„In der Mode bin ich konservativ“

Dorothee Dubrau

Interview UWE RADA

taz: Frau Dubrau, lange nicht gehabt: morgens im Café sitzen, frühstücken, Zeitung lesen.

Dorothee Dubrau: Das ist wirklich schön. Aber auch davor war das „Alibi“ in der Oranienstraße meine Stammkneipe. Hier habe ich mich immer mit vielen Leuten getroffen.

Genießen Sie die neue Freiheit?

Ich habe mich noch nicht daran gewöhnt. Der Abstand ist zu kurz.

Spüren Sie denn nicht auch Erleichterung, den Job los zu sein? Sie waren die dienstälteste Baustadträtin der Hauptstadt, zuerst in Mitte, dann in Prenzlauer Berg, danach wieder in Mitte.

In Wirklichkeit habe ich mich schon vor einem Jahr entschieden, aufzuhören. Nicht dass mir der Job keinen Spaß gemacht hätte. Im Vordergrund stand eher, noch mal etwas anderes zu machen. Mit über 50 muss man sehen, dass man in einen neuen Abschnitt reinkommt. Wer zu lange wartet, für den kann es zu spät sein.

Zwei Berliner Zeitungen haben das Ende Ihrer Amtszeit mit der Schlagzeile kommentiert: Dorothee Dubrau nimmt ihren Hut. Jetzt können Sie es uns verraten: Wen wollten Sie mit Ihren Hüten beeindrucken?

Gar keinen. Der Hut gehört einfach zu mir. Genauso wie die Brille und die großen Ohrringe. Ich habe schon als junges Mädchen Hüte getragen, hatte dann aber leider einen Mann, der sehr klein war und das nicht leiden konnte. Deshalb bin ich jahrelang in flachen Schuhen und unbehütet herumgelaufen. Als ich dann 1993 allein war und nach München fuhr, war eine meiner ersten Handlungen, in ein Hutgeschäft zu gehen und einen Hut zu kaufen.

Ein bürgerliches Accessoire für eine Frau aus dem Osten?

Auch Ostfrauen haben die Mode geliebt. Natürlich wollten wir schön sein, warum nicht mit Hüten? Was hat das mit bürgerlich zu tun?

Vielleicht mit Extravaganz? Das wird Ihnen mitunter ja vorgeworfen. Ist Ihnen der Hut da zur zweiten Haut geworden?

Ja, vielleicht, ein bisschen Extravaganz. Ich hab an der Kunsthochschule studiert. Das interdisziplinäre Arbeiten stand da im Vordergrund. Da waren die Modeleute, die Grafiker, die Bildhauer, die Maler und die Architekten. Natürlich spielte die Mode eine Rolle. Das hat mich wohl geprägt. Außerdem ist mein Großvater Schneider gewesen.

Hat sich auch der ein oder andere Investor einmal über Ihre Hüte geäußert?

Ja, aber eher positiv und charmant.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung als Baustadträtin mit einem Investor?

Ich erinnere mich an die ersten Wochen im Amt. Ich saß in meinem Büro in der Rosa-Luxemburg-Straße, sehr ostig, die ersten Tage noch mit Blümchentapete, die hab ich überstrichen. In dieses Büro kamen die reichen Investoren aus der ganzen Welt und setzten sich mit mir und meinen Damen an den Tisch. Wir waren ja so eine Frauentruppe: Stadtplanungsamtsleiterin Frau Laduch, Denkmalpflegerin Frau Eichler, Finanzstadträtin Frau Bartel, also alles Ostfrauen, noch sehr jung damals. Die Investoren haben sich wohl gedacht: Die Weiber stecken wir in die Tasche, da kriegen wir jedes Projekt durch. Doch dann spürten sie unsere geballte weibliche Kraft, hinter der auch noch eine Vorstellung von Stadtgestaltung herrschte.

Die Grundkonstellation Ihres Amtes war also von Anfang an da: auf der einen Seite der Druck der Investoren, auf der anderen der Gestaltungswille der Baustadträtin und ihrer Mitarbeiterinnen.

