Geschädigte deutsche Lehman-Anleger

Kanzleien bereiten Klagen vor

750 Millionen Euro haben 40.000 deutsche Anleger mit dem Kauf von Lehman-Zertifikaten verloren. Die meisten hatten keine Ahnung von Geldanlagen.

Zahlreiche geschädigte Anleger wehren sich nun.  Bild: dpa

Der Bankberater meldet sich per Telefon. Demnächst werde ihre Lebensversicherung fällig, erklärt er Anette Schulz. Um die 30.000 Euro. Das Geld wolle sie doch sicher wieder anlegen? Das will die 61-Jährige. Jedenfalls bis zur Rente. Er habe da einen interessanten Vorschlag: "Kommen sie doch mal vorbei." Eine Woche später verlässt Schulz ihre Citibank-Filiale als Besitzerin von Garantiezertifikaten der Lehman Brothers, der viertgrößten Investmentbank in den USA. Oder der niederländischen Tochter Lehman Brothers Treasury, denn die US-Holding garantiert nur für die Papiere, ausgegeben werden sie von dem Ableger in Amsterdam. Ganz genau hat Schulz nicht verstanden, was der Unterschied ist. Sie arbeitet als Lektorin und liest lieber die Feuilletons als die Wirtschaftsteile der Zeitungen. Ihr genügt, dass der Bankberater ihr versichert hat, die Zertifikate seien "zu 100 Prozent kapitalgeschützt" - und brächten mit Glück Renditen von fünf bis sechs Prozent.

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Heute überlegt Schulz, ob sie die Citibank oder den Bankangestellten wegen falscher Beratung verklagen soll. Denn die 30.000 sind futsch. Im September, kaum sechs Monate nach dem Kauf der Zertifikate, gingen die Lehman-Banken pleite. Die Citibank stellte Schulz' Konto auf null. "Ich weiß nicht, ob ich es mir leisten kann, noch mehr Geld zu verlieren", sagt die Lektorin. Ihr gehört eine kleine Eigentumswohnung in einem Kölner Vorort, die sie vor rund zehn Jahren gekauft hat, mit Geld aus einem Bausparvertrag und einem kleinen Erbe. Ein befreundeter Anwalt hat ihr ausgerechnet, dass ein Prozess 12.650 Euro kosten kann.

Mehrere Kanzleien haben Klagen vorbereitet, die sie in den nächsten Wochen einreichen wollen. "Es gibt Hinweise, dass es eine strukturelle Falschberatung gegeben hat", sagt der Bremer Rechtsanwalt Andre Ehlers, der in Berlin und Hannover vor Gericht ziehen wird. Auch sein Berliner Kollege Sven Tintemann wird "wohl noch in diesem Monat so weit sein".

Denn wie Schulz ist es so einigen ergangen. Mehr als 40.000 Anleger haben in Deutschland in Lehman-Zertifikate und -anleihen investiert. Einige haben ein paar Tausend Euro verloren, andere ihre gesamte Altersvorsorge versenkt. Manchen ist es vor allem peinlich. Schulz beispielsweise heißt eigentlich anders. Sie möchte aber nicht wiedererkannt werden.

Andere sind offensiver. In Berlin kommen über Zeitungsanzeigen und Aufrufe im Inernet mehr als 300 Menschen zum ersten regionalen Treffen der Interessengemeinschaft Lehman Brothers ins Hotel Maritim. Die meisten haben das Rentenalter schon erreicht. Als die Anwälte vorne zu reden anfangen, fangen ein paar Männer an zu buhen und zu schimpfen.

Fast Dreiviertel der Lehman-Zertifikate hat die Citibank verkauft, gut ein Sechstel die Dresdner Bank, den Rest vermittelten verschiedene Sparkassen und Volksbanken, die Commerzbank und kleinere Banken. Insgesamt geht es in Deutschland um 750 Millionen Euro. Bei einer Umfrage der Verbraucherzentrale Hamburg unter fast 400 betroffenen Anlegern in der Hansestadt lag das Durchschnittsalter der Betroffenen bei 64 Jahren. "Ganz offensichtlich wurde hier eine Zielgruppe ausgewählt, mit der man leichtes Spiel hatte", sagt Verbraucherschützer Günter Hörmann. Die "Altersgruppe der über 60-Jährigen" habe in Deutschland einfach einen hohen Anteil am Vermögensbesitz, sagt Citibank-Sprecher Ingo Stader.

