Böse Geister

Hinter den Baracken geht die Sonne unter: In Tamer Yigits Stück „Sonne“, mit dem das Festival „Beyond Belonging“ im HAU weitergeht, wird es ziemlich ungemütlich. Schwarz ist die Farbe der neuen Heimat, schön ist sie nicht

In der globalisierten Welt verliert der Ort an Bedeutung. So spielt Tamer Yigits Stück „Sonne“, das er im Rahmen des „Beyond Belonging“-Festivals im HAU 2 inszeniert, in einer Mischung aus Großstadtghetto und Nirgendwo. In fünf benachbarten Baracken kampieren vier Männer und eine Frau. Sie philosophieren über den Untergang, den sie genau genommen schon längst hinter sich haben.

Irgendwann hatten sie Familie, Bezugspunkte, mitunter problembeladene, nun ist nur eins klar: Sie sind sich selbst und der Welt, in der sie leben, entfremdet. Sie brüllen ihren Hass in Mikrofone und schmettern den Zuschauern die tiefen Basstöne ihrer E-Gitarren um die Ohren. Schwarz ist die Farbe ihrer Kapuzenpullis, Lederhosen und Pulswärmer.

Die Sorgen des anderen rauschen in den Monologen aneinander vorbei wie die Autos der akustisch simulierten Hauptverkehrsstraße

Die Figuren befinden sich im Jetzt und Hier und zugleich in einer selbstreferenziellen Spirale außerhalb der Zeit. Sie können den multimedial in Szene gesetzten Albträumen ihrer Erinnerungen nicht entfliehen. Zu dominant sind die traumatischen Erfahrungen von Flucht und Tod, Angstzuständen und psychosozialen Problemen. Es sind Migrationsgeschichten, wenn man so will, doch handeln sie nicht nur von einer Flucht aus nur angedeuteten Unterdrückungs- oder Kriegsgebieten. Tamer Yigit sprengt den Begriff, indem er daneben die Flucht vor dem Selbstmord setzt oder eine Bewegung aus der extrem linken in die extrem rechte Szene stellt.

Da ist Mario (Mario Mentrup) mit seinen Erinnerungen an das Heimatdorf irgendwo in Anatolien, Serbien oder Usbekistan. Fortwährend schreibt er Briefe an die nur in seinem Kopf überlebende Mutter, erzählt sein von Mangel, Alkoholismus und Metalsongs geprägtes Leben. Da sind die düster gestimmte Claudia (Claudia Basrawi) mit ihrer Angst vor bösen Geistern und der rechtsradikale Metaller Marcus (Marcus Rocka). Und schließlich die sanfte Figur eines Gärtners, der nur noch seine Pflanzen liebt und zum Opfer der Brutalität des Metallers wird. Eine Kommunikation findet kaum statt. Die Sorgen des anderen rauschen in den Monologen aneinander vorbei wie die Autos der akustisch simulierten Hauptverkehrsstraße. So lange, bis Hassattacken und Albträume zu einer derart unerträglichen Kakophonie verschmelzen und sich in Gewaltausbrüchen und kollektivem Brüllen artikulieren. Für viele Zuschauer Anlass, das Theater zu verlassen.

Der türkischstämmige Autor setzt sich radikal über jedwede politische Korrektheit hinweg. Er scheut sich nicht, seinen Figuren hetzerische Parolen der rechten Szene in den Mund zu legen. Das Stück mündet in einer Anbetung der Sonne, die auf schockierende Weise an den Nationalsozialismus erinnert und Hetze gegen Schwarze einschließt.

So hinterlässt das zweite im HAU aufgeführte Stück Yigits nach „Meine Melodie“ vom vergangenen Jahr Ratlosigkeit. Verstörend ist die Vereinigung der Szenen zwischen Migranten, Dark Wave, Rock, Punk und Metal. Man weiß nicht mehr, wo es sich um eine Bloßstellung deutscher „No-gos“ handelt und wo um die Affirmation rechtsradikaler Ideologien. Dazu trägt die Verwendung der realen Namen der Darsteller im Stück ebenso bei wie die Verbindung Tamer Yigits und Marcus Rockas zur Death-Metal-Szene.

Gleichzeitig erinnert die wilde Durchmischung der Symbole und der Dilettantismus des Spiels an die bilderstürmerische Kunst eines Jonathan Meese. Fast wirkt es, als habe Tamer Yigit genau das liefern wollen, wogegen er sich zuvor gewehrt hat: Spektakel, Klischee. Damit wir einmal sehen, wie das ist, wenn man sich der Zuschreibungen nicht erwehren kann.