„Ich werde konsequent weiter gegen rechts arbeiten“

Der vermutlich rechtsextrem motivierte Überfall vom Wochenende hat den 18-jährigen PDS-Politiker Kirill Jermak nur entschlossener gemacht

Dass er selbst so schnell Opfer rechter Gewalt werden würde, damit hat Kirill Jermak nicht gerechnet. Der PDS-Politiker, Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Lichtenberg, saß bloß einmal bei einem Treffen zur Vorbereitung der Gedenkdemonstration für Silvio Meier. Weil sich niemand anderes fand, erklärte sich der 18-Jährige spontan bereit, als Anmelder seinen Namen für die linke Gedenkveranstaltung herzugeben. Seit 14 Jahren erinnern Antifa-Gruppen an den Hausbesetzer Silvio Meier, der 1992 von Neonazis erstochen wurde. Sonntagfrüh, am Morgen nach der Demo, war Jermak das Opfer vermutlich rechter Gewalttäter.

In der Nähe des Bahnhofs Lichtenberg schlugen ihm zwei Männer mit einer Glasflasche so heftig auf den Kopf, dass Jermak auf den Boden stürzte. Kurz darauf ließen die Männer von ihm ab und flüchteten. Der PDS-Politiker musste ambulant im Krankenhaus behandelt werden.

Noch sind die Täter zwar nicht identifiziert. Der Verdacht, dass es sich um Rechtsextremisten handelt, liegt jedoch nahe. Bevor die zwei Männer zuschlugen, hatten sie ihn gefragt, ob er „der Linksfaschist“ sei. Der polizeiliche Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen.

Jermak, der in Chabarowsk im fernöstlichen Russland zur Welt gekommen ist, lebt seit seinem zweiten Lebensjahr mit seinen Eltern in Lichtenberg. Der PDS ist er erst Anfang des Jahres beigetreten. „Es ist die Partei, in der ich die meisten solidarischen Werte wiederfinde“, sagt der 18-Jährige. Sie hat es ihm gedankt: Seit der letzten Wahl sitzt er als jugendpolitischer Sprecher der PDS in der BVV. Aber auch um die Arbeit gegen rechts will er sich kümmern. Parteiintern wird Jermak, der im Frühjahr sein Abitur macht, bereits als Nachfolger des ehemaligen PDS-Mitglieds im Abgeordnetenhaus und Antifa-Politikers Freke Over gehandelt. Over war nach Ablauf der letzten Legislaturperiode nicht mehr angetreten.

Nun steht Jermak in seinem Bezirk viel Arbeit bevor. Denn er ist nicht der erste PDS-Politiker, der dort Opfer von vermutlich rechter Gewalt wurde. Im Frühsommer war an fast gleicher Stelle der kurdischstämmige PDS-Politiker im Abgeordnetenhaus, Giyasettin Sayan, angegriffen worden, nach seinen Aussagen aus fremdenfeindlichen Motiven. Sayan lag tagelang mit schweren Kopfverletzungen im Krankenhaus. Die Täter wurden bis heute nicht gefunden. Vor einigen Wochen hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen mangels Beweisen eingestellt.

Doch Sayan gab nicht auf: Er zog auf eigene Faust los. Zwei Männer habe er in Verdacht, so der 56-Jährige. Den Staatsschutz fordert er nun auf, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Der Weitlingkiez am Bahnhof Lichtenberg ist als Hochburg der Neonazi-Szene bekannt. Doch es sind nicht nur Neonazis, die ihr Unwesen treiben. So saßen gestern mehrere Initiativen gegen rechts an einem Tisch und debattierten über einen Mann aus Mosambik, der in der Weitlingstraße wohnt, sich aber seit Wochen nicht mehr in seine Wohnung traut: Hausbewohner hätten den Mosambikaner bedroht, berichten Teilnehmer.

Auch bei Kirill Jermak sitzt der Schrecken tief. Welche persönlichen Folgen der Übergriff haben wird, könne er noch nicht sagen. Eins aber stehe fest, sagt der junge PDS-Politiker: „Ich werde konsequent weiter gegen rechts arbeiten.“