Freakgenerationen fressen aus ihrer Hand

Europa-Premiere nach 25 Jahren: Die Sun City Girls spielen heute beim Club-Transmediale-Eröffnungskonzert in der Volksbühne

Zurzeit werden sie als die Ahnen der New-Weird-America-Bewegung gehandelt. So ist das, wenn man fast drei Jahrzehnte unbeirrt an einem abseitigen Projekt festhält: Alle fünf Jahre ist man Ahne von irgendwas anderem. Radikalität schafft es nur durch langfristige Überlebenstechniken in die Geschichtsbücher. Die Sun City Girls sind so ein ewiges Projekt, vergleichbar nur mit anderen, teilweise ausgestorbenen Dinosauriern ungezügelter freier Entfaltung wie Deep Freeze Mice oder Nurse With Wound: zählebig, hingebungsvoll und vollkommen unausverkauft. Wenn es sie nicht gäbe, müsste der Indie-Romantiker sie sich ausdenken.

Dass sich aber in den letzten Jahren in der Welt zwischen Pelt und No Neck Blues Band, zwischen House of Low Culture und The Abrasion Ensemble eine neue Kultur des formlos tribalistischen Geschrängels wieder zu bizarrer Blüte hochentwickelt hat und immer weiter ausbreitet, ist indes nicht wirklich auf das Trio aus Phoenix, Arizona, zurückzuführen. Die Sun City Girls gehören in eine ältere anarchistische Kultur, die ihre Herkunft aus der alten Gegenkultur kaum verbirgt. Begonnen hatte das, als es die Brüder Bishop 1979, dem Jahr, in dem so ziemlich alles anfing, in das aus Hitchcocks „Psycho“ bekannte Phoenix verschlug. Bald war man mit den anderen hier hängengebliebenen oder aufgewachsenen Figuren befreundet. Kurze Zeit hatte man eine Band mit der als Familienmutter zurückgezogen lebenden Velvet-Underground-Schlagzeugerin Maureen Tucker, die kurz darauf ihre Solo-Karriere startete. 1982 erschienen erste Aufnahmen der Sun City Girls auf einer Compilation des Placebo-Labels, unter anderem zusammen mit anderer damaliger Arizona-Post-Punk-Prominenz wie den Meat Puppets oder der Jodie Foster Army. Pensionierte Skater erinnern sich noch.

Meine erste Sun-City-Girls-LP war ihre dritte und hieß „Horse Cock Phepner“, was immer das bedeuten mag. Das Cover zeigt auf einem Schwarzweißfoto eine Hausfrau mit Lockenwicklern und einen Maskierten, wie sie vor Wäscheleinen, Kakteen, Bourbonflaschen und chinesischen Masken einen bis zum Kopf eingegrabenen Säugling (keine Angst, Collage!) mit magischen Gesten, Trockeneis und einem Rasenmäher attackieren. Die Musik: tribalistisches Geschrängel, mal elektrisch, dann wieder akustisch. Immer ziemlich besessen eindrucksvoll und mit den zeittypischen Witzen und Verfluchungen gegen die Reagans durchsetzt. (Bush-Witze würde heute keine neotribalistische Band mehr machen!)

Das war 1987. Das nächste Mal begegneten sie mir bei einem anderen Weltmeister der grotesken Musikanarchie. Gemeinsam mit Eugene Chadbourne hatten sie die pseudoethnografische Pseudo-Unesco-Dokumentation „Country Music in the World of Islam, Vol. IV“ lanciert.

Im Laufe der 90er-Jahre wurden sie dann zum ersten Mal zu einer Institution in einer durch die expliziten Vorlieben der Kurt Cobains und Sonic Youths aufgeklärten Indie-Welt, die gerade Daniel Johnston entdeckte und den Sun City Girls die Re-Releases ihrer endlosen Kassettenproduktion abkaufte. Die Idee, diesen mal ins Poetische, dann wieder ins regressiv Verschmierte kippenden Sound des anarchistischen Arizona als Folklore neuer Art auszugeben, nahm Formen an. Die bis heute noch stetig wachsende CD-Serie „Carnival Folklore Resurrection“ begann. Cover- und Booklet-Bilder zeigen noch immer linksgnostische Rituale und abgelegene suburban-amerikanische Alltagsfolklore zwischen David Lynch und Cameron Jamie. Und die Parodie davon.

Zuletzt sah man die Girls mit Saddam-Masken touren. Auch so was lassen sie sich nicht entgehen. Als Grandseigneurs der neuen Weirdness fressen ihnen mittlerweile diverse Freakgenerationen aus der Hand. Sie selbst haben sich immer in einer Traditionslinie einsortiert, die mit dem politischen Kabarett von Spätbeatniks wie den Fugs beginnt (deren „CIA Man“ sie gecovert und „aktualisiert“ haben) und bei Jackie-O-Motherfucker noch lange nicht zu Ende ist. Dass sie mit ihrem ersten Europaauftritt den Club Transmediale in der Volksbühne eröffnen, zeigt nicht zuletzt, dass dieser seinen ersten Namensteil ernst nimmt. Denn so langsam ist, mit Ausnahme der C60-Kassette, selten eine kulturelle Initiative aus dem Trans und dem Jenseits jeder Medienbenutzung herausgetreten. Und trotzdem gewissermaßen weltberühmt geworden.