Die Ästhetik der politischen Selbstgefälligkeit

KINO Afshin Ghaffarian, ein iranischer Tänzer, muss 2009 ins Exil gehen. Richard Raymonds Spielfilm „Wüstentänzer“ erzählt seine Geschichte – mit allen Mitteln der Räuberpistole. Was dabei herauskommt, ist eine Lehrstunde in Westliche-Werte-Kitsch

VON MATTHIAS DELL

Zu den Neuerungen im Genre der „Basierend auf einer wahren Geschichte“-Verfilmung gehört der Cameo-Auftritt der Story stiftenden Realfigur am Ende. Pepe Danquart schnitt für das Finale von „Lauf Junge lauf“ von den polnischen Wäldern unter deutscher Besatzung auf den Strand vor Tel Aviv heute um, wo Freizeit-Footage der Familie Fridman das Überleben des Jungen bezeugt, von dem der Film handelt.

Richard Raymonds Film „Wüstentänzer“ über einen exilierten iranischen Choreografen geht nun so aus, dass der echte Afshin Ghaffarian nach ein paar Informationsinserts auf die erwartungsfroh am Seine-Ufer postierte Kamera zuläuft und oben rechts leicht an ihr vorbeischaut. Was der milde Blick, gepaart mit dem Hinweis, Ghaffarian wolle eines Tages aus Paris in seine Heimat zurückkehren, sagt, ist relativ offen; die Haltung des Films zu seinem Protagonisten damit allerdings ganz gut beschrieben.

Denn „Wüstentänzer“ führt ein eigentümliches Paradox vor Augen: Der Film gibt vor, eine „wahre Geschichte“ zu erzählen, tut das aber mit den Mitteln der Räuberpistole. Ghaffarian hatte entgegen der rigiden Körperpolitik in Ahmadinedschads Iran Tanz geprobt und aufgeführt, weshalb er nach Protest, Gefängnis und Folter schließlich ins Pariser Exil gehen musste. Anstatt anhand dieser Geschichte zu erfahren, wie das Leben in den Nischen eines repressiven Regimes funktioniert und wo die Grenzen der Freiheit verlaufen, wenn Öffentlichkeit sich informell organisieren muss, etikettiert Raymonds Film den Widerstand Ghaffarians selbstergriffen um zur Lehrstunde in Westliche-Werte-Kitsch.

Schon der Auftakt will Missverständnisse ausschließen: In einer Vorausblende wird der erwachsene Ghaffarian (Reece Ritchie) in lustvoller Zeitlupe am Boden liegend verprügelt. Im nächsten Bild zeigt die Mutter ihm als kleinem Jungen auf dem Markt, wer einst daran schuld gewesen sein wird: die Moralpolizei. So kann man sich leicht die Tapferkeit ausrechnen, die es bedeutet, trotzdem gegen das Regime zu sein.

„Wüstentänzer“ lässt noch weitere Schlüsse zu. So könnte man aus der britischen Produktion die Formel einer Ästhetik der politischen Selbstgefälligkeit ableiten. Sie lautet: Je stärker man von der moralischen Richtigkeit des eigenen Tuns überzeugt ist, desto weniger muss man sich um erzählerische Finesse mühen.

Raymond reiht seine dürftigen Szenen aneinander in der Gewissheit, dass die Zuschauerin ja schon wissen wird, wie schlimm das alles ist: Der kleine Afshin macht vor der Klasse den Moonwalk, das strenge Lehrergesicht erscheint in der Tür und in der nächsten Szene werden die blutigen Hände vorgezeigt – das ist das Reiz-Reaktions-Schema, in dem sich „Wüstentänzer“ genügt. Als künstlerische Putztruppe steht die Musik bereit, die mal hoffnungsvoll die Saiten zupft, dann wieder dramatisch sich in Streichern wälzt und Coldplay für das Rendezvous auflegt.

Am interessantesten ist aber, wie der Grobholzschnitzer Raymond aus einem politischen Konflikt in Iran eine künstlerische Selbstverwirklichungserzählung zimmert, die im Westen problemlos als Lebe-deinen-Traum-Ideologie verstanden werden kann. Nurejew als Vorbildfigur, die via YouTube studiert wird, könnte genauso Apples einstiger „Think different“-Kampagne entstiegen sein, so wie der Hinweis der leider drogensüchtigen Partnerin Elaheh (Freida Pinto), dass Tanz alles sein kann, wenn man nur dran glaubt, aus dem Selbstermannungsdrill der Castingshows stammen könnte.

In seinem Freie-Welt-Fundamentalismus scheut sich „Wüstentänzer“ nicht, Ghaffarians Choreografien als plumpe Polizeistaatstänze zu inszenieren. Höhepunkt ist neben einem körperlich performten Heroin-Entzug bei Elaheh das getanzte Asylgesuch beim Pariser Gastspiel, das von den begleitenden Sicherheitsbeamten nicht abgebrochen werden kann. Man muss nicht an die aktuellen Vorgänge in der Ohlauer Straße denken und die Schwierigkeiten von Solidarität in größter Nähe, um die euphorisch beklatschte Aufenthaltsbewilligung eines durchschnittlich konservativ-westlichen Theaterpublikums als verlogen zu empfinden. Es reicht, in die Gesichter der schlecht inszenierten Komparsen zu schauen, die bis zum Erlösungsstrahlen so leer schauen, wie dieser Film hinter seinem ideologischen Pathosgehuber ist.

■ „Wüstentänzer“, Regie: Richard Raymond. Mit Reece Ritchie, Frei- da Pinto, Großbritannien 2014, 104 Min.