Mehr Kinder wagen

Junge Paare, deren Nachwuchs 2007 zur Welt kommt, haben Anspruch auf das neue Elterngeld. Die Mittelschicht freut sich – wer nichts hat, hofft auf einen Geburtstermin 2006. Warum? Ein Überblick

A wie Aufteilen. Eltern können wählen: Entweder sie beziehen das volle Elterngeld für maximal 14 Monate – oder sie lassen sich 28 Monate lang das halbe Elterngeld überweisen.

B wie Besserverdienende. Das Elterngeld markiert einen Gesinnungswandel. Es versteht sich nicht als Förderung für bedürftige Eltern, sondern als Lohnersatz für junge Menschen, die das familienpolitisch Gewünschte tun: Kinder kriegen und sich intensiv um sie kümmern. Wer um eines Babys willen im Beruf zurücksteht, erhält in der Regel 67 Prozent des entfallenden Nettoeinkommens. Der Betrag orientiert sich am Durchschnitt dessen, was das Elternteil in den zwölf Monaten zuvor verdient hat. Wer schon in jungen Jahren im Chefsessel saß, hat folglich auch in der Babypause mehr auf dem Konto. Wer sich mit einer Halbtagsstelle an der Supermarktkasse durchschlägt, muss auch als Mutter mit knappen Mitteln haushalten. Das Elterngeld fördert also vor allem die kinderarme Mittelschicht. Für einen Ausgleich zwischen Arm und Reich sorgt es nicht.

F wie Freiberufler. Sie mögen Rechtsanwältinnen sein oder Musikerinnen oder einer der vielen Jungakademiker, die sich mangels fester Stelle freiberuflich durchs Berufsleben hangeln: Auch Selbständige erhalten Elterngeld. Es orientiert sich an den mittleren Einkünften der vergangenen zwölf Monate. Die Antragsteller ziehen von ihrem Gewinn die Steuern sowie eventuell zu entrichtende Sozialbeiträge ab. Vom Rest wird ihnen 67 Prozent ersetzt. Grundlage der Berechnung ist der Steuerbescheid.

G wie Gerechtigkeit. Der Staat soll nicht nur Geld überweisen, fanden die Initiatoren des Elterngelds. Er soll auch Anreize setzen, um eine deutsche Tradition zu durchbrechen: dass fast nur Mütter um des Kindes willen aus dem Job aussteigen – und Männer allenfalls nach Feierabend am Wickeltisch stehen. Dies soll sich künftig ändern dank eines Konzepts, das sich in Schweden bewährt hat: das der Papamonate. Kümmert sich nur ein Elternteil um das Kind, zahlt der Staat nur 12 Monate lang Elterngeld. Werden mindestens zwei Monate vom anderen Elternteil übernommen, erhöht sich die Bezugsdauer auf 14 Monate. Ansonsten können die Eltern die Monate frei aufteilen. Sie können sie auch gleichzeitig nehmen – etwa wenn sich Mutter und Vater in den Wochen nach der Geburt gemeinsam um den Familienzuwachs kümmern möchten.

G wie Geschwisterbonus. Wer seinen Beitrag gegen eine überalternde Gesellschaft leistet und eine Großfamilie gründet, soll dafür nicht finanziell abgestraft werden, fanden die Entwickler des Elterngelds – und ersannen ein komplexes Modell für folgenden Fall: Eine Frau gebiert mehrere Kinder, und zwar kurz nacheinander. Zwischendrin kehrt sie allenfalls halbtags in den Job zurück. Ihr Elterngeld wird dann anders berechnet. Die Monate, in denen sie für ein älteres Kind Elterngeld bezogen und nichts oder weniger verdient hat, werden bei der Einkommensermittlung nicht mitgezählt. Außerdem wird auf den errechneten Betrag ein „Geschwisterbonus“ aufgeschlagen: Das Elterngeld erhöht sich um 10 Prozent, mindestens aber 75 Euro monatlich. Der Bonus wird bezahlt, solange das ältere Kind noch keine drei Jahre alt ist – oder wenn die Familie drei Kinder unter sechs Jahren hat. Auch nicht erwerbstätige Eltern erhalten den Zuschlag.

H wie Hausfrau. Wer vor der Geburt nicht erwerbstätig war, erhält den Mindestsatz von 300 Euro – die Hausfrau ebenso wie die Studentin oder der ALG-II-Empfänger. Dieser Sockelbetrag wird nicht auf andere Sozialleistungen angerechnet.

K wie Kleinstverdiener. Auch Geringverdiener sollen nicht gar so schlecht dastehen, befanden die Gesetzgeber. Wer vor der Geburt weniger als 1.000 Euro netto nach Hause bringt, bekommt davon mehr als die sonst üblichen 67 Prozent ersetzt. Für jede 20 Euro, die das Einkommen unter 1.000 Euro liegt, steigt die Ersatzrate um 1 Prozent.

K wie Krankheit. Leidet eine Frau unter schwangerschaftsbedingten Beschwerden und kann deshalb weniger arbeiten, mindert das ihr Elterngeld nicht. Die Zeit, in der sie krank war, wird bei der Ermittlung, wie viel Elterngeld ihr zusteht, ausgeklammert.

M wie Mehrlinge. Wer zwei oder mehr Kinder zugleich unterm Herzen trägt, wird die Auswirkungen auch auf dem Konto spüren: Für jeden Mehrling gibt es 300 Euro Elterngeld extra.

