Die Zukunft als gute Möglichkeit

ZUKUNFTSFORSCHUNG Vor 20 Jahren, am 14. Juli 1994, starb der Journalist und Zukunfts-forscher Robert Jungk, der prominente Impulsgeber im Kampf gegen die Atomkraft und für eine menschliche Zukunft. Was aber ist von Jungks Anstößen in seiner Heimatstadt Berlin geblieben? Eine Spurensuche

VON MANFRED RONZHEIMER

Der große Gong im Saal der Akademie der Künste am Hanseatenweg wird von Florian Fischer geschlagen, Redakteur beim alternativen „Stattbuch Berlin“. Zehn Tage nach Robert Jungks Tod am 14. Juli 1994 in Salzburg sind hier die Weggefährten aus Politik und Medien, Wissenschaft und Alternativbewegung zu einer bewegenden Gedenkfeier zusammengekommen. Fischer hat das Treffen organisiert. Sein Gegen-Stadtführer, ein Kompendium der Berliner Gruppen mit einem alternativen Gesellschaftsentwurf, wurde vom „Netzwerk Selbsthilfe“ gefördert, das Robert Jungk angestoßen hatte. Auch die taz erhielt 1985 ihre ersten Computer aus Mitteln dieses Netzwerks für alternative Projekte und war dadurch eine Zeit lang Deutschlands technisch modernste Zeitung. In der Akademie der Künste, deren Mitglied Jungk seit 1990 war, sagt der Direktor der Abteilung Film- und Medienkunst, der Regisseur Peter Lilienthal: „Wir beklagen den Tod von Robert Jungk, Visionär einer besseren Zukunft, Sisyphus der unbegrenzten Verwandlungen von einmal gefassten Grenzen des Denkens.“

Technikkritik und Bürgerbeteiligung, Verweigerung und Gestaltung, das sind die beiden zentralen Handlungslinien im Leben Robert Jungks: die Kritik, vor allem gegenüber der Nukleartechnik in Bomben- und Kraftwerksform, bis hin zum aktiven Protest und Widerstand. Gleichzeitig die Gestaltung einer positiven und nachhaltigen Zukunft durch die Zivilgesellschaft selbst. Jungks Diktum „Betroffene zu Beteiligten machen“ ist heute geflügeltes Wort von Partizipationsansätzen in allen Bereichen.

Rolf Kreibich, Gründer und langjähriger Leiter des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung IZT, sieht „deutliche Spuren von Robert Jungk im breiten Spektrum der Bürgerbewegungen in unserer Stadt“. Dies gelte für die Antiatombewegung genauso wie für die aktiven Gruppen und Netzwerke gegen Ressourcenverschwendung, Klimawandel, wachsende soziale Ungleichgewichte oder Fremdenfeindlichkeit. „Robert Jungk und die Vielen, die in seinem Sinne aktiv geworden sind, haben tatsächlich ein Menschenbeben ausgelöst, das kein Parlament und keine Regierung mehr ignorieren kann.“ Gerade Berlin habe sich zu „einem Zentrum der Bürgerbewegungen und des zivilgesellschaftlichen Engagements entwickelt“, sagt Kreibich.

■ Robert Jungk wird am 11. Mai 1913 in Berlin als Sohn des jüdischen Theaterehepaars Baum geboren. Er flieht 1933 vor den Nazis ins Ausland, wo er unter anderem in Paris und Zürich als Journalist arbeitet. Nach dem Krieg geht er in die USA, wo er die Themen Wissenschaft und Atomtechnik entdeckt. Er schreibt die Bestseller „Die Zukunft hat schon begonnen“ (1952) und „Heller als tausend Sonnen“ (1956).

■ Zurück in Deutschland engagiert er sich in der Ostermarsch-Bewegung gegen Atomrüstung und wird Mitbegründer der Zukunftsforschung. Sein Buch „Der Atomstaat“ (1977) wird zur Bibel der Anti-AKW-Bewegung. Später legt er den Schwerpunkt auf „Zukunftswerkstätten“, in denen Bürger zur praktischen Veränderung angeleitet werden.

■ 1986 wird die Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg gegründet, im gleichen Jahr erhält er den Alternativen Nobelpreis in Stockholm. Am 14. Juli 1994 stirbt Robert Jungk in Salzburg.

