Skulpturale Träume

Begegnungen zwischen Mensch und Materie: In Wien ist Erwin Wurms umfangreiches Forschungsprojekt zum Begriff der Skulptur zu bestaunen

In seiner Erzählung „Der kleine Prinz“ lässt Antoine de Saint-Exupéry seinen Ichdarsteller von einem künstlerischen Versuch und der damit verbundenen Erfahrung berichten. Er erzählt, wie er als sechsjähriger Junge seine erste Zeichnung von einer Riesenschlange anfertigt, die einen Elefanten verdaut, und von dem Missverständnis, mit dem die „großen Leute“ seinem „Meisterwerk“ begegnen. Die Wirklichkeit in den Dingen zu erkennen, ohne sich von der äußeren Erscheinung beirren zu lassen, diese Aufforderung zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählung Saint-Exupérys, durchgespielt in den verschiedenen Facetten des Zusammenspiels von Bild und Text.

„The artist who swallowed the world“ heißt die aktuelle Ausstellung des österreichischen Künstlers Erwin Wurm im Wiener Museum für Moderne Kunst; ein Titel, der nicht von ungefähr an den Elefanten in der Schlange erinnert, den alle als Hut identifizieren. „Der Künstler, der die Welt verschluckte“ (2006) heißt auch eine Skulptur von Erwin Wurm, die symptomatisch für seinen ganzen Skulpturen-Clan steht. Sie zeigt nicht einfach einen dicken, kugelrunden Mann, wie es scheint, sondern dokumentiert eine vorangegangene Handlung, eine künstlerische Entscheidung – wenn auch von anmaßendem Weltformat.

Die bisher umfassendste Werkschau des 1954 im steirischen Bruck an der Mur geborenen und seit langem in Wien lebenden Künstlers präsentiert das ganze Spektrum seiner Werkpalette. Nahezu 400 Exponate zählt die Ausstellung, angefangen von den frühen Blechskulpturen, die Ende der 80er-Jahre entstanden, und einer Videoarbeit aus dem Jahre 1990 (Untitled /C-A-B/, from 3nd to 2nd dimension), die als programmatisch für Wurms gesamtes Werk bezeichnet werden kann. Der Film dokumentiert, wie eine leere Blechdose so lange mit einem Hammer bearbeitet wird, bis sie platt und deformiert am Boden liegt.

Das Flüchtige und Veränderliche, die Arbeit am Volumen, mit Masse, Materie und Zeit, temporäre Begegnungen des eigenen mit einem fremden Körper und die komplexen Versuchsanordnungen mit physischen Deformationen sind Grundkonstanten in Erwin Wurms Überlegungen zur Skulptur. Die aktuelle Bestandsaufnahme skulpturaler Figurationen reicht von den frühen minimalistischen Werken, wie den nahe an der Wahrnehmungsgrenze angesiedelten Staubarbeiten, bis zu den jüngsten, meist monumentalen Plastiken und Installationen.

Es fehlen weder die bekannten „One Minute Sculptures“ noch die großformatigen Fotografien der „Outdoor“- und „Indoor sculptures“, mittels derer Wurm auf humorvolle Art seine perfekt arrangierten und meist absurden Begegnungen zwischen Mensch und Materie festhält. In diesen Werken dehnt Wurm den Begriff des Skulpturalen bereits auf biologische, soziale und psychologische Phänomene aus. Auch wenn er seine Akteure dazu bringt, groteske Tätigkeiten auszuführen, wie sich Pilze oder Spargel in die Nasenlöcher zu stopfen, ihren Kopf in Dekolletés plaudernder Damen zu stecken oder sich von Wassermelonen überrollen zu lassen, scheinen diese die Prozedur teilnahmslos zu bewältigen.

Wurms „Sculptures“ sind Schöpfungen von optischer Anziehungskraft und hintergründiger Ironie: die kleine Wurstsemmel mit integrierter Treppe „Flying objects to escape from home“ (2006) ebenso wie der Dackel, der den Briefkasten verschluckte, seine Handlungsanweisung „Make your own Franz Erhard Walther“ (2001) oder das Bildnis von Gilles Deleuze, der, den Wurm’schen Anweisungen folgend, seine Beine in einer den physischen Möglichkeiten des menschlichen Körpers unmöglichen Geste verrenkt.

Ganz gleich ob Erwin Wurm Anleitungen zu politischer Unkorrektheit verrät, Lkws verbiegt, einen Porsche bis zur Unbenutzbarkeit anschwellen und Häuser sprechen lässt – er scheint sich seine Kindheitsträume verwirklicht zu haben. Die Qualität seiner Werke liegt darin, dass sie überraschen und zunächst ohne die übliche Kommentarbedürftigkeit zeitgenössischer Kunst auskommen. Die Schwachstelle der Ausstellung ist ihr spektakulärstes Exponat: „House attack“ (2006) ist ein kopfüber auf das Dach des Museums montiertes Einfamilienhaus, bei dem Wurm mit übertriebener Detailgenauigkeit überrascht und entbehrliche Details wie Blumenkästen, Gardinen und Kunstrasen integriert. Mehr Stringenz hätte diesem Werk gut getan. Und en passant wäre Erwin Wurm der Coup gelungen, den schwebenden Diskurs über eine attraktive Intervention in das Museumsquartier nonchalant für sich zu entscheiden.