Feines Gagmaterial

KINO Deutsche Blicke, türkische Blicke und fließende Übergänge: „Almanya – Willkommen in Deutschland“

Am liebsten würde man es dem Stotterer-König im aktuellen Oscar-Preisträgerfilm nachmachen: erst mal die Schimpfworte ausspucken, um danach flüssig zur Rede ansetzen zu können. Statt „Fuck, cunt, shit“ also „Migrationshintergrund! Integrationsdebatte! Sarrazin!“ Einen Text über die sogenannte Gastarbeiter-Komödie „Almanya – Willkommen in Deutschland“ zu schreiben, ohne eines dieser Reizworte zu erwähnen, gleicht einer echten Herausforderung.

Das allerdings bringt einmal mehr zu Bewusstsein, wie sehr doch der gesellschaftliche Diskurs mit seinen apokalyptischen Untertönen dazu neigt, das feine oder auch unfeine Gag-Material zu übersehen, das sich aus dem Zusammenleben von Deutschen und Türken ergibt. Die Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli haben auf diesen Missstand schon als Autorinnen der Vorabendserie „Türkisch für Anfänger“ aufmerksam gemacht. Mit „Almanya“ zeigen sie nun – Yasemin führte diesmal auch Regie –, wie prächtig sich das komische Potenzial auf der großen Leinwand entfalten lässt.

Die vertrackte Frage, die der kleine Cenk Yilmaz (Rafael Koussouris) seiner Großfamilie trotzig an den Kopf wirft, wohlgemerkt auf Deutsch: „Was sind wir denn jetzt? Deutsche oder Türken?“, erweist sich als Glücksfall der Komödie. In „Almanya – Willkommen in Deutschland“ wärmen die Samderelis alte, uralte und ein paar neue deutsch-türkische Witzstereotypen auf, lassen sie von einem mit bestem Timing agierenden Ensemble deutsch-türkischer Schauspieler in Szene setzen und siehe da, alle kriegen irgendwie ihr Fett weg und kommen gleichzeitig doch auf ihre Kosten.

Diese Begabung zur Doppelbödigkeit verdanken die Schwestern Samdereli zweifellos der „Doppelbödigkeit“ ihrer Herkunft: Sie sind in Dortmund geboren. Der schnelle Wechsel von Außen- zur Innenperspektive, der fließende Übergang vom deutschen Blick auf Türken zum türkischen Blick auf die Deutschen liegt ihnen ganz offensichtlich. Im Film setzen sie diese Doppelperspektive durch zwei in Gegenrichtungen verlaufende „Reisen“ in Szene. Auf der Reise einer Großfamilie aus Deutschland nach Anatolien, um ein Haus zu renovieren, inszenieren sie auch eine in die Vergangenheit. Während der Fahrt erzählt Canan (Aylin Tezel), Fatmas und Hüseyins älteste Enkeltochter, ihrem kleinen Cousin Cenk von der Ankunft der Familie im Westdeutschland der 60er-Jahre.

Versiert nutzen die Filmemacherinnen dabei die subjektive Perspektive der Kinder zur herrlich-grotesken Überzeichnung, in der man doch unzweifelhaft die vertraute BRD ausmacht: das Land, in dem man mit „Riesenratten“ an der Leine spazieren geht und wo in öffentlichen Gebäuden ein halbnackter, blutender Mann herumhängt. Hinzu kommt der eigentümlich strenge Sprachklang, der hier nach dem Vorbild von Chaplins „Großem Diktator“ nachvollziehbar gemacht wird.

Wo die Pointen abwechselnd deutsches und türkisches Zielpublikum anvisieren, beweisen die Samderelis mit ihrem vielleicht allzu gefühlvollen Ende, dass sich anatolische und deutsche Seelen in einem völlig gleichen: in ihrer Sentimentalität. Wir lieben alle unsere Großväter!