Eine Stadt setzt auf die Schiene

Über zehn Jahre ist nach Aurich kein Zug gefahren. Dann boten Unternehmen Millionen für die Reaktivierung der Strecke. Inzwischen gilt der Bahnanschluss vielen als die „Zukunft Ostfrieslands“

Die Bahn galt lange nichts in der Ostfriesen-Metropole Aurich. Man wollte die Bundesstraße ausbauen. Eine dritte Spur, für Linksabbieger, damit der stockende Verkehr auf der Hauptachse nach Aurich wieder ins Fließen kommt. Die Gleise längs der Straße sollten dafür weichen.

Nur noch die Älteren in Aurich können sich an die Kleinbahn erinnern, die einst nach Wittund, Esens, Benserstiel und Leer fuhr. Der letzte Fahrgast aus Richtung Emden stieg irgendwann in den 60ern im Bahnhof Aurich aus. Der Bahnhof wurde Gymnasium, die Gleise zum Parkplatz. Man fährt Auto und Lkw in Aurich. Was sonst?

Doch in einem Jahr soll sich das wieder ändern. Vom „Anschluss Ostfrieslands ans nationale und internationale Schienennetz und an den Hafen Emden“, schwärmt Theodor Robbers, Betriebsleiter der Eisenbahnbetriebsgesellschaft Aurich-Emden (EAE). Derzeit lässt er die Strecke runderneuern.

Dass es so weit kam, ist auch die Schuld von Enercon. Der drittgrößte Windkraftanlagenhersteller der Welt und einer der größten Arbeitgeber der Region ist mit seinen Flügeln und Getriebekabinen zugleich ein Großauftraggeber für Schwertransporte – bislang alles per Straße. Ein paar Schritte nur sind es vom Haupttor der Fabrik zur Schiene, zwei Millionen Euro legte Enercon auf den Tisch. Für die Wiederinbetriebnahme der Schiene. Andernfalls, so die Ansage, müsse man künftig woanders investieren.

Die gut sechs Millionen Euro, die das Land Niedersachsen, der Landkreis und die Stadt Aurich in die Reaktivierung der Strecke investieren, hält Robbers für gut angelegtes Geld. „Der Gleisanschluss ist ein ganz wesentlicher Baustein für die gewerbliche Zukunft Aurichs“, sagt er. Aurich, prophezeit er, werde mit dem Anschluss gegen Standortkonkurrenten punkten.

Enercon ist nicht das einzige Unternehmen, das Geld für die Schiene gegeben hat. Auch ein Betonfabrikant aus Tannenhausen zählt dazu, der Dutzende von Lkw-Fahrten täglich zu ersetzen hofft. Darüber hinaus liebäugeln mehrere Autohändler mit der Bahn. Und in einem Gewerbegebiet hat Robbers bereits „riesiges Interesse“ für einen eigenen Anschluss an die Bahnstrecke ausgemacht. Zwar könne man die Details der Wirtschaftlichkeitsberechnungen nicht öffentlich machen, weil darin „streng vertrauliche“ Unternehmensdaten enthalten seien – etwa über die geplanten Transportmengen. Die EAE, verspricht er aber, werde „von Anfang an schwarze Zahlen“ schreiben und die einmal sanierte Strecke ab 2008 ohne jeden öffentlichen Zuschuss betreiben.

Der Bund der Steuerzahler Niedersachsen und Bremen e. V. ist da skeptisch. Land wie EAE seien bisher den Beweis der Wirtschaftlichkeit der Strecken-Reaktivierung schuldig geblieben, es bestehe der Verdacht, dass die Investition „gegen den Grundsatz von Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit verstößt“, kritisiert Sprecher Christian Plock. Der Bund der Steuerzahler hat inzwischen den Landesrechnungshof eingeschaltet.

Andere denken längst über den bloßen Güterverkehr hinaus. Aurich mit seinen 40.000 Einwohnern brauche einen Personenverkehrs-Bahnanschluss, sagt Kai-Dieter Hoop von Verein „Aurich – ran an die Bahn“. 75 Mitglieder zählt der Verein, bei Infoständen bekomme man „eine Menge positive Resonanz“. Zum feierlich zelebrierten „ersten Spatenstich“ für die Wiederinbetriebnahme der Bahnstrecke kamen Hunderte.

Jetzt wird die Bundesstraße trotzdem ausgebaut, die Abbiegerspur kommt auf die Gleise und die Gleise in die Vorgärten. Öffentlich will sich, von den Grünen abgesehen, zwar noch kein Politiker in Aurich zum Schienenpersonennahverkehr bekennen. Auf einer Informationsveranstaltung zum geplanten Bau einer Umgehungsstraße wagte Bürgermeister Heinz-Werner Windhorst jedoch einen ersten Schritt. Irgendwann, räumte er ein, müsse man sich auch wieder Gedanken über einen Personenbahnhof machen. Zumindest in „langfristiger“ Perspektive.