Lasst uns also uncool sein

von ROBERT MISIK

Die Revolte griff „Ordnungsgeist und Pflichtethik an, rückte die gerade erst wiedererstarkten Institutionen erneut in ein Zwielicht, attackierte bürgerliche Lebensformen, die Ehe, die Familie, den Karrierewillen, aber auch Kirchen, Parteien, Staat, Unternehmen, bürgerliche Kulturformen“, erklärt der Verfassungsrichter Udo Di Fabio. Gewalt war an der Tagesordnung, die Jugend hatte sich totalitären Ideologien ergeben. Man hatte sich, so Di Fabios Lamento in seinem neurechten Pamphlet „Die Kultur der Freiheit“, „an die Verächtlichmachung des christlichen Bekenntnisses, an die Verhöhnung des Papstes, an die Beschimpfung der Familie und die Beschmutzung nationaler Symbole“ gewöhnen müssen.

„Muss eine schlimme Zeit gewesen sein damals“, resümiert Christian Rickens lakonisch in seinem eben erschienenen Konterpamphlet „Die neuen Spießer“.

Aber was heißt „damals“? Aus Perspektive der Apologeten von Neo-Bürgerlichkeit und coolem Neu-Rechtstum sind die dunklen Jahre nicht vorbei. Bis heute haben sie das geistige Klima im Land vergiftet, diese 68er, und die Kräfte der Gesellschaft geschwächt. Ob sinkende Geburtenraten, orientierungslose Jugendliche, schrankenloser Hedonismus, feministische Zerstörung der Mutterschaft, ob antriebslose Arbeitslose, Computerspiele, Konsumwahn, Werteverfall, Pisa-Katastrophe und Budgetdefizit – die 68er sind irgendwie an allem schuld. So jedenfalls ist der Sound, der aus der schrägen Phalanx dringt, die die seltsamsten Zeitgenossen vereinigt: Vom spießigen Verfassungsrichter Di Fabio bis zum krausen Spiegel-Matussek, vom Maskulinismus-Professor Norbert Bolz („Die Helden der Familie“) bis zum Fernsehprediger Peter Hahne, von „Tagesschau“-Eva bis zu biederen Christdemokraten wie den Politikprofessor Gerd Langguth („Rudi Dutschke stand für Gewalt“). Die sind sich einig: Dass im Bus niemand mehr für Oma aufsteht, haben wir den 68ern zu verdanken.

Doch, Gott sei Dank, jetzt gehen die düsteren Jahre wieder zu Ende. Anstand, Familie und Tischgebet kehren zurück. „Während man vor kurzem noch die Augenbrauen hochzog und der Geruch des 19. Jahrhunderts in der Luft zu liegen schien, wenn ein Politiker das Wort ‚Familie‘ in den Mund nahm, hat dieses Thema, hat die Wertschätzung der Familie, der Elternschaft und Kindererziehung im Nu einen ganz neuen Klang bekommen“, gibt sich Paul Nolte glückserfüllt, Deutschlands smartester Neokon.

Die 68er haben keine gute Nachrede. Für die Propagandisten der Neuen Bürgerlichkeit sind sie der liebste Popanz. Aber auch jenseits hartleibiger Konservativer haben die 68er keinen allzu guten Ruf mehr. Denn die Verbiesterung der Rechten hat auf linksliberaler Seite kaum mehr eine Entsprechung (man könnte hinzufügen: und das ist gut so). Dass eine Gesellschaft ein komplexes Ding ist und deshalb auch der gesellschaftliche Aufbruch der Sechzigerjahre manche unintendierten Resultate zeitigte – wer möchte das bestreiten? Man wollte den Muff wegblasen und glaubte, dann käme der Kapitalismus in Bedrängnis und der neue Mensch würde entstehen, dabei kam nur eine neue, avanciertere Variante des Lifestylekapitalismus heraus. Freier, liberaler, exzentrischer zwar als die pausbäckige „formierte Gesellschaft“ der Fünfzigerjahre, aber eben mit neuen Problemen. Das Pathos, die Unbedingtheit, die Wir-bauen-eine-neue-Gesellschaft-Gewissheit, all das haben die 68er und die ihnen nachfolgenden linken Generationen schon selbst verloren – dafür brauchten sie keine „neuen Bürgerlichen“. „Altachtundsechziger“ haben die 68er zum Schimpfwort gemacht, und damit jene gemeint, die immer noch lange Haare trugen, nachdem sie ihre abgeschnitten hatten. Was damit freilich einherging, ist eine Geringschätzung des selbst Erreichten. Dass das „Scheitern“ von 68 eine jener Formen des „erfolgreichen Scheiterns“ ist, wie es in der Geschichte gar nicht selten vorkommt, konnte da schon mal aus dem Blickfeld rutschen. Deshalb wird den Versuchen der Neokons, das Rad zurückzudrehen, gelegentlich auch mit allzu sanfter Nonchalance begegnet.

