„Scheidungskinder werden früher selbstständig“

KNACKS Weil Scheidungskinder angeblich nicht glücklich werden können, bleiben zerstrittene Eltern häufig zusammen. Ein Fehler, meint der Scheidungsforscher Ulrich Schmidt-Denter. Oft ist Trennung die beste Lösung. Für alle

INTERVIEW MARIA ROSSBAUER

sonntaz: Herr Schmidt-Denter, Sie forschen zu Scheidungen und können mir sicher sagen, welche Klischees über Scheidungskinder stimmen und welche nicht. Zum Beispiel: Scheidungskinder schaffen es seltener aufs Gymnasium.

Ulrich Schmidt-Denter: Das würde ich nicht sagen. Es kann Schulschwierigkeiten geben, die hängen aber meistens mit der Trennungsphase zusammen und sind nicht langfristig. Aus den USA wissen wir, dass Scheidungskinder seltener studieren, was dort aber mit den finanziellen Möglichkeiten zu tun hat. Zumal dort die Unterhaltspflicht endet, wenn die Kinder 18 werden.

Scheidungskinder sind aggressiver.

Betrifft vielleicht die Zeit um die Trennung herum. Da hat man bei Jungen in einigen Studien festgestellt, dass sie sich aggressiver und renitenter verhalten, sowohl gegenüber ihren Müttern als auch etwa in der Schule. Das sind aber wiederum keine langfristigen Scheidungsfolgen.

Scheidungskinder sind sozial inkompetent.

Eher das Gegenteil. Scheidungskinder werden früher selbstständig, entwickeln sich schneller. Studien zeigen, dass Jugendliche gerade in diesem Punkt weiter sind als ihre Altersgenossen, die nicht aus Scheidungsfamilien stammen.

Scheidungskinder werden stigmatisiert.

Das war vielleicht früher so. Mittlerweile finden wir bei den Kindern keine große Belastung mehr deswegen.

Scheidungskinder sind unglücklich, weil es zum Kindesglück immer Vater und Mutter braucht.

Da wüsste ich jetzt keine Studie, die das belegt.

Die Forschung zeigt also, dass Kinder nach der Trennung der Eltern höchstens eine kurze Zeit leiden, und auch die alten Klischees erweisen sich als nichtig. Trotzdem denken bei Scheidungen viele: Oh Gott, die armen Kinder. Warum?

Dabei geht es wohl vor allem um den Zusammenbruch des Lebensplans, das Gefühl des Scheiterns und des Verlustes, das so schwer wiegt. Wahrscheinlich erscheinen Scheidungen deshalb noch so dramatisch. Aber Sie haben natürlich recht: Es ist nicht hilfreich, Trennungen zu dämonisieren und als etwas zu betrachten, das man nicht überleben und managen kann, sondern als etwas, woran Kinder am Ende vielleicht sogar wachsen können.

Soll man Paaren in der Krise also einfach sagen: Trennt euch?

Kinder leiden direkt nach der Trennung der Eltern schon. Aber wir haben Kinder auch sechs Jahre nach der Scheidung noch einmal untersucht. Da zeigte sich, dass im Wesentlichen der kindliche Leidensdruck abgebaut war.

Es gibt ein Buch mit dem Titel: „Mut zur Trennung“. Sollten wir den tatsächlich vermehrt haben?

Im Epochenvergleich ist der kindliche Leidensdruck nach der Trennung der Eltern geringer geworden. Das heißt, früher waren die Symptome bei den Kindern deutlicher und schwerer. Das mag daran liegen, dass es heute besser gelingt, eine Nachscheidungsfamilie zu leben. Oder auch daran, dass die Scheidungsrate zugenommen hat.

Dass sich heute mehr Leute trennen, ist gut für Scheidungskinder?

Das ist ein Selektionseffekt. Früher haben sich nur die extremsten Fälle scheiden lassen. Es gab viele Hemmungen. Was sagen die Leute, wenn wir uns trennen? Da bricht die bürgerliche Fassade weg. Oder man blieb aus religiösen Gründen zusammen. Wer sich trotzdem scheiden ließ, hat sich so sehr gehasst, dass die Partner überhaupt nichts mehr miteinander machen konnten. Heute lassen sich auch Menschen scheiden, die immer noch in der Lage sind, weiterhin gemeinsam Eltern zu sein.

Manche Psychologen sprechen bei Scheidungskindern von einer posttraumatischen Reife. Also davon, dass Kinder an einer Scheidung wachsen.

Es gibt ein Buch über die Entwicklung von Scheidungskindern mit dem Titel „Growing up a little faster“. Damit ist gemeint, dass sie schneller reif und selbstständig werden. Man mutet ihnen vielleicht neue Aufgaben zu, an denen sie wachsen, etwa dass ältere Geschwister auf die jüngeren aufpassen. So lassen sie die Kinderrolle schneller hinter sich.

Was kann man also von Nachscheidungsfamilien lernen?

