Ausflug zu den Gangstern

KREUZBERG Stereotype und Vorurteile sind bei Azubis verbreitet, sagt die Pädagogin Renate Pulz – und geht mit ihnen dahin, wo’s wehtut

VON MARTIN RANK

Kreuzberg ist überfremdet, heruntergekommen und dazu auch noch gefährlich. Negativbilder über den Kiez wie diese hört Renate Pulz ständig. Die Pädagogin vom Bildungsteam Berlin-Brandenburg leistet Aufklärungsarbeit bei Auszubildenden, sie spricht mit ihnen über Geschlechterrollen, Rassismus und demokratisches Handeln. Und dabei begegnet sie allen möglichen Vorurteilen. So auch bei den KFZ-Mechatronikern im zweiten Lehrjahr aus Neuruppin, die sie im Moment betreut.

Heute macht sie mit den Neuruppinern einen Ausflug nach Kreuzberg. Im Vorfeld hat sie mit den 19 jungen Männern über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit diskutiert. „Viele von ihnen halten Kreuzberg für ein gefährliches Pflaster, ein Gangsterviertel“, sagt Pulz. Fast alle der Azubis würden Rechtsextremismus zwar eindeutig verurteilen. „Allerdings kamen bei der Diskussion alle möglichen rassistischen Stereotype zum Vorschein“, so die Pädagogin. „Sie lachen über rassistische Witze und Muslime setzen viele schnell mit Terroristen gleich.“

In Kreuzberg sollen sie ihre Vorstellungen mit der Realität vergleichen. Der Ausflug führt direkt an die Orte, denen am meisten Stereotype zugeschrieben werden, etwa einer Moschee oder einem Männercafé. Die türkischstämmige Ilknur Anlamaz vom Projekt „X-Berg-Tag“ führt die Jugendlichen herum, sie hat schon vielen Gruppen ihren Kiez gezeigt.

Die Moschee liegt versteckt hinter einer blauen Tür in einem Wohnhaus in der Wiener Straße. Die KFZ-Mechatroniker ziehen sich die Schuhe aus und nehmen Platz auf dem grünen Teppich in einem schlichten Gebetsraum. Zehn Meter weiter verbeugen sich alte Männer Richtung Mekka. Für Licht sorgen ein paar Leuchtstoffröhren, an der Wand hängen Poster von Mekka in schmalen Holzrahmen. „Ich hätte nie gedacht, dass sich hier im Hinterhof eine Moschee verbirgt“, sagt der 21-jährige Patrick Wolfram. Aus einem Lautsprecher ertönt das Ausrufgebet. „Das wird eigentlich von der Säule eines Minaretts ausgerufen“, erklärt Anlamaz. Die Gruppe bemerkt erst jetzt, dass vier von ihnen einfach draußen geblieben sind, und diskutiert, ob sie noch geholt werden sollen. Einer ruft: „Lasst sie doch draußen. Sie sind selbst schuld, wenn sie das verpassen.“ Pulz ist erstaunt über so viel Interesse. „Manchmal gibt es auch große Ablehnung.“

Anlamaz erklärt alles über das Gebet, und die Jungs versuchen sich mit coolen Sprüchen zu übertrumpfen. „Vor jedem Gebet ist die rituelle Waschung Pflicht.“ – „Das ist ja ein Uffriss, ey!“, ruft einer der jungen Männer. „Man sollte auch in anständiger Kleidung zum Gebet kommen, also nicht in Bauarbeiterklamotten.“ – „Dann wär das nichts für mich“, sagt ein anderer. Der Erste wieder: „Ich sag ja: so ein Uffriss!“ Anlamaz fragt, warum Frauen und Männer getrennt beten. „Na, wenn sich die Frauen bücken, dann werden die Männer juckig“, antwortet einer. „Genau“, sagt sie. „Es ist kein Gebet mehr möglich, weil die Männer abgelenkt werden. Darum gibt es für die Frauen einen zusätzlichen Raum.“

Draußen fragt Anlamaz die Jugendlichen, was sie nun von Kreuzberg halten. „Ich hätte mir das schlimmer vorgestellt“, sagt einer mit Basecap. „Sieht eigentlich ganz normal aus hier. Wie in einer Großstadt eben.“ So groß ist der Kulturschock dann doch nicht. Für die Azubis ist die Reise nach Berlin ein bisschen wie Klassenfahrt. Sie sind froh, einmal von der Berufsschule abschalten zu können.

Pulz betreut die Gruppe an elf Tagen. Insgesamt 50 Azubi-Gruppen betreut das Bildungsteam. Das „Rassismusmodul“ sei das beliebteste, erklärt die Pädagogin. Die Jugendlichen hätten auch über Geschlechterrollen diskutieren können, dann wären sie jedoch in Neuruppin geblieben. Nur beim „Rassismusmodul“ geht es nach Berlin. Mechatroniker Patrick Wolfram glaubt, dass sie es nur deshalb gewählt haben. Aber er habe trotzdem eine Menge gelernt.

Eine Jugendstudie vom Oktober kommt zu dem Ergebnis, dass die Brandenburger Jugendlichen heute weniger fremdenfeindlicher seien als in der Vergangenheit. „Dem kann ich nur widersprechen“, sagt Pulz. Bei ihrer Arbeit erlebe sie das anders. Vor der Tour hat Pulz die Jugendlichen schätzen lassen, wie hoch der Ausländeranteil in Brandenburg ist. Sie kamen auf 30 bis 40 Prozent. „Damit waren sie noch recht moderat.“ In Wirklichkeit sind es nicht einmal 3 Prozent. Sie glaubt nicht, dass sie etwas tun kann, wenn jemand ein geschlossen rechtsextremes Weltbild hat. Ein paar der Azubis hätten sich kurz vor der Fahrt krankgemeldet. Pulz hofft, dass die anderen heute etwas offener geworden sind.