Sind die Medien noch vierte Gewalt?
JA

UNABHÄNGIG Anzeigen sehen aus wie Artikel, Artikel lesen sich wie Anzeigen. Und die Zeitungen verlieren an Auflage und Einfluss

Heribert Prantl, 60, leitet das Ressort Innenpolitik der „Süddeutschen Zeitung“

Mit der Spiegel-Affäre begann vor 52 Jahren die aufgeklärte Demokratie in Deutschland; die Presse wurde die vierte Gewalt. Diese vierte Gewalt ist mit dem Internet nicht schwächer, sondern stärker geworden – aber auch unberechenbarer. Die Mediengewalt wird bisweilen müde, sie schläft ein; dann fährt sie wieder hoch, schreckt auf, haut um sich; sie erregt sich über Skandale, die keine sind; wirkliche Skandale erkennt sie des Öfteren nicht. Manchmal agiert sie besoffen, manchmal wie sediert. Die vierte Gewalt macht Fehler, wie die anderen Gewalten auch – und manchmal sind dies gewaltige, sie diskreditierende Fehler: In der Causa Wulff lag schon in der Dichte und der Frequenz von Artikeln und Sendungen eine Art von Gewalttätigkeit. Dieser Art von Gewalt ist nicht gemeint, wenn von der vierten Gewalt die Rede ist. Es geht um Aufklärungsmacht, nicht um Vernichtungskraft.

Jörg Kachelmann, 55, ist ein Schweizer Autor, Journalist und Unternehmer

Für mich als Jungjournalist war es in den Achtzigern kompliziert. Wollte ich die Öffentlichkeit über das Waldsterben aufrütteln, war ich gehalten, beide Seiten in der Geschichte zu haben und selbst nichts zu sagen. Höchstens den mit der eigenen Meinung etwas länger zitieren. Oder hoffen, dass es ein Professor ist, gegen den der von der Autopartei abkackt. Und mit Glück den Chefredakteur überzeugen, dass er einen Kommentar schreibt, dass man das Problem ernst nehmen sollte. Heute gibt es eine neue Sorte Journalismus. Talkshows. „Der amerikanische Präsident übersieht …“. „Die chinesische Wirtschaft müsste …“. Einerseits, andererseits war gestern. Kommentare überall. Von Journalisten, die so dumm sind wie jeder. Niemand nimmt Narzissten ernst. Diekmann. Leyendecker. Jörges. Markwort. Vierte Gewalt, bald vorbei.

Wibke Bruhns, 75, arbeitet als freie Journalistin und Autorin. Sie lebt in Berlin

Ja, Belege dafür gibt es zuhauf, man denke nur an Christian Wulff und seine Frau. Als vierte Gewalt definieren sich die Medien heute vor allem durch die öffentliche Demontage von Einzelpersonen, wie sie etwa die Bild immer wieder veranstaltet. Da zeigt sich die ganze Macht, die Skrupellosigkeit. Klar, Zeitungen haben schon immer am liebsten Menschen in die Pfanne gehauen. Aber Auflage oder Reichweite zu nutzen, um Leuten oder Ländern zu helfen, das passiert viel zu selten. Dazu kommt, dass PR und Wirtschaftslobby heute mehr denn je Gift für die Pressefreiheit sind.

Franz Josef Jung, 65, ist stellvertretender Vorsitzender der hessischen CDU

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Als Gegengewicht zu staatlichen Gewalten erfüllen Medien mehr denn je die Aufgabe einer vierten Gewalt. Freie Presse in jeder technischen Variante ist ein Grundpfeiler unserer Verfassung. Entscheidend ist, dass die Pluralität der Meinungen gewahrt bleibt. Durch die vielen unabhängigen Stimmen im Internet ist das Spektrum größer als je zuvor. Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gilt der Grundsatz der Staatsferne, den das Bundesverfassungsgericht jüngst im Urteil zum ZDF-Staatsvertrag gestärkt hat. Dies ist ein Schutzschild gegen den Missbrauch der Presse zu Propagandazwecken, wie er zurzeit etwa in Russland betrieben wird. Kritischer, investigativer Journalismus bleibt unverzichtbar. Hinsichtlich eines Presseauskunftsgesetzes sollte zunächst die höchstrichterliche Rechtsprechung abgewartet werden.

