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GEBEN Im Postkonsumismus wird nicht mehr gekauft. Nur noch verschenkt und getauscht. Auf einer neuen Internetseite übernimmt Software die Vermittlung

VON SVENJA BERGT

 Im Internet: Auf netcycler.de kann man seit Oktober tauschen – eine Software verbindet Wünsche und Angebote. Die Seite www.alles-und-umsonst.de ist eine kostenlose Anzeigenseite fürs Verschenken. Über de.freecycle.org organisieren sich lokale Gruppen, die über eine Mailingliste gebrauchte Dinge abgeben.

 Im Laden: In rund fünfzig Umsonstläden in Deutschland kann man lassen, was man nicht mehr braucht, damit andere es mitnehmen können, ohne dafür zu zahlen. Eine Übersicht gibt es unter www.umsonstladen.de. Einmal im Jahr veranstalten Initiatoren solcher Projekte gemeinsam das „Gib und Nimm“-Treffen.

 Auf Partys: Der private Kleidertausch ist in den letzten Jahren in Cafés, Kneipen und Clubs gewandert, zu mehr und mehr Klamottentauschpartys gehören auch DJs und Livemusik. Auf der Öko-Modemesse thekey.to kann man sich die Kleidung vor Ort noch umnähen. Aktuelle Termine findet man unter www.klamottentausch.net.

Die Fotos auf der Webseite sind unscharf, einige verwackelt, viele überbelichtet. Bücher sind darauf zu sehen, ein MP3-Player, ein Paar Snowboardschuhe Größe 26, ein Handy-Ladegerät. Das Ladegerät gehörte bis vor kurzem noch Tom Laine. Der 41-jährige Finne tauschte es gegen ein paar Briefmarken, erst vor einigen Tagen ist das Paket bei ihm eingetroffen.

Tauschen statt Wegwerfen – ein neuer Angriff auf die Konsumgesellschaft. Das Prinzip ist ein weiterer Versuch, Postkonsumismus schön und gesellschaftsfähig zu machen, nach dem Verkaufen von Gebrauchtem per eBay und Secondhandshop und dem Wiederaufmöbeln von alten Gegenständen statt Neukauf.

Die Macher des Projekts Netcycler wollen mit einer Internetseite Angebote und Gesuche zueinander bringen – so kam Tom Laine zu seinen Briefmarken. „Man stellt Fotos seiner Sachen online und äußert gleichzeitig Wünsche, was man gerne haben würde“, erklärt Mitarbeiterin Christiane Hepp das Prinzip. Im März startete das Projekt in Finnland, seit Ende Oktober können auch Nutzer in Deutschland tauschen. Weil nicht immer ein direkter Austausch möglich ist, wie bei Laine und den Briefmarken, arbeitet hinter der Seite eine Software, die mehrere Wünsche und Angebote zu Tauschringen verknüpft. Bis zu fünf Personen geben Gegenstände weiter, so dass am Ende zu jedem Wunsch ein Angebot passt. „Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man bekommt, was man will“, sagt Christiane Hepp.

Tom Laine ist seit dem Frühsommer bei Netcycler angemeldet und kommt derzeit im Schnitt auf einen Tausch pro Woche. Babykleidung gegen Kinderkleidung, CDs gegen Teller und Tassen, ein Buch gegen alte Münzen. Der Tauschpartnerin von Babykleidung gibt er mittlerweile auch außerhalb von Netcycler Sachen weiter. „Ich will nicht Dinge wegschmeißen müssen, die für andere noch wertvoll sind“, sagt Laine.

Aus dieser Philosophie heraus haben sich in den letzten Jahren verschiedene Konzepte entwickelt. Klamottentauschpartys in Clubs, bei denen zu Musik Kleidung anprobiert wird. Umsonstläden, in denen Gegenstände gebracht werden können, die andere wieder mitnehmen. Und Internetportale wie Netcycler oder die im Jahr 2000 entstandene Seite alles-und-umsonst.de.

