Das Theater der unheimlichen Ruhe

NO MUSIC DAY Der Künstler Bill Drummond im taz-Interview über Pornografie und Musikkonsum und die Stille nach dem Erdbeben in Haiti

INTERVIEW DIRK SCHNEIDER

taz: Mr. Drummond, kann man den Umgang mit Musik in unserer Gesellschaft mit Pornografie vergleichen? Das Erleben von Musik ist, wie Sex, etwas sehr Persönliches, aber es ist überall verfügbar.

Bill Drummond: Im 20. Jahrhundert verkam Musik zum reinen Konsumgut, und wir beklatschen nur noch das vermeintliche Genie. Genau auf diese Weise lässt sich mit Musik Geld verdienen. Freie Marktwirtschaft möchte nicht, dass die Leute selbst Musik machen. Damit lässt sich nämlich nichts verdienen. Die Musikmultis wollen uns klarmachen, dass wir das nicht so gut können wie diejenigen, die zum Beispiel Vivaldi spielen oder zum neuen Michael Jackson und zur neuen Lady Gaga ausgerufen werden. Geniekult ist sehr wichtig für die Schallplattenindustrie. Und das ist ganz ähnlich, als würde man uns sagen: Leute, vergesst das mit dem Sex. Ihr könnt das einfach nicht gut genug. Wir haben hier Profis, die wirklich gut vögeln, und ihr bezahlt ab jetzt, um ihnen dabei zusehen zu dürfen.

Was stört Sie so sehr am allgemeinen Umgang mit Musik, dass Sie den „No Music Day“ ausgerufen haben?

Mit der fortschreitenden Entwicklung der Aufnahmetechniken im 20. Jahrhundert haben wir angefangen, Musik als reine Unterhaltung wahrzunehmen. Sie soll uns in eine Stimmung versetzen, uns fröhlich oder traurig machen. Und das betrifft jede Art von Musik, ob Klassik oder Folkmusik aus den Anden. Alles wird zu dieser Sache, die man verkaufen und die man im Radio hören kann. Früher ging es um mehr als Unterhaltung, Musik hatte viele Bedeutungen. Sie wurde zu Beerdigungen gespielt. Sie sollte den Soldaten Mut machen, wenn sie in den Krieg zogen, oder sie verkündete die Geburt eines Kindes. Und natürlich war sie auch zum Tanzen da! Die vielen verschiedene Zwecke hat die Musik im Laufe des 20. Jahrhunderts leider eingebüßt. Es wurde alles unter ein Genre subsumiert. Vielleicht klingt sie noch unterschiedlich, hier nach Satie, dort nach James Brown, aber es ist alles dasselbe: ein Geräusch, das aus einem Paar Lautsprecher kommt.

Hören Sie selbst überhaupt keine Musik?

Ich besitze keine Geräte mehr, um Musik abzuspielen. Die einzige Musik, die ich höre, spielt in meinem Kopf. Außer ich bin auf der Straße unterwegs und nehme Musik wahr, die zufällig aus einem Laden kommt. Ich höre Musik also beiläufig und kann das durchaus genießen. Im letzten Jahr habe ich so oftmals Musik von Lady Gaga gehört, und wirklich, ich liebe Lady Gaga! Nicht sie als Person, ihre Musik. Ein Teil von mir wird nie von der Popmusik loskommen. Aber Pop interessiert mich nicht mehr als Gegenstand intellektueller Betrachtung. Und auch als kreativer Mensch möchte ich damit nichts mehr zu tun haben.

Sie selbst machen aber Musik: Mit Ihrem Projekt The17 reisen Sie durch die Welt und stellen Chöre zusammen, die Ihre – musikalisch sehr simplen – Partituren aufführen.

Ja, aber mit The17 bringe ich doch die Menschen dazu, selbst Musik zu machen und sie nicht zu konsumieren. Jeder kann daran teilnehmen, und natürlich wird nichts davon aufgenommen: Es bleibt eine einmalige Sache. Ein Erlebnis, das nur im Moment stattfindet – und natürlich immer wieder in der Erinnerung. Aber es ist nichts, was man anschalten und hören kann. Und es ist noch mal etwas ganz anderes, als ein Konzert zu besuchen: In dem Fall erwartet man eine perfekte Darbietung. Mit The17 passiert jedoch stets etwas anderes. Oft genug scheitert die Aufführung auch. Aber wissen Sie, ich bin Schotte. Wenn meine Vorfahren in die Schlacht gezogen sind, marschierte ein Dudelsackspieler vorneweg. Er wurde als Erster erschossen. Auch das kann man als Teil der Performance sehen.

Vermissen Sie die Musik, die Ihnen einmal wirklich viel bedeutet hat, gar nicht?

Doch, ich war dieses Jahr in einem englischen Theaterstück, „Jerusalem“. Zum Finale erklang der Song „Who knows where the time goes?“, ein Standard, die bekannteste Aufnahme davon ist von der Folkband Fairport Convention aus den frühen Siebzigern. Das hat mich unglaublich berührt, ich bin in Tränen ausgebrochen. Es hatte etwas mit Nostalgie zu tun: Das war meine Lieblingsband, als ich 16 oder 17 war.

Können Sie beschreiben, wie der No Music Day abläuft?

Vergangenes Jahr wurde ich nach Linz eingeladen, das 2009 Europäische Kulturhauptstadt war. Die hatten den No Music Day so gut organisiert, dass nicht einmal Kirchenglocken in Linz geläutet haben. Auch in den Shoppingmalls lief keinerlei Musik. Nur ein Geschäft hat beim No Music Day nicht mitgespielt, der Besitzer hielt unsere ganze Aktion nämlich für eine faschistische Angelegenheit.

Stimmt es, dass Sie ausgerechnet jetzt mit dem No Music Day aufhören?

Ja. In der Woche vor Weihnachten 2009 war ich in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince, um eine Partitur von The17 aufzuführen. Dort habe ich mein übliches Graffito an eine Mauer gesprüht: „Stell dir vor, du wachst morgen auf, und die Musik ist verschwunden“ – das hatte ich mir extra ins Haitianische übersetzen lassen. Bei dem großen Erdbeben im Januar blieb ausgerechnet diese Mauer stehen! Alles drum herum war eingestürzt, und die Leute dachten, das sei eine Prophezeiung! Wie in der Bibel, die Schrift an der Wand. Denn nach dem Erdbeben herrschte in Port-au-Prince absolute Stille. Man hörte keinen Mucks. Es gab weder Strom noch Radio noch Fernsehen. Und es haben auch keine Musiker gespielt, niemandem war danach. Das war ein echter, ein absoluter No Music Day. Es war schrecklich, ich habe bei dem Erdbeben einige Freunde verloren. Das war für mich der Punkt, an dem ich endgültig beschloss, mit meinen Aktionen zum No Music Day aufzuhören. Mir kommt es so vor, als hätte ich ein Theaterstück geschrieben. Fünf Jahre lang habe ich Regie geführt, jetzt muss jemand anders übernehmen.