NEIN

Susanne Gaschke, 47, ist Journalistin und ehemalige Bürgermeisterin von Kiel

Gut, dass Frank Schirrmacher von „journalistischem Übermenschentum“ gesprochen hat. Er hat das Kampfgewicht, um damit durchzukommen. Ich schließe mich an: Es gibt zu viel journalistisches Übermenschentum. Auch in Zeitungen, die er mitverantwortet. Seit es unmodern ist, dass Journalisten weltanschaulich identifizierbar sind, greift eine pseudoneutrale Schiedsrichterei um sich, die für jeden, der ihr ausgeliefert ist, unerträglich wird. Es gibt zu wenig unabhängiges Denken in Redaktionen. Es wird zu viel abgeschrieben, auch Falsches. Es gibt zu viel Verschmelzung von Nachricht und Kommentar. Es gibt zu viele „Unter-zwei“-Zitate, bei denen die Anonymität nicht den Whistleblower schützt, sondern den Feigling. Und Wehleidigkeit: Jede Kritik an Journalisten ist ein Angriff auf die Pressefreiheit. Einziger Ausweg: Medienkritik. Wo? In den Medien natürlich. Schluss mit der Kumpanei.

Bernhard Pörksen, 45, lehrt als Medienprofessor an der Universität TübingenEs ist ein kurioses Paradox: die Beschwörung von Macht im Moment ihres Verlustes. Allerorten hört man Kritik am Kampagnenjournalismus, an der Neigung zur Hetzjagd und zum Tugendterror. Inzwischen regiert eine lagerübergreifende Medienverdrossenheit und eine fatale Delegitimierung des kritischen Journalismus, der sich verunsichert und starrsinnig zeigt. Die traditionellen Bastionen des Qualitätsjournalismus – die großen Zeitungen und Magazine – sind unter Druck wie nie. Sie verlieren Anzeigen, Auflage und Ansehen und werden anfälliger für PR-Strategen. Die Zeit der journalistischen Großmächte geht zu Ende. Ihre Fähigkeit zum Agendasetting nimmt im digitalen Zeitalter ab.

Charlotte Wiedemann, 60, ist Autorin. Sie schreibt Auslandsreportagen und Bücher

Unter uns Journalisten leiden viele an einem aufgeblasenen Ego, das sich durch die Qualität ihrer Produkte nicht erklären lässt. Die Idee von der vierten Gewalt hat in einer Branche, die ohnehin zur Selbstüberschätzung neigt, einen unguten Dünkel genährt. Ein Korrektiv zu mächtigen politischen und wirtschaftlichen Interessen zu sein – dieses Ideal erfüllt in Deutschland nur eine Minderheit der Journalisten. Zu viele laufen mit der Herde, verhalten sich affirmativ zum ideologischen Mainstream. Und seltsamerweise hält sich der Medienbetrieb für modern, obwohl er dem Rest der Gesellschaft hinterherhinkt: Kaum Frauen als Chefs, wenig Migranten in Redaktionen. Schon die Ossis waren zu fremd. Apropos fremd: Den größten Mut zeigen Journalisten in Ländern, wo niemand auf die Idee kommt, sie als vierte Gewalt zu bezeichnen.

Maximilian Vogelmann aus Berlin hat unseren Streit auf Facebook kommentiert

Die Medien sind nicht mehr vierte Gewalt, sondern wirre Gewalt. Sie haben sich im Dschungel blinkender Eurozeichen verlaufen. Schrumpfende Etats machen sie anfällig für Gratiscontent aus der PR-Maschine. Die digitale Revolution rast auf die Geldgeber zu, sie drucken in Angststarre. So wird die Qualität mieser, der Inhalt beliebiger. Doch die Medien haben auch Einfluss – siehe Christian Wulff. Schon Spidermans Onkel wusste: „Aus großer Macht folgt große Verantwortung.“ Aber der werden Verlage und Sender nicht gerecht. Die Medien müssen hinter dem Schutzschild der Massenabfertigung hervortreten, erhobenen Hauptes. Dafür brauchen sie nicht viel Geld. Aber Mut, ihren eigenen Weg zu gehen.