starke, relevante journalistische Leistung.“

Allerdings wirft ein Aktenvermerk des Bremer Landesamtes für Verfassungsschutz die Frage auf, ob nicht auch andere Medien diese starke journalistische Leistung hätten erbringen können – wenn sie denn so viel Geld wie der Stern hätten. Laut einem Verfassungsschutzbericht („amtlich geheim“) vom 16. 10. 2006 soll Kurnaz vom Stern „bisher einen Betrag von 18.000 Euro erhalten haben“.

Mit anderen Worten: Die Goldmedaille wurde auf einer Gala in den Hamburger Deichtorhallen für ein gutes Stück Scheckbuchjournalismus vergeben.

Dass Murat Kurnaz versucht, aus seinen Erinnerungen an die Gefangenschaft Kapital zu schlagen, ist dabei wohl kaum zu kritisieren – auch nicht, dass für exklusive Enthüllungen von Magazinen viel Geld geboten wird. Eher schon, dass er immer noch vom Verfassungsschutz observiert wird und dass ausgerechnet ein gekauftes Gespräch als journalistischer Beitrag des Jahres gepriesen wird und sich der Chefredakteur anschließend hinstellt, um die eigene Leistung in blumigen Worten zu beweihräuchern.

Der Leiter der „Lead Academy“, Markus Peichl, sieht die Auszeichnung durch eine mögliche Zahlung nicht diskreditiert. „Wir haben nicht das Interview prämiert, sondern die gesamte Strecke mitsamt der eindrucksvollen Fotos und der peniblen Dokumentation. Das war, ist und bleibt eine starke Leistung“, sagt Peichl auf Anfrage. Auch WamS-Chefredakteur Keese, der als Jury-Mitglied den Artikel lobte, steht weiter zu der Entscheidung. „Der Beitrag wird aus meiner Sicht durch die Zahlung einer Aufwandsentschädigung journalistisch nicht automatisch entwertet. Es bleibt eine gute Rechercheleistung“, so Keese. Der Stern-Reporter Uli Rauß sei zudem zwei Jahre lang am Ball geblieben und habe immer wieder die Familie Kurnaz besucht. „Dadurch entstand das Vertrauen, das nach der Freilassung zum Interview mit Herrn Kurnaz führte“, sagt Keese, der andererseits Wert auf die Feststellung legt, dass die WamS kein Geld für Interviews zahle: „Aufwandsentschädigungen in Extremfällen wie diesem sind aber sicher vertretbar.“

Zwar klingt der im Raum stehende Betrag von 18.000 Euro nicht gerade nach einer Aufwandsentschädigung – andererseits ist es gemessen an dem nach wie vor nicht nachlassenden öffentlichen Interesse an Kurnaz und den vielen unbeantworteten Fragen geradezu ein Schnäppchen.

„Wenn der Stern ihn zu diesem Preis bekommen hat, wäre das ein richtig gutes Geschäft“, sagt der Leiter eines Boulevard-Fernsehmagazins, bei dem über Fahrtkosten hinausgehende Honorare für auskunftswillige Gesprächspartner gang und gäbe sind.

So soll denn auch die türkische Boulevardzeitung Hürriyet für ein Interview mit Kurnaz laut Verfassungsschutzbericht 30.000 Euro geboten haben – und war dennoch nicht zum Zug gekommen.

Gut möglich, dass auch der Stern wesentlich mehr bezahlt hat, schließlich heißt es in dem geheimen Aktenvermerk, dass Kurnaz vom Hamburger Magazin „bisher“ 18.000 Euro erhalten haben soll. Gruner + Jahr selbst möchte sich gar nicht zu dem Fall äußern. Der zuständige Verlagssprecher Kurt Otto teilt auf die Frage, ob der Bericht des Bremer Landesamtes für Verfassungsschutzes zutreffe, nur knapp mit, dass man um Verständnis bitte, „dass sich der Stern zu Ihrer Frage nicht äußern möchte“.

Vielleicht will man am Hamburger Baumwall, dem Redaktions- und Verlagssitz, allzu viel Diskussionen darüber vermeiden, ob und wie viel Journalisten für Exklusivgeschichten bezahlen dürfen. Schließlich gilt es, mit der Kurnaz-Geschichte noch einen weiteren Preis zu gewinnen. Der Beitrag im Stern ist nämlich auch für den von Gruner + Jahr vergebenen Kisch-Preis nominiert – in der Kategorie Recherche.