Königin der Contenance

„Die Queen“ von Stephen Frears handelt von den Tagen im September 1997, die auf Prinzessin Dianas Unfalltod folgen. Tony Blair mischt sich unters Volk, Königin Elisabeth bleibt reserviert. Ist das Hochnäsigkeit? Oder noble Zurückhaltung angesichts der Hysterie in der Mediengesellschaft?

von ANKE LEWEKE

Vor Jahren entdeckte ich auf dem Flohmarkt ein zerfleddertes Exemplar einer britischen Boulevardzeitung aus dem Jahr 1938. Auf dem Titel sieht man König George VI. beim Reitausflug mit seinen beiden Töchtern Margaret und Elisabeth. Auf ihrem Schimmel wirkt die zwölfjährige Thronerbin Elisabeth wie ein kecker Teenie mit ungezähmten Locken. Unerschrocken blickt sie in die Kamera, als könne sie ihrem Vater jeden Augenblick davongaloppieren. Ich musste diese Zeitung einfach kaufen, weil sie das Bild vor der Bildwerdung, vor der endgültigen Erstarrung zeigt.

Mit genau der gegenläufigen Bewegung beginnt Stephen Frears’ Film „Die Queen“. Die Kamera, so denkt man, zeigt ein Gemälde, auf dem wir die Queen im zeremoniellen Hermelingewand mit Krone sehen. Von den königlichen Schuhspitzen gleitet sie bis zum huldvoll dreinblickenden Gesicht. Und plötzlich zwinkert uns ihre Majestät ganz unköniglich zu. Kurz darauf sehen wir die Queen im Bett in Buckingham Palace. Oder besser: ihre Stirn, die sich entnervt runzelt, weil ein Dudelsackspieler sie aus dem Schlaf reißt. Frears will die Erstarrung lösen, das Bild wieder verflüssigen. Er sucht die Frau, die seit mehr als einem halben Jahrhundert unter der Krone verschwunden ist. Und damit auch das Mädchen, das vor fast 70 Jahren noch unbekümmert mit seinem Vater durch einen Park trabte.

Zunächst mag es verwundern, dass ein erklärter Linker wie Stephen Frears einen durchaus von Sympathie getragenen Film über die englische Königin gedreht hat. Aber „Die Queen“ ist eben nicht nur ein Film über die Queen. Es geht um unser Verhältnis zu Traditionen und Institutionen. Um die Mediengesellschaft und ihre Hysterie. Und um die paradoxe Situation, dass ein von Gottes Gnaden inthronisiertes und doch von Volkes Unterstützung abhängiges Staatsoberhaupt sich gegen den Personenkult der Moderne stemmt.

Frears’ Film zeigt die britische Monarchie in der Zeit ihrer größten Krise: Am 1. September 1997 stirbt Prinzessin Diana in Paris bei einem Autounfall. In ihrem schottischen Feriendomizil, hinter den dicken Mauern von Schloss Balmoral, verfolgt die Royal Family gebannt die Fernsehnachrichten. Prinz Charles will sofort nach Paris fliegen. Seine Mutter protestiert energisch, weil die bereits von Charles geschiedene Diana kein Mitglied der königlichen Familie mehr sei. Der Disput führt geradewegs zum Kern des Konflikts. Für die Queen ist Dianas Tod eine Privatangelegenheit. Für die britische Öffentlichkeit wird er zum Auslöser einer nationalen Trauerhysterie.

In Frears’ Film spielt Helen Mirren die Königin als Verkörperung einer Tradition, die die Mechanismen der Mediengesellschaft nicht ganz zu Unrecht als vulgär empfindet. Wie verloren wirkt ihre Elisabeth zwischen einem monarchischen Selbstbild, das noch aus viktorianischen Zeiten stammt, und einer Boulevardzeitungslogik, die öffentliche Trauerbekundungen und Halbmast am Buckingham Palace fordert. Man sieht dieser Königin die Last des Protokolls, die jahrzehntelange Routine des Repräsentierens an. Die Queen, das ist eine Person, die geradezu eins geworden ist mit ihrer Funktion und einem unerschütterlichen Pflichtgefühl, das sie seit Jahrzehnten von Staatsbesuchen zu Kürbiszüchterfesten und Kindergarteneröffnungen tingeln lässt.

In beiläufigen Alltagssituationen lassen Stephen Frears und der Drehbuchautor Peter Morgan den Menschen unter der Krone durchscheinen. Dabei maßen sie sich nicht an, ausbeuterisch zu spekulieren oder gar Satirisches zu erfinden. Beim einsamen Wandern durch die schottischen Wälder sieht Helen Mirren in dicken Strümpfen, unmodischem Kopftuch mit ihren Corgies (breitgetretenen Hundewürsten auf Beinen) wie ein Abbild der Queen aus. Und so sehr Mirren auch eins mit der Rolle ist, so steht sie doch immer wieder neben ihrer Figur und beobachtet sie mit leiser Ironie. Etwa wenn sie während ihres Spaziergangs einen Hirsch mit stolzem Geweih trifft und ganz ergriffen von seiner Schönheit ist. Mit einem Taschentuch versucht sie fast mädchenhaft aufgeregt, ihn zu verscheuchen, denn schon hört man den schießwütigen Prinz Philipp herannahen.

Die Queen vom Thron holen und sie doch darauf sitzen lassen – das ist die Bewegung, die dieser Film immer wieder vollzieht. Mit wem man es hier eigentlich zu tun bekommt, lässt uns vor allem der nervöse Premierminister Tony Blair wissen. Bei seinem Antrittsbesuch nach dem Wahlgewinn vergisst er vor lauter Aufregung das Protokoll. Wie eine Souffleuse sagt ihm die Queen den Text vor. Und zieht mit leicht pikierter Miene schnell ihre Hand zurück, damit er sie vor lauter Überschwang nicht küsst.

Ausgerechnet Blair, der Meister des Image-Kalküls, wird in Frears’ Film zum Vermittler zwischen Volk und Königin. Die Beziehung zwischen dem Labour- Premier und seinem Staatsoberhaupt bildet das Rückgrat des Films. Blair, der Medienpremier, kann der Königin seinen tiefen Respekt und seine Bewunderung nicht versagen. Vielleicht, weil niemand besser als er erkennen kann, dass in der königlichen Abwehr gegen jede Form des Populismus auch eine Größe liegt. So ist „Die Queen“ nicht zuletzt auch ein Statement gegen eine Medienwelt, die Gefühle und Gefühlsbekenntnisse an der Boulevardbörse verramscht.

Man wird durch diesen Film nicht zum Royalisten. Aber man kann sich der Sympathie nicht erwehren für eine Queen, die sich nur einmal und unter großem Druck dieser Mediengesellschaft beugte. Wohl wissend, dass eine Königin, die mit allen Mitteln und um jeden Preis versuchen würde, auch die Königin der Herzen zu sein, ihre Daseinsberechtigung verraten und wahrscheinlich bald mit der Monarchie im Orkus der Geschichte verschwinden würde.

„The Queen“, Regie: Stephen Frears. Mit Helen Mirren, Michael Sheen u. a., Großbritannien/Frankreich/Italien 2006, 97 Min.