N wie Neujahrsbabys. Wer in der Silvesternacht ein Kind gebiert, hat gute Chancen, seine Empfindungen in Zeitungen und TV kundzutun. Ursache des Medieninteresses ist der Stichtag, der das Land in die Zeit vor und nach dem Elterngeld scheidet. Wer noch am Silvestertag entbindet, erhält das alte Erziehungsgeld. Wer erst 2007 so weit ist, bezieht Elterngeld. Bei Gutverdienern kann das einen Unterschied von bis zu 15.000 Euro ausmachen. Entsprechend vieldiskutiert sind Methoden, in den natürlichen Lauf der Dinge einzugreifen. In Interviews warnen Hebammen vor Hausmitteln, die Wehen hinauszögern. Ärzte berichten über Chancen und Risiken eines im Termin verlegten Kaiserschnitts.

O wie Obergrenze. Unbegrenzt Geld vom Staat erhält auch der Großverdiener nicht. Bei 1.800 Euro Elterngeld ist Schluss.

P wie Pflegeeltern. Sie erhalten kein Elterngeld. Den Lebensunterhalt für Kinder, die in Pflegefamilien leben, bestreitet ohnehin das Jugendamt. Für Adoptiveltern hingegen gelten die gleichen Regeln wie für leibliche Eltern. Auch enge Verwandte können unter Umständen Elterngeld erhalten – etwa wenn sie Kinder versorgen, deren Eltern schwerkrank oder schwerstbehindert sind.

R wie Rechner. Seit einigen Tagen ist auf der Homepage des Familienministeriums ein „Elterngeldrechner“ geschaltet. Nach ein paar Klicks erfahren werdende Eltern, wie viel Geld vom Staat sie einplanen können. Die Angaben sind ein Richtwert. Verbindlich beantragen können Mutter oder Vater das Elterngeld erst nach der Geburt des Kindes – und zwar bei den von der jeweiligen Landesregierung für zuständig erklärten Stellen. In Berlin sind dies die Bezirksämter.

S wie Single-Mums. Lange stritt die Koalition, wie mit Alleinerziehenden zu verfahren sei. Sollen sie volle 14 Monate Elterngeld erhalten – auch wenn sie keinen Partner haben, der die „Papamonate“ nehmen könnte? Nun gilt: Alleinerziehende – die ja ohnehin häufiger als Paare von Armut bedroht sind – sollen nicht schlechter dastehen als andere. Auch sie erhalten 14 Monate lang Elterngeld. Das verlängerte Elterngeld gibt es auch, wenn sich ein Elternteil aus objektiven Gründen nicht um den Nachwuchs kümmern kann – etwa weil es schwer krank ist.

S wie Steuern. Vom Elterngeld müssen keine Steuern abgeführt werden. Auf den Betrag werden auch keine Sozialabgaben erhoben.

T wie Teilzeitstelle. Es gibt keinen Zwang, ganztägig zu Hause zu bleiben. Wer Elterngeld bezieht, darf bis zu 30 Stunden pro Woche nebenher arbeiten. Er bekommt dann 67 Prozent des entfallenden Teileinkommens ersetzt. Auch hier gilt: Das Nettogehalt wird höchstens bis zur 1.800-Euro-Grenze aufgestockt. Väter können also auch „Papamonate light“ nehmen – etwa indem sie das Arbeitspensum für ein paar Monate auf 4 bis 6 Stunden pro Tag herunterfahren.

U wie Unternehmenskultur. Wie praxistauglich die Idee der „Papamonate“ ist, muss sich erst noch erweisen. Zwar schätzen laut einem aktuellen „Unternehmensmonitor“ im Auftrag der Regierung drei Viertel der Befragten Familienfreundlichkeit als wichtig für ihren Betrieb ein. Doch vielfach bleibt es bei der Theorie. Noch nehmen gerade einmal 5 Prozent der Väter Elternzeit. Dass sich dies schlagartig ändert, ist nicht zu erwarten – auch weil Väter, die um der Kinder willen das Büro verlassen, stärker als Frauen mit Unverständnis und Spott rechnen müssen.

V wie Verlierer. Eltern, die vor der Geburt nichts verdient haben, stehen mit der alten Regelung vielfach besser da. Ab Januar bekommen sie lediglich 12 bis 14 Monate lang den 300-Euro-Sockelbetrag. Beim jetzigen Erziehungsgeld aber erhalten sie, wenn ihr Gesamteinkommen gewisse Grenzen nicht überschreitet, zwei Jahre lang je 300 Euro pro Monat – oder alternativ 450 Euro für die ersten zwölf Monate. So herrscht in den Kreißsälen in der Silvesternacht gleich doppeltes Bangen: Die einen hoffen, dass der Nachwuchs es noch bis Mitternacht ans Licht der Welt schafft – und die anderen, dass er sich bis zum Neujahrsmorgen Zeit lässt.

Z wie Zukunftsaussichten. Kommt jetzt der Babyboom? Sind Deutschlands Frauen bald gebärfreudig wie seit Jahren nicht mehr? Der Blick ins Elterngeld-erprobte Skandinavien erlaubt keine klare Prognose. Es gibt allerdings Hinweise, dass Elterngeld die Bereitschaft fördert, über das erste Kind hinaus weitere Kinder in die Welt zu setzen. Die Geburtenrate wird das Elterngeld aber nur dann deutlich steigern, wenn Frauen Job und Kind insgesamt leichter vereinbaren können – etwa weil die Väter sich mehr ums Kind kümmern und die Betreuung außer Haus besser organisiert ist.