Neben der Spur

Ein sensibles Sicheinlassen: Am Mittwoch hat im 3001 ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm über die Jugendlichen aus dem Kinder- und Jugendheim „Putenhof“ im Wendland Premiere

Früh am morgen, draußen ist es noch dunkel. Ein Schild vor einem Bauernhofgelände ist zu sehen: „Putenhof“. Drinnen frühstücken Jugendliche. Zuvor waren sie beim Versorgen von Schweinen, Pferden und anderen Hoftieren zu sehen. „Über ein Jahr habe ich beobachtet, wie die Jugendlichen hier leben“, ist eine eindringliche Stimme aus dem Off zu hören, die Worte sind sorgsam gewählt. Karl-Heinz Dellwo, Regisseur und Kameramann von „Neben der Spur“, spricht seinen Kommentar selbst: „Hier sind wie in anderen Heimen Jugendliche, die unterschiedlich in ihrer Kindheits- und Jugendentwicklung gestört wurden. Und doch trägt jeder sein Potenzial mit sich, verzerrt, verschlossen, oftmals missachtet und niedergedrückt. Es dabei zu belassen, wäre nur der Akt eines gesellschaftlichen Verrats, der jeden Einzelnen einschließt.“

Klar, ruhig und prägnant sind auch die Bilder des Filmes, der es nicht nötig hat, mit dem Verzicht auf Stativ und längere Totalen Authentizität und Nähe vorzugaukeln. Wenn die Jugendlichen in Nahaufnahme interviewt werden, wird ihnen Zeit gelassen, Worte zu finden: “Ich bin hier, weil ich gern was mit den Pferden mache“, erklärt Yvonne auf die Frage, was ihr am Putenhof gefällt. Gero erzählt, wie er sich gegenüber dem Jugendamt dafür entschieden hat, auf dem Putenhof leben zu wollen, nachdem er sich alles einen Tag angeschaut hatte. „Atem holen können von der verinnerlichten Ausweglosigkeit“, kommentiert Dellwo das Leben auf dem Putenhof.

Eine besondere Rolle spielt für die Jugendlichen die Versorgung der Hoftiere. Sie erfahren unmittelbar die Bedürfnisse der Tiere, entwickeln daraus Verantwortungsgefühl und Kompetenzen. Sie bauen gemeinsam mit einem Berufsschul-Lehrer einen Stall für die Pferde und erfahren durch die praktische Arbeit den Sinn der Konstruktionsberechnungen in der Lüchower Berufsfachschule.

Eine besondere Intensität erreicht der Film beim Dokumentieren eines Workcamps eines Teils der Putenhof-Jugendlichen auf dem Gelände des ehemaligen KZ Theresienstadt. Seit 16 Jahren fahren einmal im Jahr Freiwillige vom Putenhof für mehrere Wochen nach Terezín und konfrontieren sich dort unmittelbar mit dem deutschen Nationalsozialismus. Alle Gebäude sind dort noch erhalten – die Erschießungsmauer, die Baracken für 400 Häftlinge, die Unterkünfte der SS. „Wenn ich hier die Gräber sehe, es sind so viele“, erklärt ein Junge sichtlich bewegt: „Nächstes Jahr komme ich wieder und kann sehen, wie die Rosen blühen, die wir auf den Gräbern pflanzen.“ Ein Mädchen schildert, wie Häftlinge in einen Graben getrieben und gezwungen wurden, auf Leben und Tod miteinander zu kämpfen. Kommentar von Dellwo: Der Film zeigt, „wie Jugendliche, die gesellschaftlich fast als chancenlos festgelegt sind, mit einfühlender Intensität auf diesen Ort reagieren und selber von der Hoffnung geprägt sind, nicht untergehen zu müssen.“

Durch die unmittelbar geäußerte Empathie mit den Opfern im KZ wirken die Bilder, die zeigen, wie die Jugendlichen in der Nähe des KZ feiern und Fußball spielen, dabei selbstverständlich und keineswegs als Gegensatz. Die emotionale und körperliche Schwere ihrer Gedenkstättenarbeit braucht einen Ausgleich. Und der gehört bei diesem Film, der den ganzen Alltag dokumentieren soll, dazu.

„Kein Jugendlicher ist einfach. Diese hier besonders nicht. Nur – was sollte ihr Fehler sein, wo sie zuallererst nur das Unglück hatten, mit schlechten Karten in der Hand geboren zu werden?“, fragt Dellwo aus dem Off. Ihm ist ein sensibles Sicheinlassen auf die Jugendlichen und ihre Betreuer gelungen. Vielleicht hat ihm geholfen, dass er selbst harte Erfahrungen mit gesellschaftlicher Ausgrenzung gemacht hat. 1973 wurde er bei einer Hausbesetzung in der Hamburger Ekhofstraße verhaftet, mit 23 ging er in die Rote Armee Fraktion (RAF), besetzte mit einem bewaffneten Kommando die Botschaft der BRD in Schweden. Die Besetzung endete in einem Blutbad, Dellwo musste für 20 Jahre ins Gefängnis, unter verschärften Haftbedingungen.

„Neben der Spur“ ist nun der dritte Film seiner Produktionsfirma Bellastoria. „Die Jugendlichen kommen in ihrer eigenen Sprache zu Wort – das hat mir gut gefallen. Und der Film hat starke, wunderbare Bilder,“ erklärt Jens Meyer vom 3001-Kino gegenüber der taz. Dellwo hat Meyer den Film schon im Rohschnitt gezeigt. „Den Film haben wir ins Programm genommen, weil er uns gefällt. Wir suchen uns ja eh nur die Filme aus, die uns gefallen“, sagt Betreiber Jens Meyer über das Konzept des 3001. Und hofft auf viel Publikum – auch zur Premiere von „Neben der Spur“.