Noch einmal das Meer sehen

LEBEN Anne Klein war Senatorin in Berlin – die erste, die ihre Liebe zu Frauen bekannte. Nun ist sie todkrank

Der Wintergarten ist ein Kokon, in den sich Anne Klein zurückziehen kann. Zwei Korbsessel, zwei runde Tischchen stehen auf den fünf Quadratmetern, die auf halbem Weg zwischen Drinnen und Draußen liegen. Keramikkugeln in Gold, in Rot, in Silber sind wie zufällig auf der Heizung, auf den Fenstersimsen drapiert. Kreis, Kugel – die vollkommene Form. Vollkommen wie auch die Orangen, die Äpfel. Und der Tumor. Anne Klein greift mit ihren hellen Händen nach einem Apfel. „So groß wie dieser.“

Im Wintergarten hält sich die Rechtsanwältin, Feministin und ehemalige Berliner Senatorin derzeit am liebsten auf. Hier wird sie geschützt von Wärme, von Überschaubarkeit und von sie umhüllendem Licht. In ihrem beigefarbenen Hausanzug sitzt sie in einem der Sessel – die Beine angezogenen wie ein Embryo. Auch ihr Körper mit dem aufgeblähten Bauch, den großen Augen und den trotz der Auszehrung festen Gliedern erinnert an ein Kind. „Biafra“, sagt Anne Kleins Lebensgefährtin. Biafra – bis heute ist die Region in Nigeria ein Synonym für Hunger. Und Hunger auf Leben. „Ich habe noch Appetit.“

„Die Frauen damals wussten nicht, wie mühsam Politik ist. Ich wusste es ja selbst nicht“

Trotzdem: Es geht nicht mehr, den Krebs zu ignorieren – er fordert alle Aufmerksamkeit. Im Wintergarten-Kokon allerdings verhält er sich still wie ein uneingeladener Kobold, der sich unsichtbar macht, einer, über den man herziehen will. Sein schlechter Charakter. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Unheilbar. Ein Kobold allerdings, den man wie einen Narziss loben muss, damit er nicht weiter wütet. Sagen Sie doch, was gut an ihm ist. „Wenn du so eine Krankheit hast, kannst du dein Ende vorbereiten“, antwortet Anne Klein. Nicht wie der kürzlich verstorbene Bernd Eichinger, nur wenig älter als sie, der beim Essen zusammenbricht. Tot ist. „Entsetzlich. Neben seiner Frau.“

„Mein Krebs ist nicht heilbar, er kommt höchstens zum Stillstand. Ich muss sterben. Die Frage ist, wann.“ Anne Klein sagt: „mein Krebs“. Die Chemo könnte ihn austrocknen. „Austrocknen“, ihr Wort. Der Blick fällt auf den Apfel. Wenngleich seine Schale schon tiefgelb geworden ist vom langen Lagern, ist er noch prall. Im Moment seien die Werte gut, sagt Klein. Die gewonnene Zeit nutzt sie, um ihre Beerdigung vorzubereiten. Das Grab auf dem Stubenrauchfriedhof, die Gästeliste für die Trauerfeier. „Wenn ich das geregelt habe, dann kann ich mich auf anderes konzentrieren.“ Anderes: das Leben, die Freunde, das Ich-Du. „Ich will in der Welt bleiben noch ein Stück.“ Sie hat sich Etappenziele gesetzt: Ihren einundsechzigsten Geburtstag am zweiten März. Die blühenden Bäume. Ein Besuch am Meer. Die Provence im Sommer – alle ihre Freundinnen, mit denen zusammen sie so viel erreicht hat, sollen dort vorbeikommen. „Das würde ich furchtbar gerne noch einmal erleben.“

Anne Klein ist eine jener Feministinnen, die mit einer ungeheuren Verve nach Wegen suchten, wie die Gesellschaft gerechter werden könne. Als sie 1972 als Referendarin nach Berlin kommt, nimmt die neue Frauenbewegung gerade Kontur an. Klein bietet Rechtsberatung für gewaltbetroffene Frauen in den schlichten Räumen des damals ersten Frauenzentrums in Berlin an und kämpft für ein Frauenhaus. Nach ihrem Staatsexamen 1978 gründet sie – trotz Einspruchs der Anwaltskammer, die verlangte, dass ein Anwalt alle vertreten müsse – die erste feministische Kanzlei. Und sie setzt mit anderen Anwältinnen durch, dass die Adhäsion, ein altes Rechtsinstrument aus dem preußischen Zivilgesetzbuch, bei Vergewaltigungsprozessen wieder gilt. Die Adhäsion erlaubt es, dass Straf- und Zivilprozesse, die für Schadensersatzforderungen notwendig sind, gleichzeitig geführt werden. So muss eine vergewaltigte Frau das oft retraumatisierende Prozedere vor Gericht nicht mehrfach durchleben.

Mitunter unterbricht Klein ihre Anwaltstätigkeit. 1983 und 1984 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin für Arbeits-, Sozial- und Rentenrecht beim Bundestag und entwickelt eine Rohfassung des Antidiskriminierungsgesetzes – „eine juristische Knochenarbeit war das“. Und 1989 wird sie als Parteilose für die Grünen zur ersten feministischen und offen lesbisch lebenden Senatorin für Jugend, Frauen und Familie ernannt. „Dass ich mutig bin, das wusste ich. Das war vielleicht mein Fehler“, sagt sie und schneidet den Apfel in Stücke. Mundgerecht.

