Spinnboden Lesbenarchiv und Bibliothek

Seit über 35 Jahren sammeln Frauen alle relevante Medien von und über Lesben – und schaffen damit nicht zuletzt ein neues Geschichtsbild. Und nicht nur das: Ganz nebenbei begleiten sie Coming-outs

Es ist ein monotones Bild, das die männerdominierte Welt von ihrer Geschichte gibt. Wenn wir uns unsere Geschichtsschreibung ansehen, sind es fast immer Männer, die über Männer schreiben. In diesem Stil gibt die Geschichtswahrnehmung ein Bild der Wirklichkeit ab, das den verschiedenen Geschlechtern entsprechende Rollen zuschreibt. Nicht zuletzt werden so aber auch in unser kollektives Geschichtsbild an bestimmte Menschen erinnert und an andere nicht. Als hätte es sie nie gegeben.

Wer würde sich schon an die Kontaktanzeige aus den 20er Jahren erinnern, die damals schon das Denken der bipolaren Männer- und Frauenwelt überwand? „Wo findet unauffällig als Dame lebender Transvestit billige Erholungsmöglichkeiten, mögl. Nähe Berlins?“. Sie steht in der Wochenschrift des Deutschen Freundschafts-Verbandes namens Liebende Frauen. Der Leitartikel war damals „Frauen in der Industrie“.

Der Spinnboden sammelt mit momentan etwa zehn ehrenamtlich aktiven Frauen alles von und über Frauen – Bücher, Briefe, Fotos, Videos, Plakate, auch T-Shirts und Flyer. Mittlerweile sind sie das größte lesbische Archiv der Welt, nur in New York gibt es ein vergleichbares Archiv. „Doch nicht so ordentlich katalogisiert“, schmunzelt die Projektleiterin Sabine Balke, die seit zehn Jahren im Spinnboden arbeitet. „Wooow, sagen die Amis immer, wenn sie sehen, wie umfangreich die Datenbanken sind.“ In der Tat: Mehr als 14.000 Bücher und 1.500 Videos haben sie gesammelt.

Von der Lesbenbewegung über Regenbogenfamilien, Romane und Erotik, Plakate und Kunstbände findet sich hier wirklich alles, was die Lesbenwelt bewegt und bewegte. Will frau etwa die Debatte zum Lebenspartnerschaftsgesetz nachvollziehen, das 2001 in Kraft trat, finden sich hier nicht nur Fachliteratur, sondern auch sämtliche Talkshows zu dem Thema. Briefwechsel aus Zeiten feministischer Debatten zeichnen die Tiefe der Umbrüche, etwa beim Austausch der Psychoanalytikerin Charlotte Wolff mit der Aktivistin Ilse Kokula.

1973 entstand aus der Frauengruppe der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) die Initiative zur Archivierung lesbischer Geschichte. Das gab es vorher kaum. 1983 wurde das Lesbenarchiv mit dem Namen Spinnboden – Archiv zur Entdeckung und Bewahrung von Frauenliebe – als gemeinnütziger Verein eingetragen. Der Name wurde mit Bedacht gewählt: Die Einrichtung sollte an die mittelalterlichen Spinnböden erinnern, Orte, an denen Frauen ihre Gedanken einander mitteilten und ihr Wissen weitergaben. Damals waren die Frauen der Auffassung, dass, wenn das Wort lesbisch im Vereinsnamen auftaucht, die Chancen, eine staatliche Finanzierung für das Projekt zu bekommen, viel schlechter wären. Im Jahr 2001 wurde der Name in Spinnboden Lesbenarchiv & Bibliothek e. V. geändert, um in der Öffentlichkeit sichtbarer und im Internet besser recherchierbar zu sein.

Die Sammlung und Archivierung ist eine leidenschaftliche Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes. 2007 erstand das Archiv die kompletten fünf Jahrgänge der Zeitschrift Liebende Frauen – 1926 bis 1931. Sabine Balkes Augen leuchten, als sie davon erzählt. 34 Leute haben jeweils 100 Euro zusammengelegt, um diese einmaligen Hefte zu kaufen. „So können wir uns heute ein Bild davon machen, was es damals hieß, lesbisch zu leben.“ Doch mit den Nazis hörten, auch und gerade bei diesem Thema, diese Publikationen auf.

Alle sind herzlich willkommen, die sich als Frauen liebende Frauen definieren. „Auch ältere Frauen über 40 sind willkommen“, sagt Balke. Sie weiß, wie schwer es manchmal sein kann, seiner Sehnsucht zu folgen. Die regelmäßigen Treffen finden alle zwei Wochen donnerstags um 17.30 Uhr statt.

Darüber hinaus werden angeleitete Gruppen und Einzelberatung für Frauen in Coming-out angeboten. Die Atmosphäre im Archiv ist entspannt, frau kann in freundlich-solidarischer Umgebung in der Bibliothek stöbern. JEAN PETERS