Der Leiter der Robert-Jungk-Bibliothek in Salzburg Walter Spielmann sieht sogar im Ausgang des Volksentscheids kürzlich zum Tempelhofer Feld eine Spätwirkung des Zukunftsforschers: „Die Art und Weise, wie Berlinerinnen und Berliner das Areal des ehemaligen Flughafens Tempelhof für sich entdeckt und in Besitz genommen haben, entspricht einem zentralen Anliegen Robert Jungks, dem es vor allem auch darum ging, urbane Räume zu öffnen, um Orte der Begegnung und des kreativen Austauschs zu ermöglichen“, sagt Spielmann gegenüber der taz. „Wenn nun an einem ursprünglich der Überwindung von Entfernungen gewidmeten Ort sich kreatives Miteinander, gemeinschaftliches Gestalten in vielfältigster Form ereignet, dann ist das ein Beispiel dafür, wie Menschen darangehen, ursprünglich entfremdete Räume wieder für sich zu entdecken“, meint Spielmann. „Das hätte Robert Jungk ganz besonders gefallen.“

Die sanfte Technologie

Die meisten und gerade die relevanten Wirkungen sind indes ohne unmittelbare Kausalität, sondern entfalten sich auf Umwegen, „um die Ecke“. Der Berliner Ingenieur Rolf-Peter Owsianowski, der in seinem Berufsleben Technologien für Entwicklungsländer entwickelte, war Anfang der 70er Jahre begeisterter Zuhörer der Vorlesungen Robert Jungks in der Technischen Universität Berlin. Jungk ist es auch, der der Gruppe von sechs jungen Ingenieuren der „Interdisziplinären Projektgruppe für Angepasste Technologie“ (Ipat) vorschlägt, ein Buch über umweltfreundliche „sanfte“ Technologien zu schreiben. Die Publikation „Der sanfte Weg“ wird sofort zum Kultbuch der Alternativtechnik. Owsianowski: „In der Ipat begann, was wir heute Erneuerbare Energie nennen.“

In den Räumen der TU Berlin basteln die Jungtechniker die ersten Biogasanlagen, Windräder und Solarthermiklösungen. „Keiner von uns ahnte, dass die erste Biogasanlage der Ipat, die 1975 auf der Hannover-Messe ausgestellt wurde, den Vorläufer der heutigen Biogastechnologie markieren würde. Unsere Gruppe ist eigentlich die erfolgreichste Umsetzung der Vorstellungen, die Robert Jungk für den Bereich Technik und Gesellschaft hatte“, bilanziert Ingenieur Owsianowski. „Der Weg endet nämlich direkt in der Energiewende.“

Bei der Etablierung der Zukunftsforschung als akademisches Fach Ende der 60er Jahre spielt Robert Jungk eine wichtige – und auch umstrittene – Rolle. Der Versuch Rolf Kreibichs, der in der rebellischen Phase der Freien Universität Berlin zum Universitätspräsidenten gewählt worden war, Robert Jungk dort eine Professur für Zukunftsforschung zu verschaffen, scheitert an einer Blockade-Allianz von Konservativen und Ultralinken. Die Technische Universität springt ein, wo Jungk bis 1974 Vorlesungen als Honararprofessor hält. Im Lehrkörper aber ist er wenig integriert. Wegen seines interdisziplinären Ansatzes gilt er unter den Kollegen als „der horizontale Professor“. Mit Jungks Abschied verwaist die universitäre Zukunftsforschung in Berlin für viele Jahre.

Die Robert-Jungk-Schule

Überhaupt scheinen Robert Jungks Berliner Spuren im Bereich Bildung und Wissenschaft weniger markant. „Die Welt kann verändert werden, Zukunft ist kein Schicksal“ ist das Motto der Robert-Jungk-Oberschule im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Seit 1999 trägt sie den Namen des Zukunftsforschers. Robert Jungk, heißt es auf der Webseite der Schule, „kann für junge Menschen auch heute noch Vorbild sein in seinem Glauben, dass jeder Einzelne seinen tatkräftigen Beitrag zur Gestaltung der Zukunft leisten kann, um die Erde auch noch für kommende Generationen zu bewahren.“

Schulleiter Thomas Knaack räumt allerdings ein, dass im Unterricht keine besonderen Schwerpunkte etabliert sind, die mit dem Namensgeber in Verbindung stehen. „Wir haben seit einigen Jahren ein Wahlpflichtfach Erneuerbare Energien“, erklärt der Direktor, und für ihr Öko-Engagement sei die Schule vor zwei Jahren als eine der „Berliner Klimaschulen“ ausgezeichnet worden. Auch komme das Thema „Zukunft“ punktuell in unterschiedlichen Fächern vor. Das Jungk’sche Instrument der Zukunftswerkstätten aber wurde in der Robert-Jungk-Schule schon länger nicht eingesetzt. Knaack: „Das ist bei uns keine gelebte Tradition.“