In der Darstellung der Netcycler-Macher sieht tatsächlich alles einfach aus: Der Käufer wirft Gegenstände nach Gebrauch nicht in den Müll, sondern gibt sie weiter an andere Konsumenten, die sie weiternutzen. Eine Situation, bei der alle profitieren sollen: die Kunden, weil sie Geld sparen. Die Umwelt, weil weniger Ressourcen ausgebeutet werden. Die Industrie, weil die Kunden langlebigere und damit hochwertigere und teurere Gegenstände kaufen, die sie später verkaufen oder eintauschen können.

Doch ganz so einfach ist es nicht. „Erst, wenn wir es schaffen, die Güter auch nachhaltig zu produzieren, dann schaffen wir es, dass es sozial gerechter zugeht“, sagt Daniela Kaminski vom Second-Hand-Verein „vernetzt“. Sie ist seit 20 Jahren in der Branche tätig. Kaminski ist der Meinung: Gut, wenn die Kunden ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit entwickeln, doch die Unternehmen müssen nachziehen.

„Ich bekomme so einfach Sachen, die ich schon jahrelang haben wollte“

POSTKONSUMENT TOM LAINE

So ist nicht jedes gebraucht erworbene Teil automatisch ein Garant für nachhaltigen Konsum, stellt Siegfried Behrendt vom Institut für Zukunfts- und Technologiebewertung in einer kürzlich erschienenen Studie zum Gebrauchtwarenhandel im Internet fest. Der positive Effekt hänge von verschiedenen Faktoren ab. Da wäre zunächst mal die Frage, welches Gerät eigentlich den Besitzer wechselt. Ist es ein altes Sofa? Dann ist der Öko-Faktor wahrscheinlich hoch. Ist es ein alter Kühlschrank? Dann bringt es der Umwelt wenig – denn der neue Besitzer hätte sich sonst wahrscheinlich einen neuen und damit deutlich energieeffizienteren Kühlschrank in die Küche gestellt. Auch der Transportweg spielt eine große Rolle. Projekte wie Netcycler oder alles-und-umsonst.de versuchen ihn kurz zu halten, weil die Produkte regional zugeordnet werden.

Und dann ist da noch eine weitere Frage: „Der entscheidende Punkt bei der Gebrauchtwarennutzung ist, was mit dem Geld gemacht wird, das man spart“, sagt Ulf Schrader, Professor mit Schwerpunkt Nachhaltigem Konsum an der Technischen Universität Berlin. Denn wofür das gesparte Geld ausgegeben wird, hat meist viel mehr Einfluss auf die eigene Ökobilanz als die Gegenstände, die gebraucht gekauft oder getauscht wurden. „Der Konsum“, stellt Behrendt fest „sollte nicht beschleunigt werden.“ Das Weggeben sollte also nicht dazu führen, sich in immer kürzeren Abständen Neues zu kaufen.

Laine sagt, vieles von dem, was er jetzt tauscht, hätte er sonst auf dem Flohmarkt verkauft oder erst einmal in die Abstellkammer verfrachtet. Tauschen verlängert also zumindest den Nutzungszyklus eines Produktes. Die Gebrauchthandel-Expertin Daniela Kaminski glaubt, das Wandel auch so geht: Erst kommt der Gebrauchtwarenhandel, dann das grüne Gewissen und daraufhin verändert sich dann auch der Rest des Konsums. „Wenn eine Gesellschaft es schafft, das wertzuschätzen, was sie gestern noch in die Tonne getreten hat, dann ist sie vermutlich in der Lage, auch noch mehr zu schaffen“, sagt Kaminski.

Die Dinge in Tom Laines Abstellkammer werden noch eine Weile reichen – er entdeckt gerade die Lust am Tausch. „Ich bekomme so einfach Sachen, die ich schon jahrelang haben wollte und nirgendwo gefunden habe, zum Beispiel alte Münzen.“ Für Laine ist das Tauschen mittlerweile ein Hobby. So wie das Shoppen für andere.