Einen Anwalt haben sich bislang die wenigsten Geschädigten genommen. "Ich hab alles gelesen, was ich zu Lehman in den Zeitungen finden konnte", sagt Schulz. "Das Ergebnis war eine Schockstarre." Zertifikate und Anleihen sind weder über den Einlagensicherungsfonds der deutschen Banken noch über die Garantie der Bundesregierung für Spareinlagen abgesichert. Ansprüche haben Inhaber bestenfalls gegen das ausgebende oder gegen das garantierende Institut. Die Banken und Sparkassen haben ihren Kunden angeboten, sie zu unterstützen, wenn sie sie geltend machen wollen. Besonders viel zu holen wäre dabei aber nicht. Allein die 30 größten ungesicherten Gläubiger im Insolvenzverfahren gegen die Lehman Brothers Holding machen Forderungen über rund 158 Milliarden US-Dollar geltend. Das Vermögen beträgt aber nur zwischen 20 und 26 Milliarden US-Dollar.

Deshalb konzentrieren sich die Geschädigten nun auf die Banken, die ihnen die Anlagen verkauft haben. Auf den Treffen ist deutlich geworden, dass es Übereinstimmungen gibt, "die kaum zufällig sein können", wie Rechtsanwalt Ehlers meint. Oft haben die Bankberater den Kontakt zum Kunden gesucht und die Papiere aggressiv angeboten, immer wieder als angeblich gleichermaßen sichere Alternative zum eigentlich ausdrücklich nachgefragten Festgeld. "Ich dachte, ,Kapitalschutz' heißt, das eingesetzte Geld ist sicher, und nur die Rendite könnte geringer ausfallen", sagt Anette Schulz. Dass das nur gilt, so lange das Unternehmen, dessen Zertifikate sie gekauft hat, noch existiert und nicht etwa insolvent ist, hat ihr niemand gesagt.

Manche der Geschädigten haben nicht einmal gewusst, dass sie Lehman-Papiere haben. Mehr als 170 verschiedene Produkte umfasste das europäische Zertifikateprogramm, etwa den "Star Bond Alpha Express", der auf die Entwicklung des Dividenden-Index DivDax im Verhältnis zum Leitindex Dax wettet. Auf so mancher Wertpapierorder taucht der Name Lehman gar nicht oder nur in der Abkürzung LB auf.

Anwalt Ehlers kann Kaufunterlagen von Kunden der Citibank vorlegen, bei denen die Bankberater offensichtlich alle nach dem gleichen Muster vorgegangen sind: Während alle anderen Kästchen per Hand mit einem Kugelschreiber ausgefüllt sind, ist das Kreuz bei "Diese Order erfolgt auf Kundenwunsch..." bereits vorgedruckt. Dabei seien alle seine Klienten aktiv von den Bankberatern angesprochen worden. Und beim nächsten Punkt sind jedes Mal beide Optionen angekreuzt. Die eine lautet, dass der Verkaufsprospekt ausgehändigt wurde, die andere, dass der Kunde auf die Aushändigung verzichtet habe. "Ja, was nun?" fragt Ehlers. "Beides geht nicht."

Dem Berliner Rechtsanwalt Sven Tintemann ist aufgefallen, dass die Risikoprofile der Citibank offenbar nur ein Ergebnis kennen: "Auch wenn der Kunde ankreuzt: ,Sicherheit steht im Vordergrund' oder ,gehe ungern Risiken ein' - heraus kommt immer, dass er zu mindestens 55 Prozent risikobereit ist."

"Wir schauen uns das alles sehr genau an", sagt Citibank-Sprecher Stader zu den Anschuldigungen. Die Citibank setze ihren Beratern sehr hohe Standards, sie würden besonders geschult und müssen sich regelmäßig fortbilden. Dass man einem Mitarbeiter da eine nicht genügende Beratung nachweisen könne, sei "sehr unwahrscheinlich". Trotzdem werde selbstverständlich jedem Einzelfall, in dem es eine Beschwerde gebe, nachgegangen. Der Vorwurf mit den vorgedruckten Kreuzchen ist dem Sprecher jedoch ebenso neu wie der, dass das Risikoprofil manipuliert sein soll. "Wir haben eine Vielzahl von Beschwerden geprüft, ich kann mir nicht vorstellen, wie das aussehen soll", sagt er. "Diese Vorwürfe sind falsch."