So ist es. Wenn die Investoren realisiert hätten, was sie wollten, würde heute vieles ganz anders aussehen. Da waren die irrwitzigsten Sachen dabei.

Zum Beispiel?

Vor allem in der Friedrichstadt meinten alle, die müsste so aussehen, wie in der Leipziger Straße. Das wäre die Auflösung der barocken Stadtstruktur gewesen. Lauter Bürohäuser wollten sie bauen. Es gab auch mal einen japanischen Investor, der wollte die komplette Spandauer Vorstadt kaufen und ein Disneyland draus machen. Ein anderer Investor aus Kanada wollte in der Köpenicker Straße alles wegräumen und da ein Stück Klassizismus nach Schinkel’schem Vorbild hinbauen.

Also hat nicht Senatsbaudirektor Hans Stimmann die Friedrichstadt gerettet, sondern Baustadträtin Dubrau?

Ich war vor Stimmann da. Ich habe im Mai 1990 angefangen, Herr Dr. Stimmann kam zwei Jahre später. Natürlich haben wir in Mitte kein Planwerk Innenstadt gemacht wie Stimmann. Bei uns gingen jeden Tag die Anträge auf Bauvorbescheide über den Schreibtisch. Aber wir haben uns schon im Sommer 1990 zusammengesetzt und diskutiert, was die Grundstruktur für Mitte sein soll. Was wir machen können, um die Quartiere wiederherzustellen. Wie wir die soziale Mischung bewahren. Wie wir die alten Bauhöhen einhalten. Wie wir neben Büros und Kultur auch wieder Wohnungen reinkriegen.

Wie haben die Investoren reagiert, als Sie ihnen diese Grenzen setzten?

Die haben gelacht: Diese Weiber aus dem Osten. Aber wir waren Genehmigungsbehörde. Selbst wenn der Investor von der Treuhand oder dem Land Berlin einen Kaufvertrag hatte, in dem stand, dass er ein Bürohochhaus errichten kann, waren wir letzten Endes diejenigen, die gesagt haben: So geht es nicht.

„Der Hut gehört einfach zu mir. Genauso wie die großen Ohrringe. Ich habe schon als junges Mädchen Hüte getragen, hatte dann aber leider einen Mann, der sehr klein war und das nicht leiden konnte“

An Selbstvertrauen mangelt es Ihnen nicht.

Das muss man haben, sonst braucht man sich nicht in einen solchen Job zu begeben.

Haben Sie sich manchmal als Pionierin gefühlt? Ähnliche Macht hatte im Baugeschehen vor Ihnen selten eine Frau in Deutschland.

Ehrlich gesagt: Dazu hatte ich keine Zeit. Das Tagesgeschäft, der Aufbau der Behörde, die hunderte von Projekten, die innerhalb kürzester Zeit auf den Tisch kamen, die Bürgerversammlungen – das war für den Tagesablauf genug. Das endete nie vor zwei Uhr nachts.

Wann ist Dorothee Dubrau zum ersten Mal als Investitionshindernis bezeichnet worden?

Das ist immer wieder aufgetaucht. Sie können sich vorstellen, wie jemand reagiert, der sein Bürohochhaus nicht bekommt. Aber wenn jemand wie ich in Mitte jährlich 1.000 bis 3.000 Bauvorhaben genehmigt hat, kann man kaum von einem Investitionshindernis sprechen.

Sie waren nun 16 Jahre Baustadträtin. Sie haben vier Kinder. Wie haben sie das gemacht?

Tja, das berühmte kleine Familienunternehmen. Ich hatte Hilfe im Haushalt, eine Tante, die hat ganz viel gemanagt. So konnte ich sicher sein, dass die Kinder ihr Mittagessen bekommen, die Wäsche gewaschen und die Wohnung geputzt wird. Die freie Zeit, die ich hatte, war ganz für die Kinder da. In dieser Zeit war ich zweimal verheiratet, beide Männer haben sich um die Kinder gekümmert. Ein bisschen Familienleben gab es also. Wir haben zusammen gekocht, viele gemeinsame Reisen gemacht und sind oft ins Theater, ins Kino, ins Konzert gegangen. Wenn es nicht anders ging, waren die Kinder auch bei dienstlichen Terminen dabei.

