Doch nicht geschredderte Clubkultur

ARBEIT AM ARCHIV Der Berliner Künstler Burchard Vossmann verarbeitet die Plattensammlung des legendären Clubs Dschungel zu minimalistischer „ShredArt“, wobei einfarbige Cover-Collagen an Donald Judd erinnern

„Als Ausgangsmaterial dienen die originalen Vinylplatten des legendären Clubs Dschungel in Berlin“ steht in der Einladung zu einer Ausstellung von Burchard Vossmann in der Gallerie G.A.S-station in der Kreuzberger Tempelherrenstraße. Aus LP-Covern und Schallplatten soll der Berliner Künstler nach dem von ihm entwickelten ShredArt-Verfahren Kunstwerke geschaffen haben, indem er die Platten und ihre Cover zerschnitten und neu zusammengesetzt hat.

Moment mal, die Plattensammlung des legendären 80er-Jahre-Clubs Dschungel wurde kaputtgemacht, um daraus Shredder-Kunst zu machen? Aus Schallplatten, von denen einige möglicherweise aufgelegt wurden, als illustre Gäste wie David Bowie, Prince, Nina Hagen, Frank Zappa, Depeche Mode und Michel Foucault in dem Laden verkehrten?

Historische Empörung durchfährt den Nachgeborenen. Das riecht nach einer unwiederbringlichen Zerstörung von unersetzlichen Kulturschätzen, vergleichbar mit der Zerstörung der historischen Bibliothek von Timbuktu durch entmenschte Islamisten. Die Berliner Sondereinheit zur Rettung der Relikte Berliner Clubkultur schwingt sich in Mannschaftsstärke aufs Fahrrad, um den Tatort zu besichtigen.

Künstler Vossmann erweist sich als historisch verantwortlicher Kurator der unbezahlbaren Sammlung, die er geschenkt bekommen hat

Zum Glück ist alles ganz anders. An den Wänden der Galerie sind Collagen aus den einfarbigen Covern zu besichtigen, in denen die meisten Maxi-Singles ausgeliefert wurden, als es diese noch gab. Das erinnert ein bisschen an Donald Judd und ist ziemlich hübsch. Ein große Wandarbeit ist aus Schutzhüllen in allen möglichen Farben, aber origineller sind die beiden monochromen Stücke, von denen eine nur aus schwarzen, die andere nur aus weißen Covern besteht. Manche von ihnen müssen durch die Hände von Rio Reiser gegangen sein, der in den ersten drei Monaten DJ im Dschungel war, als dieser in einem ehemaligen China-Restaurant an der Nürnberger Straße nicht weit vom KaDeWe eröffnete. An der Stirnwand der Galerie sind Maxi-Singles ohne Labelbeschriftung in blumenartigen Anordnungen an die Wand genagelt. Das sind die seltenen „White Labels“ – Maxi-Singles mit „Extended Versions“, die meist nur für den Einsatz in Diskotheken gepresst wurden.

Zerstört ist nichts. Zerschnitten wurden lediglich die Cover von einer Handvoll klassischer LPs, die man auf jedem Flohmarkt für ein paar Euro kaufen kann, „Transformer“ von Lou Reed und „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von den Beatles zum Beispiel. Das hat eine eindeutige künstlerische Handschrift, die sich durch Vossmanns gesamtes Werk zieht, auch wenn er in anderen Werkgruppen Geldscheine, Bahnfahrkarten, alte Briefmarken oder Zigarettenpackungen zerschnippelt.

Manche der Arbeiten in der aktuellen Ausstellung leben von genau der Aura von Vinylscheiben, die einst in einem zur Legende gewordenen Club standen, in einer Zeit, als Discos noch eigene Plattensammlungen hatten. Und die dort gehorteten Platten Rotweinflecken. Das weiße Album der Beatles war im Plattenregal das Dschungels zum Beispiel recht braun geworden, wie ihre geschredderte Version gnadenlos klarmacht. Künstler Vossmann erweist sich als historisch verantwortlicher Kurator der unbezahlbaren Sammlung, die er geschenkt bekommen hat – immerhin hat er sie noch nicht bei Ebay verscherbeltt, sondern bewahrt sie sorgsam in seinem Keller auf und würde sie am liebsten einer Institution überlassen, die sie öffentlich zugänglich macht.

Obwohl Vossmann den Dschungel in seiner Blütezeit eher selten frequentierte, weil er elektronische Musik bevorzugte, erinnert seine Ausstellung daran, dass viele Schätze der Berliner Clubkultur noch ungehoben sind, auch wenn in den letzten Jahren ihre historische Aufarbeitung begonnen hat.

Für die Ausstellung hat Vossmann sogar eine Datenbank der über 4.000 Platten angelegt, die der Dschungel besaß und die sich in der Ausstellung auf einem Computer abrufen lässt. So erfährt der Besucher, dass zu den ältesten Scheiben in der Sammlung der Schöneberger Disse eine Best-of-Kompilation von Hans Albers von 1950 gehörte. Und ansonsten jede Menge Soul, P-Funk und Prince.

Als der Dschungel 1993 in ein Restaurant umgewandelt wurde, hatte der Laden allerdings keine einzige Techno-Platte im Regal, was im Berlin dieser Jahre natürlich der Sound der Stunde war. Dafür gab es allerdings drei Platten vom Hong Kong Syndicate – in den 80er Jahre eine heiße Tanzschaffe im Nachtleben von Westberlin, heute jedoch weitgehend vergessen.