Man hat zum Beispiel festgestellt, dass in Nachscheidungsfamilien die Kommunikation egalitärer ist. Mutter und Kind bewegen sich auf einem eher gleichberechtigten Niveau, während in Kernfamilien die Generationengrenze schärfer gezogen wird. Die Eltern bestimmen, die Kinder machen. In Nachscheidungsfamilien besprechen häufig Mutter und Vater die Dinge von vornherein mit den Kindern. Man lernt also zu kommunizieren, auch in Situationen, die extrem schwierig sind. Bei alldem gibt es natürlich auch die Gefahr der Überforderung.

Einmal ganz grundsätzlich: Was ist eine glückliche Familie?

Eine glückliche Familie ist sicher eine, in der destruktive Kommunikation sehr selten ist. Wo man sich nicht ständig kritisiert und verächtlich übereinander spricht. Wo es keinen Respektverlust und Machtdemonstrationen gibt. Insbesondere bei Männern äußert sich das auch in Kommunikationsverweigerung, darin, dass sie gar nichts mehr sagen. In einer glücklichen Familie muss also immer eine gewisse Qualität der Kommunikation vorhanden sein.

Müssen in einer glücklichen Familie die Eltern ein Paar sein?

Auch in einer Nachscheidungsfamilie existiert eine gewisse Form der Paarbeziehung. Die Eltern verstehen sich immer noch als Eltern, müssen Dinge gemeinsam regeln. Auch da muss es so sein, dass die Qualität der Beziehung einigermaßen positiv ist.

Manche Eltern sagen: Wir bleiben nur wegen der Kinder zusammen. Kann das eine Lösung sein?

Das ist eine Frage, die Psychologen tatsächlich oft gestellt wird. Generell kann man sagen: Kinder sind durchaus sinn- und bindungsstiftend für die Eltern. Wir wissen, dass die Scheidungsrate bei kinderlosen Paaren am höchsten ist und mit der Zahl der Kinder abnimmt. Das heißt, dass Kinder da sind, kann dazu führen, dass Eltern doch noch die Kurve kriegen und ihre Beziehung sanieren. Wenn aber die Streitigkeiten bleiben, die destruktive Kommunikation beibehalten wird, dann bringt das überhaupt nichts. Dann ist es vielleicht schlechter für alle, zusammenzubleiben, als sich scheiden zu lassen.

Nicht die Scheidung ist also das Problem, sondern wie Erwachsene miteinander umgehen?

Ja. Die wichtigste Variable, die die Forschung da kennt, ist das elterliche Konfliktniveau.

Was bedeutet das?

Häufige und heftige Streitigkeiten, die den Alltag überfluten. Das können bestimmte persönliche Verhaltensweisen sein, die dem anderen auf die Nerven gehen, Geldfragen, praktisch jedes Alltagsereignis. Das heißt nicht, dass keine Konflikte auftreten dürfen. Aber es muss die Fähigkeit bestehen, diese zu lösen. Unter einem hohen Konfliktniveau leiden Kinder am meisten.

Das heißt, Scheidung ist besser für die Kinder als Dauerstreit?

Ja, es kann sein, dass Scheidung die einzig sinnvolle Lösung für Beziehungen ist. Aber wie gesagt, Kinder leiden in der Phase der Trennung schon. In unserer Untersuchung war es so, dass etwa 50 Prozent der Kinder über längere Zeit – wir haben die Kinder über 30 Monate beobachtet – vermehrt Verhaltensauffälligkeiten zeigten. Dann gab es einen zweiten Typ, der nur zu Anfang verhaltensauffällig war, also durch den Scheidungsschock, aber sich dann wieder schnell normal entwickelte, und es gab etwa 20 Prozent, die keinerlei Auffälligkeiten zeigten. Bei Vorschulkindern kann es vorkommen, dass sie Einschlafstörungen haben und Angstgefühle, dass sie häufig weinen, nicht essen. Bei etwas älteren Kindern kann es sein, dass kurzzeitig die Schulleistungen einbrechen, sie können sich auch vermehrt aufsässig verhalten.

Warum wirkt eine Trennung auf Kinder und Jugendliche so unterschiedlich?

Jugendliche haben anders als Kinder ein gewisses Verständnis dafür, dass Menschen, die eine Verbindung eingehen, sich vielleicht auch wieder trennen. Das machen sie ja selber auch. Kinder sehen das erst mal als Naturgesetz an, dass Vater und Mutter da sind, wenn sie nichts anderes kennen. Für sie gerät ein Weltbild ins Wanken.

Dabei ist es in der Geschichte des Menschen ja noch häufiger als heute passiert, dass ein Elternteil verschwand. Der Vater konnte vom Löwen gefressen werden. Trennungen müssten für uns doch normal sein.

Mit Verlust umzugehen ist sicher eine universale Erfahrung und Kinder lernen zunehmend, so etwas zu meistern. Aber sie haben ein großes Bedürfnis nach Stabilität. Die Kinder stellen sich die Frage: Wie sieht die Welt aus? Womit kann ich rechnen? Das kann eine Stammesgesellschaft sein, die zu Zeiten der Jäger und Sammler 30 Personen umfasste, oder die Kleinfamilie. Der plötzliche Verlust der Hauptbezugsperson ist dann ein recht dramatisches Ereignis. Ich kenne Fälle, da waren die Kinder bei den Großeltern, kamen zurück, dann war der Vater ausgezogen, und die Mutter sagte: Wir wollen uns trennen. Das ist, wie wenn man jemandem den Boden unter den Füßen wegzieht.

