Freiheit, eine poetische Setzung

FILMREIHE Heute beginnt die Französische Filmwoche: Kennen lernen kann man unter anderem „J’ai tué ma mère“, das Debüt des Frankokanadiers Xavier Dolan

„J’ai tué ma mère“ – „Ich habe meine Mutter getötet“ heißt der erste (und hoffentlich tatsächlich nur semiautobiografische) Langfilm des Frankokanadiers Xavier Dolan, der in Cannes 2009 uraufgeführt und mit minutenlangen Standing Ovations bedacht wurde. Inzwischen hat das gerade einmal 21 Jahre junge neue Kinowunderkind bereits einen zweiten Film fertig gestellt, ein dritter ist in Vorbereitung.

Die Hauptrolle im Erstling übernimmt er gleich selbst; die Filmmutter wird allerdings nicht vom realen Vorbild, sondern von einer Schauspielerin verkörpert. Die Gründe kann man sich leicht ausmalen. Auch wenn Dolan seinem Film ein liebevolles Maupassant-Zitat voranstellt und zwischendurch immer mal wieder versöhnliche Noten anstimmt: Dem Familienfrieden kann „J’ai tué ma mère“ kaum zuträglich gewesen sein – beileibe nicht nur aufgrund des Titels.

Eine über weite Strecken erbarmungslose Opposition zwischen Mutter und Sohn prägt den Film: auf der einen Seite der jugendliche intellektuelle Freigeist und sein noch weitgehend ironiefreier Nonkonformismus, auf der anderen Seite die verbiesterte, engstirnige Kleinbürgerin. Die Mutter lästert im Sonnenstudio mit ihrer aufgetakelten Freundin über die gemeinsame Bekanntschaft, aber bemerkt nicht einmal, dass ihr Sohn homosexuell ist und eine Beziehung mit einem Klassenkameraden begonnen hat. Der Sohn wiederum ekelt sich schon vor der Art und Weise, in der seine Erzeugerin ein Brötchen verzehrt.

Am schönsten ist der Film, wenn sich Dolan bedingungslos dem eigenen Stürmen und Drängen hingibt und seinen neoromantisch anmutenden Narzissmus ohne Rücksicht auf Verluste ins Bild setzt: er selbst stur, mit ewig widerspenstiger Stirnlocke in der Straßenbahn, exzessive Schreiduelle mit der Mutter, Actionpainting mit dem Lover, danach Sex auf den ausgelegten, mit Farbspritzern übersäten Zeitungen.

Zwischengeschnitten sind die intimen Schwarz-Weiß-Bilder eines Videotagebuchs, viel Musik, dynamische Montagen. Zwar schleicht sich gelegentlich dann doch wieder der handelsübliche psychologische Realismus ein, der Vater taucht auf, es wird Beziehungsarbeit geleistet – in diesen Momenten ist „J’ai tué ma mère“ weit weniger aufregend. Der Kern des Films aber ist jugendliche Hysterie, die sich gegen das soziale Gefüge stellt und die sich nicht darum schert, dass die Freiheit, die sie sucht, instabil ist, eine poetische Setzung bleibt und kein verallgemeinerbares Lebensmodell sein kann.