Zwischen Punk und Politik

Aus 600 eingereichten Kunstfilm-Arbeiten wurden 48 für die 11. Videonale ausgewählt. Sie sind jetzt für vier Wochen im Bonner Kunstmuseum zu sehen. Den Preis 2007 gewann das Kölner Künstler-Duo Beate Geissler und Oliver Sann mit „Fuck the war“

Vor einer weiten, trostlosen Landschaft hat sich ein Mann niedergelassen und beginnt, von Musik aus einem Rekorder in Stimmung gebracht, ein Gespräch. Er spricht mit den dunstigen Hügeln und Wäldern über seine Empfindungen. Dabei bedient er die seit der Romantik endlos wiederholten Klischees sentimentalischer Naturbetrachtung: „I feel slightly isolated, even alienated“, „You seem distanced, disaffected“. Aber die blöde graue Landschaft bleibt stumm. In seiner knapp sechsminütigen Videoarbeit “Successive Inconceivable Events“ von 2005 gelingt dem englischen Videokünstler Richard Turner Walker (30) mit sparsamen Mitteln eine wunderbar ironische Befragung kulturell legitimierter, lange eingeübter Gefühligkeit. Die für wahrhaftig und einzigartig gehaltenen Emotionen im Angesicht der Natur – die gerne auch auf die Betrachtung von Landschaftsmalerei appliziert werden – erweisen sich als allgemein zugängliches und jederzeit abrufbares Massenphänomen.

Auch wenn die Jury für den 11. Videonale-Preis Walkers Film ausdrücklich würdigt, Gewinner 2007 ist der halb dokumentarische Film „Fuck the War“. Die beiden in Köln lebenden Videokünstler Beate Geissler (37) und Oliver Sann (39), die schon an der 10. Videonale teilgenommen hatten, erhielten die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung. Ihr Film zeigt, wie das Kriegsspiel von Kindern in reale Aggression gegen einen alten Kühlschrank umschlägt. Die Begründung der Jury hebt darauf ab, dass der Film „die anhaltende Sinnlosigkeit von Gewalt und Krieg zurück zu uns“ hole. Die „militärisch uniformierten deutschen Kinder“ demonstrierten mit ihrem chaotischen Tun die verborgenen Instinkte und Affekte unserer Zivilisation. Auch dieser Film ist gut und das Urteil der Jury wohl richtig. Trotzdem ist das Pathos der politischen Korrektheit und die Dramatik, mit der der Film als Gesellschaftsanalyse vorgestellt wird, etwas beklemmend.

Seit 1984 findet alle zwei Jahre die Videonale in Bonn statt. Ein Projekt, das einer studentischen Initiative ihr Entstehen verdankt. Mitbegründer Georg Elben ist auch in diesem Jahr wieder hauptverantwortlicher Kurator. Inzwischen ist der Wettbewerb einigermaßen etabliert, möchte sich aber als Ausstellung und Festival zur aktuellen Videokunst „stabil und langfristig im Kunstkontext verankern“, möchte seine Position „als Gradmesser von Veränderungen in der aktuellen Videokunst“ ausbauen. Mit der institutionellen Anbindung an das Kunstmuseum und in Nachbarschaft zu dessen umfangreicher Video-Sammlung Ingrid Oppenheim sollte das kein großes Problem sein.

An den 48 Filmen der diesjährigen Videonale lässt sich nicht gerade ein neuer Trend ablesen, aber doch die bleibende Tendenz zur Collage. Arbeiten aus verschiedenen filmischen Kontexten werden manipuliert, ineinander geblendet, rhythmisiert: Hollywoodfilm und Zeichnung, Werbung und Animation, Maskenspiel und Dokumentation, Politik und Formalismus vermischen und überlappen sich. Musik, Stimmen und Geräusche spielen in vielen Filmen eine wesentliche, mitunter die zentrale Rolle. Etwa wenn Freya Hattenberger (29) in ihrem Film „Sirene“ dem Mikrophon in ihrem Mund elektronische Sirenengesänge entlockt oder wenn in Christine de la Garennes (34) Film „Bokker“ ein chinesischer Junge sich in Großprojektion und einer Endlosschleife auf einem Bock dreht.

Die leichten Variationen der Geschwindigkeit und das asynchrone Abgleiten der Tonspur irritieren den Blick auf das eintönige Geschehen. Beklemmend ist auch die mit synthetischen Klängen verfremdete Geräuschkulisse von Regennässe und quietschenden Autoreifen in einem Parkhaus in Seoul, in dem Jan Verbeek (41) 2006 seinen Film „Osmotic“ drehte. Der höflich-starre Parkhauswächter wird in der bildlichen Doppelung auf dem kleinen Bildschirm schließlich zu einer beschwingt tanzenden Marionette. Die Hierarchisierung in der Präsentation indes – nämlich die Entscheidung der Kuratoren, fünfzehn Filme als Großprojektion, die anderen „nur“ auf kleinen Monitoren zu zeigen – macht aus dem Festival- und Wettbewerbs-Format beinah automatisch eine klassische Ausstellung. Das ist schade und ein bisschen bevormundend.