Haben Ihre Kinder Ihnen das später manchmal vorgeworfen?

Bei meiner Tochter war das schwieriger als bei den Söhnen. Sie ist erst mit fünf Jahren als Pflegetochter zu mir gekommen und hat oft gesagt: „Mama, wann kommst du?“ Da war ich oft zum Abendessen zu Hause. Beim Autofahren hab ich mit ihr telefoniert. Bei den drei Jungs war das weniger schwierig. Die haben die Freiheiten genossen und die Möglichkeiten, die sie hatten, genutzt.

Haben Sie sich als Rollenmodell gesehen? Familie und Karriere, alles passt unter Dubraus Hut?

Ich komme aus dem Osten. Da war das völlig normal, Familie und Beruf miteinander zu verbinden. Mein erstes Kind habe ich während des Studiums bekommen. Das war Normalität. Selbst während des Babyjahres habe ich gearbeitet. Nur Windeln zu waschen, das war mir zu langweilig. Insgesamt haben sich meine Kinder alle gut entwickelt. Toi, toi, toi.

Ihr Ältester ist wie Sie Architekt.

Die andern beiden studieren Informatik. Die Kleine wird Köchin.

Wenn Sie sich an die letzten 16 Jahre zurückdenken: Erinnern Sie sich eher an die wichtigen Ereignisse im Beruf oder an die in der Familie?

Es orientieren sich viele Sachen tatsächlich an den Kindern. Da hab ich die bessere Erinnerung. Der Job war wahnsinnig interessant und aufreibend, aber die Kinder waren eine andere Wirklichkeit.

Glauben Sie, Männer würden sich eher an die Ereignisse im Job erinnern?

Kann ich mir vorstellen. Bei Frauen ist die Beziehung zu den Kindern wohl intensiver. Da ist das Verhältnis zwischen Kopf- und Herzerinnerung anders.

Gibt es auch ein weibliches Verständnis von Stadtentwicklungspolitik?

In den Architekturbüros ist es so, dass die Frauen, die sich durchsetzen, nicht anders agieren als die Männer. Teilweise sogar noch härter. Das sind meistens Frauen, die keine Kinder haben. Ich würde die Einteilung also anders vornehmen: Wer Kinder hat, sieht die Stadt vielleicht anders als der, der keine hat.

Als Baustadträtin in Mitte waren Sie auch gegen Würstchenbuden am Pariser Platz und Events am Gendarmenmarkt. Haben Sie auch einen konservativen Zug?

Natürlich. In der Mode bin ich konservativ. In der Stadtentwicklung glaube ich, dass Berlin nicht nur, wie es immer heißt, wird, sondern auch ist. Das heißt, die historische Stadt und einzelne Gebäude, ob es jetzt Denkmal ist oder nicht, haben einen hohen Wert für mich.

Beste Voraussetzungen für den Job einer Stadtbaurätin in München. Für den Job haben Sie sich beworben, den Zuschlag aber nicht erhalten. Warum?

An der fachlichen Qualifikation lag es nicht, das wurde mir bescheinigt. Offenbar störte sich die SPD-Fraktion, die das Vorschlagsrecht hatte, an meiner SED-Vergangenheit.

Sie sind schon vor der Wende aus der SED ausgetreten und waren in Bürgerinitiativen aktiv. Ist denn die Vereinigung 17 Jahre nach dem Fall der Mauer in Bayern noch nicht angekommen?

Das könnte man so interpretieren.

Wenn die Berliner heute durch Mitte gehen: Wo sehen sie die Spuren, die Sie hinterlassen haben?

Am Wohnen in der Innenstadt. Allein in der Rosenthaler Vorstadt steigt die Zahl der Einwohner um 8 Prozent jährlich. Und an den Freiflächen, die ich erhalten und neu geschaffen habe. Berlin-Mitte ist eben keine italienische Kleinstadt, wo man in fünf Minuten am Stadtrand ist. Innerstädtische Grünflächen sind deshalb besonders wichtig.