Gesprächsbedarf im Alter

MEDIATION Viele Menschen kämpfen mit den Problemen des Alters. Altersmediation will sie und ihre Angehörigen unterstützen. Doch noch ist das Angebot wenig bekannt

VON KATHARINA SCHIPKOWSKI

Altwerden ist kein Zuckerschlecken – nicht für die Alternden, aber auch nicht immer für die Angehörigen. Was macht man, wenn die eigenen Eltern zusehends unselbstständiger werden, wenn man Sorge hat, ob der Vater wirklich noch Auto fahren sollte oder die Mutter langsam vereinsamt? „Darüber reden“, meint die Mediatorin Christa Schäfer und bezieht sich auf eine professionelle Form der Kommunikation, die sich der Belange alter Menschen annimmt: Elder Mediation, auf deutsch: Altersmediation.

Bei den Problemen, die mit dem Altwerden einhergehen, handelt es sich häufig um den Umgang mit Krankheiten oder dem bevorstehenden Tod, um familiäre Verstrickungen oder die Pflegesituation im Heim oder zu Hause. Auch unbewältigte Erfahrungen aus der Kindheit oder Jugend können eine Rolle spielen.

Dabei treten die Konflikte nicht nur bei den alten Menschen zutage, sondern häufig auch unter Geschwistern, die ihre Eltern versorgen müssen. Ein Beispiel ist laut Schäfer „wenn die Tochter regelmäßig die Eltern pflegt, der Sohn aber nur zu Weihnachten auftaucht und dann wie ein kleiner König behandelt wird, während seine Schwester die schlechte Laune im Alltag abbekommt“.

Ein zweites großes Feld seien Generationenkonflikte. Wenn zum Beispiel die Eltern oder Kinder mit dem Verhalten der anderen Seite unglücklich sind, aber niemand darüber spricht. „Das führt dann häufig zum Kontaktabbruch, was sehr belastend für beide Seiten ist“, sagt die Mediatorin.

Damit Mediation für Alte funktioniert, müssen die Methoden auf die Fähigkeiten alter Menschen abgestimmt sein. „Es klappt nicht, Senioren aufzufordern, ihre Lösungsansätze auf Karteikarten oder Flipcharts zu schreiben, wie es etwa in der Wirtschaftsmediation üblich ist“, weiß Christa Schäfer aus Erfahrung. Stattdessen sei viel Einfühlungsvermögen gefragt, sowie eine breite Sachkenntnis: Juristisches Know-how bezüglich Erbrecht und Firmennachfolge seien ebenso wichtig wie ein Gespür dafür, was es heißt, wenn der eigene Tod abzusehen ist.

Die MediatorInnen kennen sich mit typischen Krankheitsverläufen aus, sind vertraut im Umgang mit Trauer und Verlust. Eine eigene Ausbildung zur Elder Mediatorin gibt es in Deutschland noch nicht: Der Bildungsweg geht über eine 200-stündige Mediationsausbildung nach Vorgaben des Bundesarbeitskreises für Familienmediation plus einer zwei- bis dreitägigen Zusatzausbildung.

Allerdings sei die Nachfrage in Deutschland gering, berichtet Ingolf Schulz, Rechtsanwalt und Mediator. Während Elder Mediation in den USA schon seit Anfang der 90er-Jahre praktiziert wird, sei das Thema in Deutschland noch unbekannt. Seit drei Jahren hält Schulz Vorträge über Altersmediation und bietet Veranstaltungen in Seniorenheimen und Pflegeeinrichtungen an. Doch die Häuser wollen davon meistens nichts wissen. „Man möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, es gäbe Probleme“, vermutet Schulz.

Ob die allgemeine Zurückhaltung auch mit der Sozialisierung einer Generation zusammenhängt, in der Konflikte immer verschwiegen wurden? „Die Tendenz geht dahin, Konflikte zu verleugnen“, bestätigt Ingolf Schulz. Die Menschen schämten sich, Schwierigkeiten in der eigenen Familie zuzugeben. Häufig spielten Scham und Wut eine Rolle, auch Ohnmachtserfahrungen kämen zum Tragen. Dabei könnte es in den nächsten Jahren unentbehrlich werden, sich mit Konflikten ums Altwerden zu befassen: Der demografische Wandel und die alternde Gesellschaft sind längst im öffentlichen Bewusstsein angekommen.

Beim Hamburger Institut für Mediation wundert man sich indes nicht über die Zögerlichkeit, mit der dem Thema hierzulande begegnet wird. „Ältere Leute sind häufig konservativ“, gibt die Vorsitzende Susanne Perker zu bedenken, „sie wollen selten etwas Neues ausprobieren.“ Zudem sei es für viele Alte nicht leicht, die Kraft aufzubringen, Konflikte anzugehen.

Ist der Anfang erstmal gemacht, haben die Beteiligten meist viel davon. Christa Schäfer beschreibt ihre Arbeit so: Wenn die Streitenden über die Phase hinaus seien, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, könne man sich als Mediatorin zurücklehnen. „Wenn die Menschen verstehen, was ihr Verhalten für den anderen bedeutet und was es mit ihm macht, dann ist das wie ein magischer Moment.“