Fliehen mit dem Linienbus

ASYL Das Flüchtlingsheim Waßmannsdorf bei Schönefeld ist eine Bruchbude, ein Wachmann soll hier einen Bewohner misshandelt haben. Trotzdem ist die ehemalige Kaserne als Unterkunft in Brandenburg nicht unbeliebt: Denn nach Berlin ist es nicht weit

VON KATHLEEN FIETZ
(TEXT) UND MIRKO ZANDER (FOTOS)

Wenn Philippe Kamau* aus dem Fenster schaut, blickt er auf einen ehemaligen Armeeübungsplatz. An den erinnert ein Hochsitz, der auf der kargen Freifläche vor sich hin rostet. Durch die undichten Fenster zieht es kalt ins Zimmer, die Heizung ist trotz der bitteren Kälte draußen nur handwarm, um den Fensterrahmen schlängeln sich Schimmelkulturen. In den 1980er Jahren schliefen in Kamaus Zimmer DDR-Grenzsoldaten. Nun sind die beiden dreistöckigen Exkasernengebäude die neue Heimat des Kenianers und etwa 150 anderer Flüchtlinge, die in Deutschland Asyl beantragt haben.

Einmal stündlich hält der Linienbus im brandenburgischen Waßmannsdorf, einem Ortsteil von Schönefeld, fünf Kilometer vom Flughafen entfernt. Philippe Kamau war 2008 vor den Unruhen nach den kenianischen Präsidentschaftswahlen geflohen, seit Juni vergangenen Jahres lebt der 19-Jährige in dem Heim. Seine Erfahrungen hier sind keine guten: Kurz nach seinem Einzug wurde er im Flur vom von der Decke fallenden Putz getroffen; vor einigen Wochen soll er von einem angetrunkenen Wachmann geschlagen worden sein (taz berichtete). „Noch nie hat mich jemand als Arschloch oder als afrikanischer Affe bezeichnet“, erzählt Kamau, der gegen den Mann Anzeige erstattet hat. Die Polizei hat ihre Ermittlungen abgeschlossen, die Staatsanwalt Cottbus hat den Fall übernommen.

■ Am Dienstag ist der bundesweite Aktionstag gegen institutionellen Rassismus. In Berlin wird dazu ab 17 Uhr eine Kundgebung am Heinrichplatz in Kreuzberg stattfinden – „gegen die Lagerunterbringung von Flüchtlingen, für ein Recht auf Wohnungen für alle“. Exemplarisch sollen an den Flüchtlingsheimbetreiber K&S, der auch das Lager Waßmannsdorf unterhält, Protestbriefe verschickt werden.

■ In Brandenburg wird am Dienstag in Herzberg (Elbe-Elster) mit einer Demo die Schließung des Flüchtlingslagers Hohenleipisch gefordert. Der Aufzug beginnt um 14 Uhr. Bereits am Samstag findet in Oranienburg um 14 Uhr eine Antira-Demo statt. (ko)

Das Flüchtlingsheim Waßmannsdorf ist eine von 18 Gemeinschaftsunterkünften für Asylsuchende und Spätaussiedler in Brandenburg. Das Bundesland ist verpflichtet, 3,1 Prozent der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge aufzunehmen. Derzeit warten rund 3.000 Menschen auf eine Entscheidung über ihren Asylantrag.

Philippe Kamau will so schnell wie möglich weg aus dem Heim. Die modrige Wand neben seinem Bett wurde zwar überstrichen, der Schimmel zeigt sich jedoch an anderen Stellen. Im Flur bröckelt die Farbe von den Wänden, die Türen der Gemeinschaftstoilette sind so verzogen, dass man sie nicht schließen kann, und zum Duschen müssen die Bewohner durch den kalten Flur in einen dunklen Keller.

Kamau teilt sich das etwa 30 Quadratmeter große Zimmer, in dessen Mitte eine Spanholzplatte als Wand eingezogen wurde, mit zwei anderen Männern, sechs Quadratmeter Wohnfläche stehen einem Flüchtling per Gesetz zu. Dass sie in Waßmannsdorf etwas mehr Platz als vorgeschrieben haben, liegt nur daran, dass das Gebäude nicht voll belegt ist: Eigentlich könnten hier 310 Menschen aufgenommen werden.

Die Heime stehen schon lange in der Kritik. „Wir fordern eine menschenwürdige, die Privatsphäre achtende Unterbringung in Wohnungen“, sagt Beate Selders vom Flüchtlingsrat Brandenburg. Laut dem Statistischen Bundesamt lebte 2009 nur jeder vierte Asylbewerber in einer Wohnung, alle anderen waren in Sammelunterkünften untergebracht. Damit rangiert Brandenburg im Ländervergleich vor Bayern an vorletzter Stelle. Angaben des Flüchtlingsrats zufolge gibt es Asylbewerber, die bis zu 10 Jahre in Gemeinschaftsunterkünften leben müssen.