Heißt: Wenn Kinder besonders unter einer Trennung leiden, machen die Eltern etwas falsch?

Eigentlich schon. Dann ist dieser Trennungsprozess aus kindlicher Sicht alles andere als optimal verlaufen. Inzwischen ist es aber eher der Regelfall, dass beide Elternteile für das Kind weiterhin da sein wollen und das auch schaffen.

Wir sind also einen Schritt weiter.

Ja, die Ära des Schuldprinzips galt bis 1976. Damals musste vor Gericht darüber gestritten werden, wer Schuld am Scheitern der Beziehung hatte. Man durfte sich gar nicht einvernehmlich zeigen. Erst seit 1982 ist es rechtlich möglich, dass Geschiedene gemeinsam für ihr Kind sorgen.

Ihre Studien fanden teilweise noch vor 1998 statt, als die gemeinsame elterliche Sorge zum Regelfall wurde. Was hat sich seither verändert?

Damals lebte meistens der Vater nach der Scheidung getrennt von den Kindern. Und wir haben herausgefunden, dass bei Kindern, die besonders unter der Trennung litten, häufig der Kontakt zum Vater gestört, nicht mehr vorhanden oder konfliktbelastet war. In den nachfolgenden Untersuchungen über die Auswirkungen der gemeinsamen elterlichen Sorge gab es diese Fälle nicht mehr so häufig. Wir haben also festgestellt, dass da ein guter juristischer Rahmen gefunden wurde. Vielleicht weil beide Eltern auch nach der Scheidung noch kooperieren müssen.

Sehen Sie manchmal Paare, bei denen Sie denken: Lasst euch doch einfach scheiden?

Aus einer einmaligen Beobachtung kann man das nicht erschließen. Destruktive Kommunikation taucht bei allen Paaren irgendwann mal auf. Zum Problem wird es erst, wenn das zur dominierenden Umgangsform zwischen den Partnern wird.

Wie bewahre ich meine Beziehung davor?

John Gottman hat dafür die sogenannte Gottman-Konstante formuliert: Auf eine destruktive Kommunikation müssen mindestens fünf positive kommen. Man könnte also eine Strichliste führen, und wenn die negativen Gespräche 5:1 übersteigen, dann besteht ein Scheidungsrisiko. Dann würde ich aber noch nicht sagen: Lasst euch scheiden. Sondern: Aufgepasst, ihr müsst an euch arbeiten. Vielleicht geht ihr zur Eheberatung oder reflektiert mal eure Beziehung.

Wann trennen sich Paare eigentlich?

Nach etwa vier Ehejahren ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten. Man merkt dann, ob die Beziehung im Alltag gelebt werden kann. Danach sinkt die Scheidungswahrscheinlichkeit. Seit vielleicht 20 Jahren haben wir aber auch das Phänomen der späten Scheidung, was man salopp als Scheidung nach der Silberhochzeit bezeichnen kann. Die Paare sind da so um die 50.

Woran liegt das?

Da ist wohl zum einen der Auszug der Kinder ein wichtiger Faktor. Dann ist man plötzlich nur noch aufeinander bezogen, ein Inhalt, der die Beziehung ausgemacht hat, ist weg. Vielleicht leben nun auch Wünsche aus der Vergangenheit auf. Man will in eine andere Richtung, da will der Partner aber nicht hin. Oder man ist nur wegen der Kinder zusammengeblieben.

37 Prozent aller 2012 geschlossenen Ehen werden wahrscheinlich im Laufe von 25 Jahren wieder geschieden, berechnet das Statistische Bundesamt. Eigentlich dürften wir doch gar nicht mehr davon ausgehen, dass eine Ehe für immer hält.

Die Scheidungszahlen können bei Paaren heute mehr Unsicherheit auslösen als früher. Aber wenn wir davon ausgingen, dass die Ehe ohnehin befristet ist, wäre das eine Änderung des gesellschaftlichen Konzepts. Das wäre der Übergang von der Monogamie zur sequenziellen Polygamie. Ganz so weit sind wir, glaube ich, noch nicht.

Was wäre daran schlecht?

Dass man mit Vorbehalten in Beziehungen hineingeht. Die romantische Liebe geht ja doch sehr von der lebenslangen Liebe aus. Eine Ehe wird damit rationaler, eine Art Zeitvertrag. Gefühle der Verliebtheit werden dadurch vielleicht gedämpft, wenn man weiß: Na ja, das hält nicht ewig, davon kann man ausgehen. Bis jetzt ist ewige Liebe ja immer noch das, was wir anstreben.

Maria Rossbauer, 33, sonntaz-Autorin, glaubt noch daran, dass das mit ihrem Mann für immer hält. Sie sind aber auch erst knapp zwei Jahre verheiratet