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Wenn der Keeper unter Naturschutz steht

Oliver Kahns Leistung wird nur noch mit übermenschlichen Maßstäben gemessen. Das ist ein Problem

Wie oft hat man sie schon gesehen, diese Bilder. Ein zorniger Mann, der mit der Welt hadert, ein Mann, über den sich leicht denken ließe, seine Mitmenschen spielen ihm übel mit. Die Visage verrät ungezügelte Wut – Wut, wie sie eigentlich nur Ohnmacht hervorrufen kann. Aber er verzweifelt nicht. Denn das Spiel geht ja weiter, Woche für Woche.

Oliver Kahn – es gibt ihn noch – musste am Wochenende gegen Werder Bremen dreimal hinter sich greifen. Und er musste schon zum dritten Mal in der angelaufenen Spielzeit das Gefühl einer Niederlage aushalten. Beides passiert für gewöhnlich selten, weswegen sich in die Mimik des Keepers ein Schuss Ratlosigkeit mischte. Was in aller Welt ist los mit seinen Vorderleuten? Was geschieht mit dem FC Bayern? Nur eine Frage, die stellt sich Kahn niemals: Was ist eigentlich los mit ihm selbst?

Am Wochenende beging Kahn mal wieder einen dieser Fehler, der auf den ersten Blick nur schwer als solcher zu erkennen ist. Bei einem Freistoß Womés positionierte er sich genau hinter der Mauer. Womé kickte, Lucios Stiefel lenkte den Ball ein paar Zentimeter nach links und es war geschehen – 2:0.

Welchen Anteil hatte Kahn an diesem Gegentreffer? Kaum jemand traute sich, diese Frage zu stellen. Im Laufe der Jahre hat sich das Bild vom übermenschlichen Keeper Kahn verfestigt, dem nur alle Jubeljahre mal ein Fehler unterläuft – eine bloße Rückversicherung dafür, dass Kahn auch nur ein Mensch ist. Und nach dem Match sagte Bayerns Coach Felix Magath, der Ball sei abgefälscht gewesen, weswegen Kahn seine Hände in Unschuld waschen dürfe, was diesen einmal mehr in seiner Weltsicht bestätigte: Schuld haben (fast) immer die anderen.

Kahn hat beharrlich dafür gearbeitet, dass sich dieser Reflex eingestellt hat. Für einen Abwehrspieler muss es ein eigenartiges Gefühl sein, den Krakeeler hinter sich zu wissen. Ständig zürnt er seine Vorderleute, die ihrerseits Grund hätten, den manischen Arbeiter der Stagnation zu zeihen. Seit Kahn vor einigen Jahren die Erfahrung gemacht hat, dass es auch für ihn möglich ist, Flanken zu verfehlen, verharrt er lieber gleich in Sprungposition. Sein Areal endet gut einen Meter vor dem Tor. Und wenn er selbst bei butterweichen Hereingaben die Arbeit verweigert und ein Gegner aus kürzester Distanz einnickt, dann ist die schlecht postierte Defensive in Anbetracht des dezibelstarken Standgerichts nicht zu beneiden.

Es wäre interessant, einmal zu erfahren, wie ein solches Betragen von einem Keeper bezeichnet würde, der nicht jahrelang zum kleinen Kreis der internationalen Spitzenkräfte gezählt wurde. Im Fall Kahn haben sich die Fachleute auf eine Formulierung geeinigt, die an Denkmalschutz erinnert. Sie nennen es: Ausstrahlung. STEFAN OSTERHAUS