Überirdische Lichtstimmungen

Der Fotograf, der durch die Realität hindurch fotografiert: Peter Woelck müsste für seine großartigen Aufnahmen eigentlich berühmt sein und hoch gehandelt werden. Doch sein Leben beweist, dass es den verkannten Künstler noch immer gibt

Eigentlich müssten diese Fotos berühmt sein und ihr Fotograf Peter Woelck erst recht. Woelcks Foto vom halbfertigen Fernsehturm am Alex zum Beispiel, um den sich ruinöse Altberliner Häuser ducken. Lange standen sie nicht mehr – bald darauf wurden sie für Walter Ulbrichts und Erich Honeckers sozialistisches Utopia, seine begradigten Straßen und sein begradigtes Geschichtsbild abgerissen. Oder das Panoramabild, das durch tausend Lampen aus dem Inneren des Palasts der Republik das gegenüberliegende DDR-Außenministerium ins Visier nimmt – inzwischen auch schon wieder abgerissen. Das sind Bilder vom Aufbau eines Berlin, das zurzeit wieder abgerissen wird.

Oder Woelcks Fotos von Bergarbeitern im Erzgebirge, deren Gesichter selbst dann noch vom Dunkel erzählen, das ihr Leben unter Tage prägt, wenn sie im Winter ihr traditionelles „Fest des Lichts“ feiern. Dann Woelcks humoriges Bild einer Kolonne Leipziger Müllmänner aus den 70er-Jahren, die wie eine Popgruppe vor ihrem Müllauto posieren. Fotografien von ostdeutschen Gegenden, denen schon vor dreißig Jahren anzusehen war, dass der Sozialismus nicht wirklich ein Konzept mit Zukunft war. Und deren Tristesse Woelck trotzdem in nahezu überirdische Lichtstimmungen zu bringen verstand.

So kommt es, dass heruntergekommene Straßen und Plätze in Leipzig, wo Woelck seit 1972 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Fotografie studierte, plötzlich aussehen, als lägen sie irgendwo in Paris oder Florenz. Überhaupt das Licht auf Woelcks Bildern: Besonders intensiv scheint es einem aus den Landschaftsbildern entgegen, die manchmal wirken, als hätte hier Hölderlin höchstpersönlich seine Gedichte in Fotografie übersetzt.

Doch statt in Museen zu hängen oder in teuren Galerien gehandelt zu werden, liegen Woelcks Bilder in einer recht heruntergekommenen Ladenwohnung eines Eckhauses im Prenzlauer Berg. Hier lebt auch Woelck selbst. Und zwar unter Bedingungen, die eines Fotografen seines Formats eigentlich nicht würdig sind. Die großen Scheiben hat er mit seinen Fotos verklebt, was manchmal Vorbeikommende animiert, bei ihm anzuklopfen, um für ein paar Euro einen Ausdruck davon zu kaufen. Im Herbst hatte die Friedrichshainer Kneipe „Filmrisz“ immerhin eine kleine Ausstellung mit Woelcks Leipziger Fotos aus den 70er-Jahren organisiert.

Als hätte Hölderlin höchstpersönlich seine Gedichte in Fotografie übersetztHält sich über Wasser, indem er Dönerspieße für Imbissschautafeln fotografiert

Woelck lebt nur mit einer Unterbrechung in dieser Ladenwohnung in der Kastanienallee – seit er 1982 aus Leipzig nach Berlin zurückgekehrt war, wo er 1946 geboren wurde. Zu der Unterbrechung kam es im berühmten Sommer 1989, als der gut erinnerte Sog, der die DDR schließlich aussaugen sollte, auch ihn erfasste und er in den Westen ging. Wenige Monate später war er wieder zurück.

Damals entstand auch eine bemerkenswerte Fotografie der Kastanienallee. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie auch in den Jahren vorher: klassizistische Fassaden, von den Stuck und Putz bröckelt. Am Straßenrand parken Autos aus DDR-Fabrikation. Man muss schon ganz genau hinsehen, um auf einem der Balkone die Satellitenschüssel zu entdecken. Und mitzubekommen, dass sich ein Epochenwechsel vollzogen hat.

Und Woelck, der in der DDR als Künstler und Lebenskünstler immer durchkam, einer, für den schon ein Stück Wiese – wenn man seinen Fotografien glaubt – das Paradies sein, ein Stück DDR-Landstraße zu unentdeckten Kontinenten führen konnte? Sucht Anschluss an die neue Zeit. Wird Fotoreporter bei der Boulevardzeitung Super, die Hubert Burda 1991 zusammen mit dem australischen Medientycoon Rupert Murdoch gründet. Der jedoch steigt schnell wieder aus, und nach fünfzehn Monaten wird das Blatt eingestellt. Auch Woelck steht von einem Tag auf den anderen auf der Straße und stellt fest, dass es im Kapitalismus für Paradiesvögel wie ihn keinen Artenschutz gibt.

Versuche, in der Werbung Geld zu verdienen, scheitern. Am Ende hält er sich damit über Wasser, dass er Dönerspieße und andere einschlägige Speisen für Imbissschautafeln fotografiert. Privat macht er mit dem für ihn so typischen Blick für Momente, die aus der Zeit gefallen sind, Bilder vom neuen Berlin. Von der Love Parade zum Beispiel, der er im ekstatischen Gewimmel zutiefst intime Momente abtrotzt.

Doch von seiner Fotografie kann er nicht leben. Im Rahmen eines Projekts des Arbeitsamts wird er Fotograf der Obdachlosenzeitung Straßenfeger. Bedingung für die staatliche Unterstützung ist, so wollen es damals die Berliner Sozialhilfe-Richtlinien, seine freiberufliche Tätigkeit aufzugeben. Im Gestrüpp verschiedener Förderungsverordnungen verschlechtert sich seine berufliche Lage immer weiter. Nicht aber seine Fotos: Woelck fotografiert die Obdachlosen mit dem gleichen wachen Blick für Spuren des Lebens, für das Unbeugsame, aber auch das Unglück in jedem Gesicht, der schon seine frühen Fotos von DDR-Proletariern prägt.

„Det ist sozialistischer Realismus“, sagt Woelck lakonisch und schüttelt die hennagefärbten langen Locken, die ihm ein bisschen das Aussehen eines alten Glamrockers geben. Doch das beschreibt die Sache natürlich nur sehr unvollkommen. Denn Woelck fotografiert sozusagen durch die Realität hindurch und richtet sein Objektiv direkt auf die Umstände, die von ihr verborgen werden. Vielleicht aber hat der Zauber von Peter Woelcks Bildern auch damit zu tun, dass hier einer fotografiert, für den sich die Welt nur durch das Kameraobjektiv zum geschlossenen Bild fügt.