Es muss schon etwas Unheimliches sein

ABGRÜNDE Der schönste Trost für Menschen mit Orientierungsschwäche: So suggestiv wie in seinem neuen Roman „1Q84“ hat Haruki Murakami lange nicht mehr geschrieben

VON SUSANNE MESSMER

Das beste Szenario, diesen Roman zu lesen? Wahrscheinlich gibt es viele, aber ein gutes wäre auf jeden Fall: mitten im Umzug. Pläne, Pflichten, Prioritäten: All das ist in den Umzugskisten verschüttgegangen. Die Zahnbürste? Auf jeden Fall nicht im Karton, auf dem „Bad aktuell“ steht. Das Portemonnaie? Wurde zuletzt in den Socken gesichtet. Ist da aber nicht mehr. Man wacht in dunklen, fremden Räumen auf, zwischen vollen Mülltüten und leeren Schränken und versucht vergebens, die ungewohnten Geräusche einzuordnen. Alle Freunde sind weit weg. Der Himmel sieht komisch aus. Morgens findet man keinen Kaffee, und mittags ist die Nummer vom Pizzaservice weg. Kann man ebenso das Bohren sein lassen, denkt man sich resigniert, ein Sofa in die freie Ecke rücken und weiter Murakami lesen.

Tengo und Aomame heißen sie, die Helden Haruki Murakamis in seinem neuen Buch „1Q84“, aus deren wechselnder Perspektive Kapitel für Kapitel erzählt wird, und sie sind der schönste Trost für Menschen mit vorübergehender bis anhaltender Orientierungsschwäche, denn auch für diese beiden werden die „Wände immer flüssiger“, wie es heißt. Tengo und Aomame sind die einsamsten Menschen von ganz Tokio. „Ich bin wie ein Mensch, den man ganz allein in der Nacht auf dem Ozean ausgesetzt hat“, sagt einmal Tengo. Und Aomame, die gefährliche Geliebte, die Femme fatale, wie man sie aus früheren Büchern Murakamis kennt, eine Serienkillerin, die irgendwann eine neue Identität annehmen muss? Sie macht sich Sorgen um einen Gummibaum, den sie gerade gekauft hat und nun in der alten Wohnung zurücklassen muss. Der Grund: „Es war das erste Mal, dass sie etwas Lebendiges hatte.“ Tengo und Aomame sind Waisenkinder, verraten und verkauft. Sie leben fast völlig bindungslos.

Das Einzige, was die Leere dieser beiden füllt, ist die Tatsache, dass sie sich als Zehnjährige einmal kurz an den Händen hielten. Und natürlich ihre Sorgfalt alltäglichen Dingen gegenüber. Bei Tengo ist es – wie bei so vielen Helden Murakamis – das Kochen. Immer wieder wird bis in alle Einzelheiten geschildert, wie Tengo den Ingwer zerkleinert, wie er Garnelen schält und wie er Pilze in eine Pfanne gibt. So etwas kann halten. Und es kann sehr anrühren, wenn man umzugsbedingt seit Tagen nur noch Fertiggerichte gegessen hat.

Dass in dieses Vakuum, mit dem Tengo und Aomame zu kämpfen haben, etwas einzubrechen hat – das ist keine Überraschung für den, der einmal etwas von Haruki Murakami gelesen hat. Es muss etwas Unheimliches, ein Abgrund, ein Es sein. Es ist kein Wunder, dass Tengo und Aomame irgendwann zwei Monde am Himmel sehen. Aber was ist das Neue daran?

Das Neue daran ist: Diese Helden sind zuerst einsamer und dann orientierungsloser als alle anderen Murakamis zuvor. Alle bis auf Naoko vielleicht. „Naokos Lächeln“, das war der Roman, der Haruki Murakami berühmt machte, als er 1987 erschien. Er handelte von einem Jungen, der sich während der Studentenunruhen im Japan der Sechziger Jahre in ein Mädchen verliebte, das für ihn aber nicht erreichbar war. Naoko wurde krank, sie zog sich in die Berge zurück und wartete darauf, dass die psychische Krankheit, unter der sie litt, völlig Besitz von ihr ergriff. „Naokos Lächeln“ ist der einfachste, in sich geschlossenste, berührendste und größte Roman Haruki Murakamis. Alles, was danach kam, war irgendwie komplizierter, verstiegener und bei aller Liebe ein winziges bisschen egaler.

Erst jetzt, mit „1Q84“, hat es Murakami geschafft, an „Naokos Lächeln“ anzuschließen. Das gilt für seinen wie immer toll übersetzen, abgespeckten Stil, seine suggestive Kraft wie für seine faszinierende Geschichte. Denn natürlich geht es in diesem über tausend Seiten langen Roman nicht nur um einsame Menschen, die sich lieben, aber nicht zusammenkommen können. Es geht auch darum, was mit Naoko passiert sein könnte, was sie gesehen haben könnte, als das Buch zu Ende war. Es geht um das Es. Hier: eine revolutionäre Zelle, die sich in der Zurückgezogenheit auf dem Land, von der Kommune zur religiösen Sekte auswächst, und ein Mädchen, das mit Tengos Hilfe über ihre Flucht aus dieser Sekte einen Bestseller schreibt. „1Q84“ handelt von Kindesmissbrauch und Vergewaltigung, von einem Frauenhaus, das fast aufdringlich an das Sanatorium erinnert, in dem Naoko lebte. Der Roman fragt, ob man Vergewaltiger einfach so ins Jenseits befördern darf, wie die sympathisch verzweifelte Aomame dies immer wieder tut. Er verhandelt noch einmal und doch ganz anders die Gewaltfrage.

Und er erzählt davon, dass die Welt schon im Jahr 1984, bevor die Mauer und später das World Trade Center fielen, komplizierter ist, als sie scheint. Es gibt keinen Big Brother wie in George Orwells berühmten Roman, sondern es gibt „little people“, von denen niemand genau zu sagen weiß, ob sie gut sind oder schlecht. Auf jeden Fall entstehen „little people“ im Kopf derer, die die Gegenwart nicht sortiert bekommen. Einen Umzug zum Beispiel. Oder die Stadtautobahn, die durch dieses funktionale Tokio voller funktionaler Menschen führt. Hier jedenfalls beginnt und endet „1Q84“.

„Sämtliche Häuser an der Autobahn waren hässlich, schmutzig verfärbt von den Abgasen der Autos, und überall schrien einem grelle Reklametafeln entgegen. Ein deprimierender Anblick. Wieso schufen die Menschen sich solche bedrückenden Orte?“ Es wäre zu schön gewesen, wenn Haruki Murakami den Nobelpreis bekommen hätte.

■  Haruki Murakami: „1Q84“. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Verlag, Köln 2010. 1023 Seiten, 32 Euro