Alternativen fehlen

Karin Weiss, Brandenburgs Integrationsbeauftragte, verteidigt die Politik des Landes. „Es fehlt Wohnraum gerade in Städten wie Potsdam“, sagt sie. Zudem habe sich die Situation seit 2009 verbessert, immer mehr Asylsuchende würden in Wohnungen untergebracht. Laut Weiss gibt es aber auch Flüchtlinge, die lieber in den Sammelunterkünften als in einer eigenen Wohnung leben möchten, so etwa alleinerziehende Frauen.

Kamau ist indes nicht der Einzige im Haus, der die Zustände in dem Flüchtlingsheim anprangert. Auch andere Bewohner haben sich beim Verein Opferperspektive und beim Flüchtlingsrat über bauliche Mängel und das Personal beschwert und gemeldet, dass Wachpersonal im Dienst trinke. „Es kommt immer wieder vor, dass Angestellte von Sicherheitsfirmen, die für den Schutz der Flüchtlinge zuständig sind, über keine interkulturelle Kompetenz verfügen, keine Fremdsprachen sprechen und negative, sogar rassistische Einstellungen haben“, so Beate Selders.

Der private Heimbetreiber K&S weist diese Vorwürfe von sich. „In dem aktuellen Fall steht Aussage gegen Aussage, der Wachmann hat immer Fingerspitzengefühl im Umgang mit Flüchtlingen gezeigt“, erklärt Volker Krell von K&S. Davon ist jedoch auf einem von Bewohnern aufgenommenen Video nichts zu sehen: Es zeigt den offensichtlich angetrunkenem Wachmann, der die Bewohner anraunzt und ihnen den Zugang zur Dusche verwehrt. Solange die Ermittlungen wegen des Verdachts auf Körperverletzung und rassistische Beleidigung gegen ihn laufen, ist er vom Dienst suspendiert.

Die Kritik an den Zuständen im Haus hat Folgen für Philippe Kamau. Er gelte als „Troublemaker“ bei Mitarbeitern des Heimes und des Landkreises, erzählt der Kenianer. Der Verein Opferperspektive, der ihn bei der Suche nach einem Anwalt und therapeutischer Begleitung unterstützt hat, hatte nach dem Vorfall mit dem herabstürzenden Deckenputz im August Öffentlichkeit und Presse mobilisiert. Als Reporter und Kamerateam vor dem Heim ankamen, trafen sie auf Bewohner, die Transparente hochhielten, auf denen stand: „Unser Heim ist gut! Wir wollen hier bleiben!“

„Die Demonstrationen waren offensichtlich durch die Heimleitung mit vorbereitet worden“, erzählt Tobias Pieper vom Verein Opferperspektive. Bewohner hätten ihm berichtet, dass die Heimleitung ihnen gesagt habe, dass das Fernsehen kommen und das Heim schlechtmachen werde, was zur Folge habe, dass das Heim geschlossen werde.

Die Türen der Gemeinschaftstoilette sind so verzogen, dass man sie nicht schließen kann

Und das möchte kaum einer der Bewohner. So sanierungsbedürftig das Haus auch ist, das Flüchtlingsheim hat im Gegensatz zu den anderen Brandenburger Unterkünften einen großen Vorteil: Berlin ist durch die nahe S-Bahn gut zu erreichen. Dort haben die meisten Bewohner Verwandte und Communities. Und seit der Lockerung der Residenzpflicht 2010 ist das Pendeln zwischen Brandenburg und Berlin für Asylsuchende erlaubt.

Wer ist verantwortlich?

Dass in der einstigen Kaserne, die seit 18 Jahren als Flüchtlingsheim genutzt wird, abgesehen von ein paar kleinen Reparaturen nichts passiert, liegt an einem Streit über Zuständigkeiten. Eigentümer des Objekts ist der Liegenschaftsfonds Berlin, der es an den zuständigen Landkreis Dahme-Spreewald verpachtet hat. Der wiederum hat es an den Heimbetreiber K&S vermietet. „Dass der Eigentümer nicht investiert hat, hat dazu geführt, dass das Heim nicht vorzeigbar ist“, kritisiert Carsten Saß, Sozialdezernent im Landkreis Dahme-Spreewald. Der Liegenschaftsfonds schiebt diese Verantwortung jedoch von sich: „Vertraglich ist geregelt, dass die Instandsetzungsmaßnahmen vom Pächter des Grundstücks getragen werden. Der Liegenschaftsfonds ist somit nicht in der Pflicht“, erklärt dessen Sprecherin Irina Dähn.

* Name geändert