Als Senatorin stößt sie an ihre Grenzen. Die Opposition versucht, sie zu diffamieren, und es gelingt ihr, kaum ist sie im Amt. Denn Klein hatte ein paar Jahre zuvor an einem Pilotenspiel, das nach dem Schneeballsystem funktionierte, aber nach geltendem Recht kein Glücksspiel war, teilgenommen und ein paar tausend Mark gewonnen. „Zocker Zora“, titelt die Springer-Presse. Dass Klein den Gewinn umgehend dem Frauenhaus gespendet hatte, wäre nur der Zeit eine Randnotiz wert gewesen, meint sie. „Das Pilotenspiel, das war ja die schlimmste Scheiße.“

Nicht nur die Christdemokraten um den ehemaligen Berliner CDU-Paten Klaus-Rüdiger Landowsky machen Klein zu schaffen. Auch ihre Mitstreiterinnen, die sie als Senatorin vorgeschlagen hatten, beginnen, sie nach ein paar Monaten zu kritisieren, weil es ihr nicht gelingt, für die Frauen die Hälfte des Himmels zu holen. „Die Frauen haben damals zu hohe Forderungen gehabt. Sie wussten nicht, wie mühsam Politik ist. Ich wusste es ja selbst nicht.“ Es gelingt Klein dennoch, die Eigenbeteiligung der Frauen, die in Frauenhäuser flüchten, abzuschaffen und Wildwasser, ein Projekt, das sich um Frauen kümmert, die als Kinder missbraucht wurden, abzusichern. Auch einen Zufluchtsort für Mädchen in Krisensituationen richtet sie ein und einen für asiatische Frauen, die in der Prostitution landeten. Die Stelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen wird ebenfalls von ihr ins Leben gerufen. Ihre Kritikerinnen werfen ihr jedoch vor, bei der Einführung eines Gleichstellungsgesetzes auf Landesebene und bei der Novellierung des Paragrafen 218, der Abtreibung regelt, sowie bei der besseren Ausstattung der Kitas mit ihrer Zögerlichkeit nicht schnell genug für Fortschritte gesorgt zu haben. Der erste rot-grüne Senat musste erst scheitern, bevor verstanden wurde, dass Anne Klein den radikalen Versuch gewagt hatte, feministische Ideen politisch umzusetzen.

Als nach der Wiedervereinigung in Berlin Abgeordnetenhauswahlen notwendig werden, kandidiert Anne Klein nicht mehr und geht zurück in ihren Beruf. Die CDU gewinnt die Wahl und löst den rot-grünen Senat nach nur zwei Jahren ab.

Als Rechtsanwältin modernisiert Anne Klein die Gesellschaft weiter. Sie wird die erste Präsidentin eines Rechtsanwaltsversorgungswerkes deutschlandweit. Sie setzt durch, dass das Versorgungswerk auch jenen eine Mindestrente bezahlt, die in wenig lukrativen Arbeitsfeldern – etwa dem Ausländerrecht – tätig sind. Außerdem schafft sie es, den Versorgungsanspruch auf gleichgeschlechtliche Hinterbliebene auszuweiten. Ungerechtigkeit erkennen ist eines, gerechte Strukturen zu entwickeln ein anderes. Es gibt Frauen, Feministinnen, die auf diesem Feld viel wagten.

„Ob der Krebs eine Herausforderung ist, dass ich kämpfen soll, und zwar um mich selbst?“

Im Wintergarten zählt Anne Klein alles im Zeitraffer auf. Eine Gerechtigkeitsfanatikerin sei sie. Und eine, die Glück hatte. „Fortüne.“ Sie betont das ü und das e, als wäre es der Name einer Geliebten. „Ich habe meine Träume gelebt.“ Dazu gehört auch, dass sie als Teenager die Schlagersängerin „Anouk“ war, die durch Discos tingelte. „Die Liebe ist vorbei“ hieß ihr Hit. Sie sang ihn zu einer Zeit, in der ihre Liebe zu Frauen gerade begann.

Und mitten im Glück nun die Krankheit, mit der sie eine Verständigung sucht. „Lieber Krebs“, sagt sie, „du bist stärker als ich, aber du gibst mir die Chance, herauszufinden, warum du zu mir kamst.“ Sie schaut in die Wolken. „Ob es eine Herausforderung ist, dass ich kämpfen soll, und zwar um mich selbst?“, fährt sie nach einer Pause fort. Der Krebs antwortet nicht, nur das Leben. Sie zählt auf, was wichtig ist: die Begegnungen, die Ruhe, die Stille. Die Nähe ihrer Gefährtin. Die Freude an der Sonne. „Ich nehme alles anders wahr“, sagt sie. „Den Winter. Die Menschen. Sie sehen alle so gut aus. So jung. So schön. Die essen gern Torten. Ich schaue die manchmal an und denke: Wenn die wüssten, dass du bald tot bist.“