Zumal wir ja alle wissen, dass das Rad nicht zurückzudrehen ist. Schon der Hype um die „neue Bürgerlichkeit“ ist selbst ein Dementi der alten Bürgerlichkeit. Er gedeiht gerade auf dem Boden prächtig, den die nachholende Liberalisierung der Bundesrepublik bereitet hat. Man beschwört nicht mehr die Bürgerlichkeit, um im Konformismus aufzugehen, sondern um sich vom Mainstream abzusetzen. Die konservative Publizistik kopiert regelrecht die Gesten der antiautoritären Revolte, den rebellischen Habitus. Im Lifestylekapitalismus, in dem aus jedem Lebensstil ein Marktsegment wurde, verspricht es „einen Distinktionsgewinn, wieder bürgerlich zu werden“, formulierte Diederich Diederichsen. Man glaubt, etwas ganz Verbotenes zu tun, indem man sich als Bürger gibt. Das erklärt, warum so notorisch Aufmerksamkeit heischende und peinlich gefallsüchtige Typen wie Matussek, Broder, Bolz & Co. beim 68er-Bashing so freudig mittun.

Die 68er waren 68 cool. Und weil das lange her ist, sind sie heute uncool, weshalb es heute wiederum cool ist, gegen die 68er zu sein und für das, wogegen die 68er waren. Got it? Ein ziemlich simpler Sachverhalt. Wenn jeder, der ein Rad ab hat, schon schräg ist, dann gilt irgendwann sogar auch Peter Hahne als cool. Konterrevolutionen sehen anders aus.

Aber vielleicht sehen sie heute auch gerade so aus. Die krausen Thesen und Diskurse sind zwar von Entertainment oft kaum mehr unterscheidbar, nur bedeutet das leider nicht, dass sie real wirkungslos sind. Sie verschieben das, was als sagbar und vorstellbar gilt und was als unvorstellbar gilt. Wer Witze über die Schwachen macht, der ist nicht nur ein mutiger Provokateur im Angesicht der Political Correctness, er verändert auch die Vorstellungen, die eine Gesellschaft von Solidarität hat. Wer darauf leise hinweist, ist uncool – wie die 68er.

Lasst uns also uncool sein. Denn es gibt ein paar langweilige Wahrheiten, die sollten nicht vergessen werden. Spießer sind die Pest, auch wenn sie sich als schräge Dandys oder heroische Uneinverstandene geben. 68 hat nicht alles gut, aber vieles besser gemacht. „Dass die CDU eine Frau als Kanzlerkandidatin und die FDP einen Homosexuellen als Vorsitzenden haben können, wäre ohne die 68er niemals möglich gewesen“, erklärte weiland Daniel Cohn-Bendit. Gesellschaftliche Fehlentwicklungen werden nicht durch den Appell an Anstand und Sittlichkeit behoben, sondern durch gesellschaftliches Handeln. Am Geburtenrückgang ist nicht der Feminismus schuld, sondern der Mangel an Kinderbetreuungseinrichtungen und sozialen Diensten. Die Pisa-Katastrophe hat ihre Ursache in der sich verschärfenden Ungleichheit und in dem Umstand, dass sich die Schulen immer mehr in Schulen für das A-Team und solche für die B-Teams differenzieren. Das Entstehen einer neuen Unterklasse ist Ergebnis dessen, dass nicht genug in die Talente der Menschen investiert wird. Die Krise der sozialen Sicherungssysteme, auch der Rentenkassen, ist eine Folge davon. Die Integrationspolitik laboriert nicht an zu vielen Ausländern, sondern an zu wenig Chancen für Migranten. 68 hat die Fenster nicht zu weit aufgestoßen, es hat sie zu wenig weit aufgestoßen. Kurzum: Es gibt kein gesellschaftliches Problem, das nicht gelöst werden könnte, würde man auf diese Ratschläge hören. Mehr Anstand, mehr Kirche, mehr Sittlichkeit gehören nicht zu diesen Ratschlägen.

Und weil wir schon so schön uncool sind: Das einzige wirkliche Problem, das die 68er den Nachgeborenen hinterlassen haben, ist die knifflige Frage, wie man rebelliert, wenn es ein solch erdrückendes Modell für das Rebellischsein gibt und wenn der Rebellengestus derart in den allgemeinen Zeichenfundus eingegangen ist wie in den vergangenen 30 Jahren. Wie protestiert man da, womöglich sogar gegen „die Alten“? Skurrilerweise setzen die neurechten Apologeten gerade auf den Generationskonflikt, wenn er nur eine Rebellion für den Konformismus nach sich zöge. „Die Eltern unserer Jugendlichen“, schwärmte Kardinal Joachim Meisner anlässlich des jüngsten Kirchentags, „sind ja meist 68er. Und dagegen rebellieren die Jugendlichen“. Ja, wenn das so ist und man deswegen jetzt die christlichen Tugenden hochhält, warum nicht mit einer der wichtigsten beginnen: Du sollst Vater und Mutter ehren.

Lasst uns also die 68er ehren. Die haben bestimmt viel Blödsinn gemacht, sind aber die besten Vorfahren, die sich denken lassen. Nicht ihretwillen, unsertwillen sollten wir sie ehren. Deswegen ist es auch wichtig, für die Umbenennung der Koch- in Rudi-Dutschke-Straße zu stimmen. Dutschke braucht diese Straße nicht. Wir brauchen sie, als Zeichen gegen die neuen Spießer.