ENDLICH! DER LESER DES BESTSELLERS SPRICHT ALS GASTAUTOR

Zu Hause ist es am schönsten

Das große Interesse an meiner Person hat mich etwas überrascht. Es hat mir aber, offen gestanden, auch geschmeichelt. Deshalb bin ich nach kurzem Zögern – ich bin kein Mensch des großen Auftritts – doch gern der Einladung nachgekommen, mich Ihnen, gewissermaßen als Gast in dieser Kolumne, vorzustellen. Sie können mich Walter nennen.

Schön, wo soll ich anfangen? Ich bin ungefähr 61 Jahre alt. Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es mir darum geht, mein Leben in vollen Zügen zu genießen, nein. Ich habe da doch andere Prioritäten. Ich gehe auch nicht gern Risiken ein. Als eine Person, die dezidiert das Abenteuer sucht, würde ich mich nicht beschreiben. Daraus ergibt sich weiter, dass ich große und abrupte Veränderungen in meiner Lebensführung nicht schätze. Ich halte mich an alte Gewohnheiten. Entscheidungen treffe ich meist nicht spontan und aus dem Gefühl heraus. Also, wenn ich mir beispielsweise ein Buch kaufe, dann denke ich schon vorher darüber nach.

Als gebildeter Mensch lese ich natürlich sehr gern, sowohl Bücher als auch Zeitschriften. Mich mit dem Computer zu beschäftigen macht mir dagegen weniger Freude. Nein, meine Unterhaltungselektronik ist auch nicht auf dem neuesten Stand. Was ich im Fernsehen oft und mit großem Vergnügen sehe, das sind – Sie werden lachen! – Bauerntheaterstücke. Leider werden für meinen Geschmack zu wenig davon gesendet.

VON ULRICH GUTMAIR

Neue Werte

Das heißt nun aber nicht, dass ich keine Programme finden würde, die mich ansprechen. Zur Unterhaltung sehe ich gern Kabarett und Satire. Ich informiere mich durch Wirtschaftssendungen und politische Magazine. Auch Beiträge aus Wissenschaft und Technik interessieren mich. „Heute“ und „Tagesschau“ sind fester Bestandteil meines Tagesablaufs. Ich glaube, dass Markenartikel besser sind als Produkte mit unbekanntem Namen. Sonderangeboten widme ich beim Einkaufen keine besondere Aufmerksamkeit.

Ich achte auf mein Äußeres, sicher. Das versteht sich von selbst. Aber dass mein Äußeres mir sehr wichtig wäre, möchte ich nicht behaupten. Mit Freunden zusammen zu sein hat für mich keine Priorität. Ich mache weder besonders oft Besuche bei Freunden, noch empfange ich sehr häufig welche. Am wohlsten fühle ich mich zu Haus. Die Sauberkeit meiner Wohnung ist mir daher wichtig. Das Wichtigste im Leben aber ist mir ein harmonisches Privatleben.

In meinem Leben steht beruflicher Erfolg oben auf der Agenda, absolut. Und selbstverständlich habe ich finanziell in ausreichendem Maße für das Alter vorgesorgt. Daher mache ich mir um meine persönliche Zukunft keine Sorgen. Ja sicher, Thilo Sarrazins Buch habe ich mir sofort gekauft. Ich bin zwar nicht der Erste, der bei neuen Trends, der bei jeder neumodischen Erscheinung dabei ist. Aber ich informiere mich doch laufend in den Medien darüber, was los ist. Ich bin schon sehr daran interessiert, zu erfahren, was heutzutage so „in“ ist.

Ich befürchte, Sie halten mich trotzdem für eine etwas blutleere Gestalt. Ich kann es nicht ändern. Es ist, wie es ist. Ich werde mich nicht vor Ihnen rechtfertigen, Ihr Lebensstil ist mir auch nicht besonders sympathisch. Trotzdem, in aller gebotenen Kürze, um mir und der Wahrheit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Der papierne Eindruck, den ich hinterlasse, ergibt sich notwendig aus der Tatsache, dass meine Persönlichkeit eine durchschnittliche ist. Ich bin der statistisch erfasste Leser von „Deutschland schafft sich ab“. Erhoben von der Gesellschaft für Konsumforschung im Auftrag der Süddeutschen Zeitung.

Apropos Zeitung. Eines hätte ich jetzt fast noch vergessen zu sagen: Ihre Zeitung interessiert mich nicht besonders. Gern lese ich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung beim Frühstück. Danach ein ausgiebiger Spaziergang, Mittagessen, Peter Hahne im Zweiten. Das Sonntagnachmittagsprogramm entscheide ich spontan.