In Internetforen berichten Anleger, dass sie die schlechten Nachrichten über die US-Bank verfolgt und versucht hätten, ihre Zertifikate noch rechtzeitig zu verkaufen. Davon hätten ihnen die Berater aber dringend abgeraten. "Lehman war ein GAU. Keiner hätte ahnen können, dass die Politik die Bank fallen lässt", sagt Hartmut Knüppel, geschäftsführender Vorstand des Deutschen Derivate Verbands. Wenn die US-Regierung dem Institut die gleichen Milliardenhilfen hätte zukommen lassen wie zuvor den Immobilienfinanzierern Freddie Mac und Fanny Mae oder inzwischen Dutzenden anderen Finanzinstituten, "gäbe es das Problem gar nicht".

Das glaubt Rechtsanwalt Tintemann nicht. Der Verdacht, dass es ein grundlegendes Problem beim Verkauf von Wertanlagen am Bankenschalter gebe, sei damit nicht ausgeräumt. "Es wäre nur niemandem aufgefallen." Prinzipiell dürfe "die Bank dem Kunden nur solche Produkte verkaufen, die er kennt und deren Risiko er einschätzen kann", sagt er. Bei Zertifikaten und Anleihen müssten sie darüber hinaus über das Emittentenrisiko, also das Problem bei einer möglichen Insolvenz, aufklären. Und das nicht nur mit dem Satz "Der Anleger trägt das Risiko der Emittentin" im Kleingedruckten auf der letzte Seite hellblau auf weiß gedruckt wie bei den Prospekten, die die Banken ihren Kunden mitgegeben haben.

"Da steht erst einmal Aussage gegen Aussage", sagt Anwalt Ehlers. Deshalb müssten gerichtliche Schritte gut vorbereitet werden. Im November war ein Rentnerehepaar, vor dem Landgericht Frankfurt am Main mit einer Klage gegen die Frankfurter Sparkasse abgeblitzt. Die beiden hatten schon im Dezember 2006 für 12.000 Euro Lehman-Anleihen gekauft. Damals habe niemand vorhersehen können, dass die ausgebende Bank insolvent werden würde, befanden die Richter. Ehlers schreckt das jedoch nicht ab. Bei seinen Mandanten handelt es sich um Anleger, die wesentlich später eingestiegen sind. Zudem seien die "strukturellen Probleme" erst nach und nach offenkundig geworden.

Inzwischen hat sich die Bundesregierung des Themas angenommen. Das Kabinett verabschiedete einen Gesetzentwurf, nach dem Anlageberater Kundengespräche künftig beweissicher dokumentieren müssen. Die Verjährungsfrist soll auf zehn Jahre verlängert werden. Derzeit können Ansprüche bis drei Jahre nach dem Erwerb von Papieren geltend gemacht werden.

"Wenn sich Politik und Finanzaufsicht nicht immer nur um die Anbieter, sondern auch um die Verbraucher gekümmert hätten, hätten Schäden vermieden werden können", sagt Gerhard Schick. Der Finanzexperte der Grünen war 2007 mit einem Gesetzesentwurf "Schutz der Anlegerinnen und Anleger bei Zertifikaten stärken" im Bundestag gescheitert - weil auch die SPD damals noch "die Wirkungen der Finanzmarktöffnungsgesetze abwarten" wollten.

Den Lehman-Geschädigten werden neue Regelungen nicht mehr helfen. Deshalb versuchen sie die Kreditinstitute nun parallel mit eigenen Aktionen unter Druck zu setzen. Auch Anette Schulz will jetzt mitmachen. Sie wird sich an der "Aktion Krötenwanderung" beteiligen: Das größte Lehman-Portal www.lehman-zertifikateschaden.biz hat die Geschädigten dazu aufgerufen, am 23. April bundesweit 234,09 Euro von den Konten abzuheben. Das ist nicht so viel, dass es sich nicht alle leisten könnten. Und so ein krummer Betrag, damit die Banken nachvollziehen können, wie viele sich an der Aktion beteiligt haben. "Die sollen sehen, was es heißen würde, wenn wir alle zu einer anderen Bank wechseln", sagt Schulz.

 

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